> > > Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 7
Dienstag, 22. August 2017

Mahler, Gustav - Sinfonie Nr. 7

Jenseits des Schönschliffs


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Düsseldorfer Symphoniker gehen einen neuen Mahler-Zyklus an: Neugierig macht nicht nur der aktuelle Qualitätsstand des Orchesters, sondern auch, inwieweit das Mahler-Bild Adam Fischers sich von den Budapester Einspielungen seines Bruders Ivan unterscheidet.

Vorweg: Die Fischer-Brüder sind keine Ekstatiker und auch keine Schönklang-Schwelger. Mahlers Siebte Symphonie in eine klangkulinarische Reise durch die fast klischeehaften Idyllen der Nachtmusiken und des festwiesenhaften Finales zu verwandeln, mag zwar Daniel Barenboim (mit der Berliner Staatskapelle) durchaus exemplarisch gelungen sein (und Valery Gergiev in London eher misslungen), ist aber Adám Fischers Sache nicht. In dieser Produktion ‚auf der Basis‘ (was immer auch das genau bedeuten mag) von Mitschnitten dreier Konzerte im November 2015 stehen ihm zu Beginn seiner Ära in der nordrheinischen Landeshauptstadt auch (noch) nicht die Streicherqualitäten international herausragender Orchester zur Verfügung: Die Violinen klingen in dieser aufzeichnungstechnisch recht kompakt zusammengesetzten, aber genügend plastischen und differenzierten Aufnahme immer etwas zu wenig präsent, entwickeln auch in den elegischen und final erhebenden Höhepunkten weniger Strahlkraft als aus Produktionen mit den Champions-League-Orchestern gewohnt. Dafür entschädigen die Bläserpulte voll und ganz, besitzen die ausgezeichneten Holzbläser und die je nach Satzsituation angemessen stimmungsvoll spielenden Hörner ebenso individuellen Charakter und idiomatische Prägnanz wie das tadellos aufttrumpfende Blech.

Ein wenig Chicago aus Düsseldorf

Schon vor Bewusstwerdung der ungarischen Herkunft kam mir Georg Soltis Aufnahme dieser Symphonie mit dem Chicago Symphony Orchestra von 1971 (Decca) als erste Referenz in den Sinn – nicht hinsichtlich des fast unerreichbaren, mitunter fast zu schön getrimmten Streicher- und Bläserglanzes, sondern hinsichtlich der unbeirrbaren Herausarbeitung des Kaleidoskophaften, einer irgendwie doch sachlich angemessenen Sezierung der kollagenartigen Machart dieser Symphonie, in der gerade auch die Klischees aus Mahlers Symphonien 1 bis 5 fast zitathaft aneinander und ineinander geschnitten Revue passieren. Solti hat das 1971 in Chicago ungeachtet aller Schönklang-Konkurrenz à la Karajan mit einer fast brillanten Kühle als Aspekt des Modernen bei Mahler inszeniert (im ‚Amerikanistischen‘ dabei wie ein Eintauchen Mahlers bereits in die ästhetisch gebrochenen Parallelwelten von Charles Ives).

Adám Fischer nutzt die Situation, nicht der Edelformation aus Chicago, aber eines tüchtigen städtischen Orchesters habhaft zu sein, indem er seine Musiker zu einer ähnlichen punktuellen Intensität animiert, in der gerade nicht die fleckenlos-volltönende Schönheit der Einzelphrasen ausgekostet wird, um im Zuviel des Nebeneinanders einen Bruch hervorzurufen, sondern die Ehrlichkeit des instrumentalen Handwerks ganz unverstellt zum Tragen kommt, um die Kraftanstrengung zu verdeutlichen, die der Komposition und der Interpretation dieser Musik immer als eine herausfordernde, existenzielle Aufgabe zugrunde liegt. Die Düsseldorfer stellen sich dieser Aufgabe, deutlich und lustvoll zu spielen, zu schwelgen, ohne den von Fischer immer streng gehaltenen großrhythmischen Zug zu verlieren – eben im Teamwork ein Kaleidoskop der Klangmöglichkeiten dieser so fragwürdigen und im Ausdruck extrem disparaten Symphonie zu entwickeln, das durchgehend spannend bleibt. Auch wenn es sicherlich inzwischen unzählige im Detail feinere und in den monumentalen Ecksätzen überwältigendere Alternativen gibt.

