> > > Haydn, Joseph: Sonaten in Moll
Montag, 18. Oktober 2021

Haydn, Joseph - Sonaten in Moll

Ernste Diktion


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein Album nur mit Klaviersonaten in Moll von Joseph Haydn: Bernd Glemser sucht nicht den feinen Humoristen, auch nicht den geläufig-galanten Virtuosen in der Scarlatti-Nachfolge, sondern spürt offenbar der Romantik bei Haydn voraus.

Bei Haydns Klaviermusik stellt sich immer die Frage, welches musikalische Gesicht des Komponisten mit der besonderen, individuellen ästhetischen Perspektive der jeweiligen Ausführenden kompatibel ist. Deshalb haben die meisten verbreiteten Gesamtaufnahmen – unter anderen Rudolf Buchbinder, Werner Olbertz, Carmen Daniela oder Jenö Jandó am (modernen) Klavier, Christine Schornsheim, Ronald Brautigam oder Tom Beghin am historischen Tasteninstrument (zumeist Hammerflügel, aber auch Cembalo) – auch ihre auffälligen werkspezifischen Höhen und Tiefen. Und deshalb fallen Zusammenstellungen einzelner Werke (durchaus aus ganz unterschiedlichen Schaffensphasen Haydns) oft spannender, da in der Auswahl ziemlich prototypisch für die Charakteristika ihrer Protagonisten aus: Alfred Brendel etwa zeigte sich (s)einem Dutzend bevorzugter Sonaten durchweg gezielt als auktorialer Erzähler der klassischen Formen und Konzert-Idiome Mozarts, Svjatoslav Richter liebte die etwas perkussiveren Sätze und Entwicklungsgänge in Toccaten-Nähe zwischen Bach und Prokofjew, und Marc-André Hamelin inszenierte sogar noch mehr das oft ziemlich Understatement-Hafte offener oder subkutaner pianistischer Virtuosität als verspielte ‚kleine‘ Klavier-Visitenkarte eines der eloquentesten Instrumental-Komponisten aller Zeiten. Das Tänzerische, Springende, Spielfreudige, dem man in perfektester pianistischer Form bei Hamelin, aber auch Ronald Brautigam oder der ‚ungarischen Schule‘ (Deszö Ranki, András Schiff, mit Abstrichen Jenö Jandó) begegnen kann, vollzieht sich allerdings in einer ganz anderen, auf die späten Londoner und die klassischen Auenbrugger-Sonaten konzentrierten Werkauswahl – wenngleich das Presto-Finale der h-Moll-Sonate Hob. XVI:32 mit seiner anfänglichen Schein-Polyphonie und der wie diese gleichwohl an das Vorbild Domenico Scarlatti erinnernden, geläufigen ‚iberisch-ungarischen‘ Umspielungsfiguren die Grenze hin zum eindrucksvollen Tempospiel auch in Bernd Glemsers Einspielung mitreißend überschreitet. Das ist aber auch schon der virtuose Ausreißer und Extrempunkt seiner neuen Platte, und die ansonsten bevorzugten Qualitäten sind in diesem pianistischen Vorzeigestück ebenfalls da: sinnfällige dynamische Kontraste, eine unaufgeregte, souveräne Diktion in der genau kalkulierten Phrasierung bei ansonsten kaum übertriebener Tempowahl.

Moll-Sonaten als Gegenwelt eines virtuosen Spiels?

Haydns Ausdruckswelten in Moll, seine Klavierversionen der immer jeweiliger Tonart und jeweiligem Satzcharakter gemäßen theatralen Affekte sind bei Glemser in fürsorglichen, intelligenten Händen. Schon der ausdrucksstarke Kopfsatz der eben genannten h-Moll-Sonate mit all seinen harmonischen Reibungen an Fixtönen, Dissonanzflächen, bassgetriebenen Schreit-Bewegungen zeigt Haydn als Experimentator, schon auf der Suche nach Beethovens neuem Pathos der musikpoetischen Tiefe, bei der jedes Thema, jedes Motiv, jeder Akkord genau an seiner richtigen Stelle stehen muss, damit das Individuelle, Einzigartige und Unwiederholbare jedes Satzes und jeder Sonate entstehen und wirken kann. Gerade die Moll-Sonaten waren und sind ja schon wie andere Moll-Werke aus dem Konversations- und Konfektions-Kosmos der Dur-Werke herausgenommen. Haydn selbst hat an der herausragenden ‚frühen‘ c-Moll-Sonate (Hob. XVI:20) wohl ein gutes Jahrzehnt gefeilt und sie nicht etwa schon mit ihren Altersgenossen 1773 als ‚Opus 13‘ seinem Fürsten und der galanten Wiener Clavier-Szene dargeboten, sondern erst 1780 als aus der gerade neu definierten klassischen Sonaten-Norm wieder ausbrechendes Schluss-Stück seiner avanciertesten Sammlung, der ‚Auenbrugger-Sonaten‘ Opus 30. Glemser nutzt sie als bahnbrechendes Start-Stück, die ganz Fantasie-gemäß fast improvisiert anmutenden, fantastischen Züge und Überraschungen nicht zu vordergründig als Effekte auskostend wie mancher Konkurrent, sondern ganz gefangen im aufregenden thematischen Geschehen, das an drei bis vier musikalischen Orten nacheinander diverseste thematische Charaktere zusammenzubinden sucht. Der Pianist ist hier quasi ein die ganze musikalische Welt bergendes Individuum, das uns Schnappschüsse der unterschiedlichsten bereisbaren Kontinente des Ausdrucks zeigt, ihre (historischen) Idiome wie vor allem auch ihre ganz akuten, wechselhaften emotionalen Wirkungen. Glemser bleibt dabei relativ kühl, distanziert, souverän. Er verschreibt sich keinem für einen etablierten Virtuosen wie ihn so naheliegenden Überagieren, sondern lässt die Klangreden wirken, auch in den langsamen Sätzen, die ganz auf Ausdruck und Reflexionen ihrer sich verändernden Nuancen zielen.

