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Sonntag, 16. Januar 2022

Max Reger - Violinsonaten und Cellosonaten

Mustergültige Gesamtaufnahme


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Label cpo fasst seine großartige Edition von Max Regers Werken für Violine und Klavier mit Ulf Wallin und Roland Pöntinen in einer Box zusammen.

Seit Jahren waren die phänomenalen Aufnahmen von Max Regers Werken für Violine und Klavier durch Ulf Wallin (Violine) und Roland Pöntinen (Klavier) nicht mehr im Handel erhältlich. Nun hat das Label cpo pünktlich zum Regerjahr die zwischen 1998 und 2006 auf sechs CDs verteilte Gesamteinspielung in einer praktischen Box erneut zugänglich gemacht und sie – eine willkommene Ergänzung dieses Repertoires – um zwei CDs mit den Werken für Violoncello und Klavier, dargeboten von Reimund Korupp (Violoncello) und Rudolf Meister (Klavier), ergänzt. Das Gesamtpaket lohnt schon allein wegen der Violinwerke, denn als Duo sind Wallin und Pöntinen unschlagbar: Ihre Wiedergabe ist meiner Meinung nach die beste, die jemals auf Tonträgern eingefangen wurde, da sie an Gestaltungskraft und Detailreichtum allen sonstigen Aufnahmen haushoch überlegen ist.

Ein Beispiel hierfür ist etwa der Kopfsatz der Sonate Nr. 1 d-Moll op. 1 (1890), dem die beiden Musiker eine sehr eigenwillige Dramaturgie verleihen: Indem sie das Tempo bremsen und nur in den emphatischsten Passagen das 'Allegro maestoso' ausmusizieren, legen sie einen quasi erzählerischen Duktus über den Verlauf und lassen die Musik als einziges, flexibles Fabulieren erscheinen. Die Folge ist ein nuancenreiches Dialogisieren mit erstaunlichen agogischen Wendungen, die weit über Regers Angaben hinausgehen, aber satztechnisch genau durchdacht, weil immer auf Höhepunkte, Entspannungen oder Umschwünge ausgerichtet sind. In der Wiedergabe durch Wallin und Pöntinen erscheint die Musik Regers daher oft wie ein sich bewegender, atmender Organismus: Jede kleine Figur ist – besonders deutlich im Kopfsatz der Sonate Nr. 5 fis-Moll op. 84 (1905) – in übergreifende Prozesse eingebettet, die Kunst der Übergänge ist perfektioniert, und auch der Umschlag der Ausdruckshaltungen, hier greifbar als Wechsel vom emphatisch-erregten Schwelgen des ersten Thema zum innerlich ruhigen Espressivo, bleibt immer an diese differenzierte Darstellungsart gebunden.

Dass die Instrumentalisten die Ausdrucksspektrum ihrer Instrumente vollständig ausloten, versteht sich fast von selbst: Wallin überzeugt dabei, so im Kopfsatz der wohl harmonisch ambitioniertesten und große Ausdrucksextreme berührenden Sonate Nr. 4 C-Dur op. 72 (1903) oder im Kopfsatz der Violinfassung von Regers Klarinettensonate B-Dur op. 107 (1909), durch extrem wandelbare Klanggebung und vielfältige Vibratonuancen, aber auch durch genaue Formung von dynamischen Facetten oder Details wie Marcato-Ansätzen, während Pöntinen mit seinem Vortrag den teils massiven Tonsatzes durchleuchtet und ihn als klares, von harmonischen Prozessen oder kontrapunktischen Linien durchzogenes Satzbild präsentiert. Dass sich beide Partner zudem in technischer Hinsicht nicht die geringste Blöße geben – ein Umstand, der in dem mit spielerischem Humor und Andeutungen von Wiener Tonfall durchsetzten 'Vivace' der Sonate Nr. 8 e-Moll op. 122 (1911), im prägnanten 'Scherzo' von op. 72 oder in Miniaturen wie den 'Drei Stücken' op. 79d (1904) mit punktgenauem Musizieren verbunden ist –, macht ihren Zugang zu den Werken zu einer ganz besonderen Erfahrung.

Die überragende Qualität dieser Interpretation tritt noch deutlicher hervor, wenn man sie mit der Einspielung der Violoncellowerke durch Korupp und Meister vergleicht, denn was für sich genommen eine solide Aufnahme ist, lässt vor dem Hintergrund des Duos Wallin-Pöntinen einige Schwächen erkennen: Das Zusammenspiel wirkt oftmals nicht bis ins Letzte ausgereift, sodass sich der Eindruck des Organischen angesichts manch unmotivierter Verzögerung oder Beschleunigung nicht so recht einstellen will. Zwar gibt es auch hier viele schöne Momente – so im kantablen 'Adagio' aus der Sonate Nr. 1 f-Moll op. 5 (1892) oder beim gut herausgearbeiteten Kontrast zwischen erregter Diktion und melodisch schweifenden Elementen im Kopfsatz der Sonate Nr. 3 F-Dur op. 78 (1904) –, doch werden diese immer wieder durch fehlende Klarheit in der pianistischen Diktion oder gelegentliche Intonationsschwächen des Cellisten getrübt.

Dem Booklet schließlich mangelt es mitunter an editorischer Sorgfalt. Die Beiträge aus den Booklets der Originalveröffentlichungen wurden naturgemäß ohne Veränderungen übernommen, auch wenn man sich an der einen oder anderen Stelle vielleicht einer Ergänzung durch neuere Erkenntnisse der Forschung gewünscht hätte. Schwerer wiegen dagegen das Fehlen der Aufnahmedaten zu den einzelnen CDs der ursprünglichen Editionen – sie sind durch allgemeine Angaben zum gesamten Aufnahmezeitraum ersetzt –, die vertauschten Trackangaben bei op. 79d oder die uneinheitliche Bezeichnung bei der Zählung der Violinsonaten. Hier wäre doch einiges nachzuarbeiten gewesen. Das ändert aber nichts daran, dass die Edition als Gesamtpaket unschlagbar bleibt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Max Reger: Violinsonaten und Cellosonaten

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
cpo
1
486:11
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761203506224
555062-2


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Reger, Max
 - Sonate in Fis Moll No. 5 op. 84 - Allegro moderato, ma agitato
 - Sonate in Fis Moll No. 5 op. 84 - Allegretto (poco vivace)
 - Sonate in Fis Moll No. 5 op. 84 - Andante sostenuto con Variazioni - Fuge: Vivace (ma non troppo)
 - Sonate in D Moll No. 1 op.1 - Allegro maestoso
 - Sonate in D Moll No. 1 op.1 - Scherzo: Allegro scherzando - Trio: Un poco meno mosso
 - Sonate in D Moll No. 1 op.1 - Adagio
 - Sonate in D Moll No. 1 op.1 - Finale: Allegro appassionato


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Interpret(en):Wallin, Ulf
Pöntinen, Roland


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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