> > > Prokofieff, Sergej: Sinfonien Nr. 4 und 7
Sonntag, 24. März 2019

Prokofieff, Sergej - Sinfonien Nr. 4 und 7

Penible Lesart im Subtext


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Unkonventioneller Revolutionär oder melodienreicher Formalist? Beides sieht Andrew Litton in Prokofjew und bringt dies mit einem bestens disponierten Bergen Philharmonic Orchestra am Beispiel von Prokofjews Sinfonien Nr. 4 und 7 zum Klingen.

Russische Sinfonik bildete einen Arbeitsschwerpunkt von Andrew Litton, solange er am Pult des Bergen Philharmonic Orchestra als Chefdirigent wie musikalischer Leiter stand. 2015 wechselte er zum New York City Ballet. Seine Beschäftigung mit den russischen Komponisten Tschaikowsky, Rachmaninow, Strawinsky, Skrjabin und mehrfach Prokofjew wird unter anderem durch seine Einspielungen dokumentiert, die beim Label BIS erschienen sind.

In seiner letzten Arbeitsphase in Bergen zwischen Januar 2014 und Mai 2015 setzte Litton sich intensiv mit Prokofjews Vierter und Siebter Sinfonie auseinander. Nach der Sechsten und Fünften Sinfonie ist es seine dritte CD mit Symphonien von Prokofjew beim Label BIS. Am Ende der vier Sätze in der Siebten Symphonie ist der vierte Satz auch in der von Prokofjew vorgelegten Variante zu hören. Damit outet sich Litton, dass er nicht nur als Pianist ein bekennender Urtextleser ist. Seine Interpretationen fußen auf eine fast schon penible Lesart des Notentextes sowie dessen, was sich im Subtext verbirgt - Biographisches, Emotionales und Kompositionstechnisches des Schöpfers.

Vereinigung des Unvereinbaren

Prokofjew gilt als lebensfrohe Natur. Unbekümmert stürzte er sich in das Abenteuer Komposition, schockierte und begeisterte mit seiner Exzentrik, die ihm frühen und schnellen Ruhm einbrachte. Ein Avantgardist ist er dennoch nie geworden. Mit organisierter Willenskraft konstruierte er, was gehört werden sollte, und offenbarte dabei unverhohlen seine innere Verwandtschaft mit klassischen Stilen. Diese und weitere Widersprüchlichkeiten irritierten und drückten seinem Personalstil die Marke der ‚Vereinigung des Unvereinbaren‘ auf.

In diesem Sinne muss man die Vierte Sinfonie betrachten. Prokofjew komponierte sie zwei Mal. Nach der Überarbeitung der Erstversion bemerkte er, er habe so viel Neues geschrieben, dass man eigentlich von einer siebten Sinfonie sprechen könne. Zu diesem Zeitpunkt gab es allerdings noch keine Siebte Sinfonie. Heute werden beide Versionen als Vierte Sinfonie dokumentiert, jedoch mit den Opuszahlen 47 für die erste Version aus dem Jahr 1930 und 112 für Version zwei 1947. Den Stempel ‚erfolglos‘ tragen beide. Die Uraufführung von op. 112 gelang erst vier Jahre nach Prokofjews Tod. Dass eines seiner ‚Lieblingskinder‘ nicht aufgeführt wurde, bekümmerte ihn sehr.

Künstlerische Verirrungen

Andrew Litton weckt mit seiner Interpretation der zweiten Fassung Neugier und Interesse. Beiden Fassungen liegt Prokofjews biblisches Ballett ‚Der verlorene Sohn‘ zugrunde. In der Dritten Sinfonie hatte er dieses Konzept mit Erfolg erprobt. Die erste Fassung der Vierten Sinfonie entstand als Auftragswerk zum 50jährigen Bestehen des Boston Symphony Orchestra. Auch bei Strawinsky, Hindemith, Copland, Honegger und Respighi hatte das Orchester Sinfonien in Auftrag gegeben. Strawinsky komponierte beispielsweise die 'Psalmensinfonie'. Prokofjews Beitrag fiel durch. Die Verwendung von schon verbrauchtem Material legte man ihm zur Last.

Als Jahre später 1948 das Zentralkomitee der KPdSU die Vierte Sinfonie als künstlerische Verirrung und Negativbeispiel für sowjetisches Komponieren brandmarkte, nahm Prokofjew das Ausgangsmaterial und arbeitet die Sinfonie komplett um. In seinen Überlegungen floss auch die Tatsache mit ein, dass er dieses Werk einem komplett anderen Publikum vorstellen würde. Zudem strebte er eine neue Einfachheit an, um sich dem ihm anhaftenden Ruf als Enfant terrible endgültig zu entledigen.

Modern und melodiös

Vor diesem Hintergrund ist das Ergebnis nachvollziehbar. Die Vierte Sinfonie op. 112 steckt voller Überraschungen hinsichtlich der musikalischen Gedanken und thematischen Verarbeitung. Darauf konzentriert sich Litton. Er kehrt diese Unterschiedlichkeiten durch Präzisierungen hinsichtlich Klangabstimmung, Tempo und Dynamik hervor. Damit betont er, was als Gegensätzlich empfunden werden kann, verblüfft und fasziniert: eine Modernität, die sich Prokofjew entgegen dem Diktat der KPdSU nach überzeugender Abkehr von ausländischen Einflüssen dennoch gestattet, in der Kombination mit allzu Melodiösem.

Die Siebte Sinfonie vollendete Prokofjew im Jahr vor seinem Tod. Ursprünglich wollte er eine Sinfonie für Kinder komponieren, später revidierte er seine Absicht und deutete auf eine Auseinandersetzung mit seiner Jugend hin. Beides ist schwer nachvollziehbar. Im Titel widmete er das Werk der sowjetischen Jugend. Es erstrahlt in einer auf Einfachheit reduzierten optimistischen und lyrischen Stimmung. Schostakowitsch bezeichnete als Dokument einer ‚überschwänglichen Vaterlandsliebe‘, was man durchaus als sarkastisch bis ironisch auffassen kann. Die offensichtliche Konfliktlosigkeit dieser Sinfonie stieß auf Ablehnung außerhalb der UdSSR, die Staatsmacht aber jubilierte. 1957 erhielt Prokofjew für dieses Werk posthum die zu diesem Zeitpunkt in Lenin-Preis umbenannte höchste Auszeichnung. Stalin war in unmittelbar zeitlicher Nähe zum Tod von Prokofjew gestorben.

Als Kindersinfonie getarnt

Andrew Litton legt in der Siebten Sinfonie mit dem Bergen Philharmonic Orchestra offen, was das Werk auszeichnet: eine unendliche Themenvielfalt, eine überaus durchsichtige Instrumentation, subtile rhythmische Akzente, Modulationen und Ausweichungen. Im ersten Satz 'Moderato' erklingt ein melancholisches Thema in russischer Idiomatik, spannungsreich dramatisiert durch die Streicher. Das zweite Thema, eine von nebelschwadenwaberndem Tremolo ummantelte aufsteigende Melodie der Bässe wird von einem irritierend naiven musikalischen Gedanken abgelöst, der sich aus Xylophon- und Glöckenklang zusammensetzt. Spätestens hier generiert er kindliche Spielliedchen. Erst danach setzt die Durchführung an.

Im zweiten Satz, einem Konzertwalzer, tanzt das Orchester im Wechsel der überschaubaren ABABA-Form bravourös-stürmisch und ruhig-getragen. Im folgenden 'Andante espressivo' glaubt man Brahms durchzuhören. Überaus plastisch gelingt es den Orchestermusikern, einen Dialog untereinander zu führen. Im Schlusssatz greift Prokofjew das ruhige erste Thema wieder auf und variiert es noch einmal. Der temperamentvollen Einleitung des rondoartigen Finales folgen neuerlich kinderliedartige Motive. Am Ende zitiert Prokofjew den Schluss des ersten Satzes. Das ist die erste Variante des Schlusssatzes der Vierten Sinfonie. Die zweite Variante, die Litton hier auch bietet, endet mit der Wiederholung des ersten Themas. Diese Fassung geht auf Samuil Samossud zurück, der das Werk später auch zur Uraufführung brachte. Seine Überlegungen hatte er gegenüber Prokofjew damit begründet, dass ein so ungewöhnlich lyrisch-beschauliches Ende wie das der Urfassung den abschließenden Höhepunkt entbehre. Prokofjew ging darauf ein, meinte jedoch, dass seine erste Fassung die bessere sei. Litton liefert den Beweis, dass der Komponist Recht hatte.

Die Produktion verfügt über ein Booklet, das eine ausführliche wie fundierte Erläuterung zu beiden Sinfonien in deutscher, englischer und französischer Sprache bietet. Gerade weil diese Sinfonien Prokofjews weiterhin nur selten in Konzerthäusern eine Rolle spielen dürften, verdient Litton und das Bergen Philharmonic Orchestra höchste Beachtung. Zuhörern bieten sie jenseits aller musikhistorischen Auseinandersetzung wahren Hörgenuss.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Prokofieff, Sergej: Sinfonien Nr. 4 und 7

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
03.08.2016
EAN:

7318599921341


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Prokofieff, Sergej


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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