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Sonntag, 26. März 2017

Mahler, Gustav - Sinfonie Nr. 7

Jenseits des Schönschliffs


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Düsseldorfer Symphoniker gehen einen neuen Mahler-Zyklus an: Neugierig macht nicht nur der aktuelle Qualitätsstand des Orchesters, sondern auch, inwieweit das Mahler-Bild Adam Fischers sich von den Budapester Einspielungen seines Bruders Ivan unterscheidet.

Vorweg: Die Fischer-Brüder sind keine Ekstatiker und auch keine Schönklang-Schwelger. Mahlers Siebte Symphonie in eine klangkulinarische Reise durch die fast klischeehaften Idyllen der Nachtmusiken und des festwiesenhaften Finales zu verwandeln, mag zwar Daniel Barenboim (mit der Berliner Staatskapelle) durchaus exemplarisch gelungen sein (und Valery Gergiev in London eher misslungen), ist aber Adám Fischers Sache nicht. In dieser Produktion ‚auf der Basis‘ (was immer auch das genau bedeuten mag) von Mitschnitten dreier Konzerte im November 2015 stehen ihm zu Beginn seiner Ära in der nordrheinischen Landeshauptstadt auch (noch) nicht die Streicherqualitäten international herausragender Orchester zur Verfügung: Die Violinen klingen in dieser aufzeichnungstechnisch recht kompakt zusammengesetzten, aber genügend plastischen und differenzierten Aufnahme immer etwas zu wenig präsent, entwickeln auch in den elegischen und final erhebenden Höhepunkten weniger Strahlkraft als aus Produktionen mit den Champions-League-Orchestern gewohnt. Dafür entschädigen die Bläserpulte voll und ganz, besitzen die ausgezeichneten Holzbläser und die je nach Satzsituation angemessen stimmungsvoll spielenden Hörner ebenso individuellen Charakter und idiomatische Prägnanz wie das tadellos aufttrumpfende Blech.

Ein wenig Chicago aus Düsseldorf

Schon vor Bewusstwerdung der ungarischen Herkunft kam mir Georg Soltis Aufnahme dieser Symphonie mit dem Chicago Symphony Orchestra von 1971 (Decca) als erste Referenz in den Sinn – nicht hinsichtlich des fast unerreichbaren, mitunter fast zu schön getrimmten Streicher- und Bläserglanzes, sondern hinsichtlich der unbeirrbaren Herausarbeitung des Kaleidoskophaften, einer irgendwie doch sachlich angemessenen Sezierung der kollagenartigen Machart dieser Symphonie, in der gerade auch die Klischees aus Mahlers Symphonien 1 bis 5 fast zitathaft aneinander und ineinander geschnitten Revue passieren. Solti hat das 1971 in Chicago ungeachtet aller Schönklang-Konkurrenz à la Karajan mit einer fast brillanten Kühle als Aspekt des Modernen bei Mahler inszeniert (im ‚Amerikanistischen‘ dabei wie ein Eintauchen Mahlers bereits in die ästhetisch gebrochenen Parallelwelten von Charles Ives).

Adám Fischer nutzt die Situation, nicht der Edelformation aus Chicago, aber eines tüchtigen städtischen Orchesters habhaft zu sein, indem er seine Musiker zu einer ähnlichen punktuellen Intensität animiert, in der gerade nicht die fleckenlos-volltönende Schönheit der Einzelphrasen ausgekostet wird, um im Zuviel des Nebeneinanders einen Bruch hervorzurufen, sondern die Ehrlichkeit des instrumentalen Handwerks ganz unverstellt zum Tragen kommt, um die Kraftanstrengung zu verdeutlichen, die der Komposition und der Interpretation dieser Musik immer als eine herausfordernde, existenzielle Aufgabe zugrunde liegt. Die Düsseldorfer stellen sich dieser Aufgabe, deutlich und lustvoll zu spielen, zu schwelgen, ohne den von Fischer immer streng gehaltenen großrhythmischen Zug zu verlieren – eben im Teamwork ein Kaleidoskop der Klangmöglichkeiten dieser so fragwürdigen und im Ausdruck extrem disparaten Symphonie zu entwickeln, das durchgehend spannend bleibt. Auch wenn es sicherlich inzwischen unzählige im Detail feinere und in den monumentalen Ecksätzen überwältigendere Alternativen gibt.

Mehr noch als in den bisher fünf Einspielungen Iván Fischers, unter denen die Siebte noch fehlt, überzeugt bei Adam Fischer die nüchterne Konzentration auf Partitur und Klang, eine ruhige und bestimmte Sachlichkeit der Partiturwiedergabe als Gegenpol etwa zu Bernsteins emotionalen Ekstasen, in welchen die instrumentalen Texturen angesichts agogischer Extreme in den Hintergrund traten. Adam Fischer schönt nicht, weniger als Ivan mit seinem ungarischen Festival-Orchester, das manchmal – meine Referenz hier leider nur die Sechste – etwas zu glatt und oberflächlich musiziert, sondern lässt das durchaus recht disparat Gespielte (und von Mahler Gemeinte?) aus Prinzip des performativ punktuell für sich Wahren wirken. Und das einmal zu hören, ist die Anschaffung dieser CD wert.

Und wenn die Düsseldorfer Streicher sich unter Fischer noch von Aufnahme zu Aufnahme steigern (er gilt ja als Orchestererzieher) und mehr eigene Strahlkraft entwickeln, statt manchmal eher Kitt-Funktionen zu übernehmen, wäre in dieser Reihe sogar Herausragendes zu erwarten – die Erste Symphonie Mahlers im Februar 2017 wies live in der Tonhalle schon in eine solche Richtung und wird sicher bald als zweite Zyklus-Scheibe folgen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 7

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
CAvi-music
1
12.08.2016
EAN:

4260085533497


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Mahler, Gustav


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CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


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