Mehr noch als in den bisher fünf Einspielungen Iván Fischers, unter denen die Siebte noch fehlt, überzeugt bei Adam Fischer die nüchterne Konzentration auf Partitur und Klang, eine ruhige und bestimmte Sachlichkeit der Partiturwiedergabe als Gegenpol etwa zu Bernsteins emotionalen Ekstasen, in welchen die instrumentalen Texturen angesichts agogischer Extreme in den Hintergrund traten. Adam Fischer schönt nicht, weniger als Ivan mit seinem ungarischen Festival-Orchester, das manchmal – meine Referenz hier leider nur die Sechste – etwas zu glatt und oberflächlich musiziert, sondern lässt das durchaus recht disparat Gespielte (und von Mahler Gemeinte?) aus Prinzip des performativ punktuell für sich Wahren wirken. Und das einmal zu hören, ist die Anschaffung dieser CD wert.

Und wenn die Düsseldorfer Streicher sich unter Fischer noch von Aufnahme zu Aufnahme steigern (er gilt ja als Orchestererzieher) und mehr eigene Strahlkraft entwickeln, statt manchmal eher Kitt-Funktionen zu übernehmen, wäre in dieser Reihe sogar Herausragendes zu erwarten – die Erste Symphonie Mahlers im Februar 2017 wies live in der Tonhalle schon in eine solche Richtung und wird sicher bald als zweite Zyklus-Scheibe folgen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 7

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
CAvi-music
1
12.08.2016
EAN:

4260085533497


Cover vergössern

Mahler, Gustav


Cover vergössern

CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Zu dieser Besprechung empfohlene Veranstaltungskritiken:
Mahler-Zyklus Adam Fischer vom 12.02.2017 :
Titanendämmerung - Adám Fischer setzt Düsseldorfer Mahler-Zyklus fort
Weiter...

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag CAvi-music:

  • Zur Kritik... Spannende Erzählung: Was macht eigentlich die Faszination der Fuge aus? Dieser Frage geht das Armida Quartett auf seiner neuesten Einspielung 'Fuga Magna' nach und skizziert dabei einen spannenden Querschnitt über drei Jahrhunderte Fugengeschichte. Weiter...
    (Yvonne Rohling, )
  • Zur Kritik... Spannungsvolle Virtuosität: Mit zwei klanggewaltigen und ausdrucksvoll präsentierten Bläserquintetten von Nielsen und Prokofjew kombiniert der Live-Mitschnitt des Heimbacher Kammermusikfestivals 2016 Virtuosität, Leidenschaft und Spielfreude auf musikalisch hohem Niveau. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
  • Zur Kritik... Schein und Wahrheit: Diese Aufnahme macht mit frühen Werken von Mátyás Seiber bekannt, die noch in Ungarn entstanden sind. Sie sind von inspiriertem Geist erfüllt, kurzweilig und dicht. Nur leider hört das Vergnügen schon viel zu bald wieder auf. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von CAvi-music...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Hartmut Hein:

  • Zur Kritik... Die beste Anschaffung zum Kennenlernen: Zwei um 2003 produzierte, bis heute als Referenz-Aufnahmen geltende CDs mit einigen historisch besonders exponierten Orchesterwerken von Anton Rubinstein sind jetzt als Doppelalbum neu veröffentlicht worden: Russisches aus Wuppertal. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Poetische Konzertgänge: Traumkombinationen beim dänische Label Orchid Classics: Ex-DGG-Star Ilya Gringolts trifft auf die vitalen Dänen von Copenhagen Phil, was den Klangfarben der miteinander gut harmonierenden amerikanischen Violinkonzerte ungeheuer bekommt. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Chopin im Kraftraum: Gianluca Imperato hat Glieres Klavier-Hauptwerk, die 25 Preludes op. 30 (1907), eindrucksvoll für Brilliant Classics eingespielt, garniert mit zehn zwischen 1904 und 1955 komponierten Stücken aus anderen Zyklen. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Hartmut Hein...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Eine Hommage an Bach: Die Rheinische Kantorei und das Kleine Konzert leisten unter der Leitung von Hermann Max einen weiteren Beitrag dazu, dem Publikum die Werke der Bach-Familie näherzubringen. Das klangliche Ergebnis ist beeindruckend. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
  • Zur Kritik... Großangelegtes Nachtstück: Zwei Konzerte zeigen Krzystof Penderecki als Meister der Kontraste und dramatischen Szenarien. Weiter...
    (Miquel Cabruja, )
  • Zur Kritik... Die vierte Neunte: Historisch wertwoll mit leichter klangtechnischer Patina: Das NDR Sinfonieorchester spielt unter Kurt Sanderling Mahlers Neunte. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (2/2017) herunterladen (0 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (7/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Edvard Grieg: op. 48, Sechs Lieder - Die verschwiegene Nachtigall

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich