> > > Insane Harmony: Werke von Purcell, Lawes, Locke, u.a.
Mittwoch, 23. Oktober 2019

Insane Harmony - Werke von Purcell, Lawes, Locke, u.a.

Mitreißend und voller Überraschungen


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit dieser Aufnahme ermöglicht das Ensemble Musica Alta Ripa dem Zuhörer eine Reise in die englische Instrumentalmusik des Frühbarocks. Die lebendige Vortragsweise und die ausdrucksstarke Interpretation sorgen für ein beeindruckendes Hörerlebnis.

Den Mitgliedern des Ensembles Musica Alta Ripa gelingt es mit ihrer Präsentation frühbarocker englischer Musik, gleich zwei Herausforderungen zu meistern: Zum einen schaffen sie es, den Erwartungshorizont des Hörers um Komponistennamen zu erweitern, die jenseits der bekannten Größen des Barock wie z.B. Bach, Händel, Vivaldi oder Telemann liegen. Was das Hören dieser Aufnahme jedoch erst zu einem richtigen Vergnügen macht, ist ihre Kunst, die ohnehin schier unendliche Vielfalt stilistischer Finessen des späten 17. Jahrhunderts in ihrer Interpretation in unterschiedlichsten Facetten zur Geltung zu bringen. Als weiterer interessanter Aspekt spielt die stets wechselnde Besetzung eine Rolle, die nicht nur für ein abwechslungsreiches Klangerlebnis sorgt, sondern die jeweiligen Besonderheiten der Werke geschickt in den Vordergrund rückt und unterschiedlich beleuchtet.

Verrückte Harmonien in elegantem Gewande

Der Titel des Albums mutet zunächst etwas merkwürdig an und wird einem Leser, der in die CD hineinhört, eventuell Rätsel aufgeben. Von so viel Lebendigkeit, Frische und eingängigen Melodien zeugt bereits die erste Suite von Purcell, so dass man sich fragt, ob das Motto ‚Insane Harmony‘ nicht etwas übertrieben ist. Wie so oft aber zeigt sich der wahre Kern der Musik auch hier erst im Detail und ist dem einen oder anderen Hörer eventuell erst bei mehrmaligem Lauschen nachvollziehbar. Dann jedoch sind die ungewöhnlichen harmonischen Übergänge, die kühnen chromatischen Wendungen, die sich beispielsweise in Purcells 'Pavane & Chaconne in g' zeigen, nicht mehr zu überhören, zumal sie von den Solisten des Ensembles hervorragend herausgearbeitet werden. Faszinierend setzen Danya Segal (Blockflöte), Anne Röhrig, Ulla Bundies (Violine), Albert Brüggen (Violoncello) und Bernward Lohr (Cembalo & Orgel) das Phänomen um, dass der Hörer mit teilweise aberwitzigen und höchst skurrilen Kompositionsmerkmalen konfrontiert wird, ohne je die Ebene des Vertrauten komplett verlassen zu müssen. Dies spricht auch für die Anordnung der Werke, denn diese ist bewusst so angelegt, dass von Anfang an ein mitreißender Sog von der Musik ausgeht. Die 'Suite in G' von Purcell könnte als Auftakt kaum besser gewählt sein, denn sie vereint etliche jener Merkmale, die sich als Charakteristikum durch sämtliche folgenden Werke ziehen: Lebendigkeit, Schwung, rhythmische Kraft, die beinahe zum Tanzen anregt, und nicht zuletzt ein perfekt aufeinander abgestimmtes Ensemble, das einen für die Barockzeit angemessenen schlanken Klang wählt und die Musik mit Ausdruck und Tiefe füllt, ohne sie emotional zu überfrachten.

Brillante Spieltechnik in unterschiedlicher Besetzung

Nicht nur die kompositorische Vielfalt und die geschickte Anordnung der Dramaturgie machen die beim Label MDG erschienene Aufnahme des Ensembles Musica Alta Ripa zu einer Bereicherung jeder gut sortierten CD-Sammlung. Auch die abwechslungsreichen Besetzungen, in denen die Werke dem Hörer präsentiert werden, und die spieltechnischen Details der von den Musikern perfekt beherrschten Instrumente sorgen für ein wahres Hörerlebnis. Wer die Blockflöte beispielsweise für ihre charakteristische Brillanz und Verspieltheit liebt, wird auch hier auf seine Kosten kommen, jedoch noch einige andere künstlerischen Seiten an ihr entdecken. Besonders facettenreich ist in dieser Hinsicht die 'Suite in e' von Matthew Locke für Blockflöte und Basso continuo. Zwar gehört dieses Werk zu jenen, die zunächst nicht so leicht ins Ohr zu gehen scheinen wie die 'Suite in G' oder die 'Fantasie' von Purcell. Wer sich jedoch vom ersten Klangeindruck nicht beirren lässt und es wagt, der Musik genauer nachzuhören, wird reich belohnt werden. Danya Segal zeigt mit ihrem differenzierten und ebenso virtuosen wie ausdrucksstarken Spiel, über welches Repertoire an Klangfarben und Ausdrucksmöglichkeiten die Blockflöte verfügt, die zu melancholischen, klagenden und sehnsuchtsvollen Klängen ebenso fähig ist wie zur Ausgelassenheit und Geläufigkeit.

In welch interessanten Kombinationen die Musiker jedoch auch immer spielen: Die unterschiedlichen Instrumente sind zu jeder Zeit perfekt aufeinander abgestimmt und der Klang dabei stets so ausbalanciert, dass jeder Solist sich frei entfalten und die Besonderheiten seines Instrumentes hervorkehren kann, ohne zu sehr aus dem Gesamtklang herauszustechen. Fazit: Absolut empfehlenswert!



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Insane Harmony: Werke von Purcell, Lawes, Locke, u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
26.08.2016
Medium:
EAN:

CD
760623196121


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Lawes, Henry
Locke, Matthew
Purcell, Henry


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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