Fünf Moll-Sonaten als Kosmos emotionaler Subjektivität

Ein Satz wie das 'Moderato' der cis-Moll-Sonate Hob. XVI:36 wird da schon fast mit der Handbremse genommen (man kennt ihn auch aggressiver), leicht flexibel im Tempo statt in sturem, über die ja gerade rhetorisch so wichtigen fermatenhaften Pausen vorantreibenden Grundrhythmus. Gesucht wird auch der angemessene Klang: wiederum die erwartbare hinreichend klare, aber nicht ausschließlich verbindliche Non-legato-Diktion, keine sarkastische Dauerspitze wie bei Hamelin, sondern ausdrücklich variabler und oft ziemlich eindringlicher Anschlag zwischen Kraft und Fühlen. Dieses cis-Moll-'Moderato' zeigt sich als in vielerlei Hinsicht – nicht nur harmonisch – geradezu angsteinflößend offener Satz, bei dem man merkt, wie schwer es Komponist und Pianist fallen muss, die Kontrolle über das Geschehen zu bewahren, den schmerzlichen Ton auszuhalten, ohne die ausgeloteten Grenzen in Tempo und Lautstärke eruptiv zu überschreiten.

Auch das einleitende 'Moderato' der abschließenden g-Moll-Sonate Hob. XVI:44 mit gleichwohl rund neun Minuten Kraftanstrengung in zurückhaltender Trauer und Melancholie fällt eindrucksvoll in diese Kategorie. Wobei die Melancholie in den Erinnerungen an alte Tanzsätze – dem Menuett aus Hob. XVI:36 und dem auch auf dieser CD finalen 'Allegretto' Hob. XVI:44,2 – ebenso schön integriert und gut aufgehoben scheint. Eine Aufnahme mit viel Noblesse, in der man nur an ganz wenigen entsprechenden Stellen eine Aktivierung von kleinen noch expressiveren, vielleicht sogar etwas wilden Momenten vermissen könnte, die vielleicht den Aufbruch ins Romantisch-Offene noch direkter markieren. Ein entsprechendes Szenario bietet sich etwa im finalen, scheinbar recht schulmäßgen Variationenrondo der ganz zentralen, in Haydns Klavierschaffen ganz herausragenden e-Moll-Sonate Hob. XVI:34 von 1784, das Glemser dann doch etwas zu distanziert und harmlos präsentiert: Was hier quasi im aufbruchsartigen, fast grimmigen Refrain schon ein Schubert-Lied vorwegnimmt (etwa die Rastlosigkeiten der 'Winterreise' und des Müllerburschen), wird von Glemser dann doch nur als galante Diminution des letzten Refrains vorgeführt. Die Sprengkraft dieser musikalischen Fantasie findet sich in anderen Aufnahmen deutlicher getroffen, den zarten, Idyllen erinnernden Episoden findet sich da nachdrücklich bei Jenö Jando, erst recht bei Ronald Brautigam der Refrain als eine Art zunehmendes Nach-Grollen gegenübergestellt (man denke an die entsprechende Ironie der 'Dichterliebe'). Im 'Presto'-Kopfsatz dieser Sonate ist Glemser – und das führt vielleicht im Finale zur einzigen kleinen Enttäuschung dieser Platte – allerdings voll und ganz in diesem Element der Auslotung widerstrebender Gefühle durch die sich recht frei entwickelnden Passagen. Er zeigt hier und im doppelgesichtigen Mittelsatz (‚Scherzando‘?) in angemessen ernster Diktion die Nähe gerade dieser e-Moll-Sonate schon zur völligen Neubestimmung und Versenkung des pianistischen Ausdrucks in den großen Sonaten Beethovens und Schuberts. Gerade den Verächtern der klassischen Sonatenkunst Haydns gegenüber den Klaviertitanen eine Generation später sei diese Platte ans Herz gelegt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Haydn, Joseph: Sonaten in Moll

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
30.09.2016
Medium:
EAN:

CD
4260034864559


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Haydn, Joseph


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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