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Montag, 29. November 2021

Bach, Johann Sebastian - Apokryphal Masses & Magnificat

Im Fahrwasser Bachs


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In der Musikgeschichte gibt es für ein Phänomen zahlreiche Beispiele: Manch schönes Werk ist nur deshalb nicht in der Versenkung verschwunden, weil es zu einer gewissen Zeit mit einem berühmten Komponisten in Zusammenhang gebracht wurde. Im Fall von Johann Sebastian Bach ist die Liste sogenannter ‘apokrypher’ Werke besonders lang.
Wolfgang Helbich, sein Alsfelder Vokalensemble und das Orchester ‚I Febiarmonici‘ haben sich dreier solcher angeblicher ‘Bachs’ angenommen und zwei Messen sowie ein Magnificat aufgenommen. Von zwei dieser Werke kennt man heute den tatsächlichen Autor: Die Messe BWV Anh. 26 in c-Moll stammt vom zu seiner Zeit sehr geschätzten neapolitanischen Kirchenkomponisten Francesco Durante (1684-1755), das Magnificat in a-Moll BWV Anh. 21 von Melchior Hoffmann (ca. 1679-1715), der Musikdirektor an der Neuen Kirche zu Leipzig war. Die zweite Messe (C-Dur, BWV Anh. 25) entstammt wohl dem selben Milieu die erste, ist ebenso italienisch geprägt und galant im Tonfall.

Helbichs Engagement für die drei Werke ist höchst löblich: Alle drei verdienen Beachtung, sind unabhängig von ihrer Verbindung mit Bach für sich ansprechende Werke. Im besonderen gilt dies für Hoffmanns Magnificat, das in der überaus einfühlsamen Interpretation von Dorothee Mields zu einem Ereignis wird. Kein Wunder, dass dieses tief empfundene, gekonnt komponierte Stück lange für ein Werk Johann Sebastian Bachs gehalten wurde. Ähnlich wie in Bachs Magnificat wird auch gegen Schluß des Hoffmann-Werkes der neunte Psalmton zitiert.
Die beiden Ordinariums-Vertonungen umfassen jeweils nur Kyrie und Gloria, sind also Kurzmessen, wie sie im 18. Jahrhundert in Italien gang und gäbe waren und in Deutschland im protestantischen Gottesdienst Verwendung fanden. Die Messe von Durante klingt erstaunlich ‘unitalienisch’, melodisch spröde und ‘gearbeitet’. Das Werk fasziniert vor allem durch harmonische und kontrapunktische Feinheiten. Die C-Dur-Messe gibt sich wesentlich leichtfüßiger und schwungvoller. Das kantable Sopran-Solo ‘Laudamus te’ ist besonders reizvoll; wiederum besticht Dorothee Mields mit ihrem klaren, edlen Sopran.

Das Alsfelder Vokalensemble ist ein äußerst flexibler, beweglicher Klangkörper; der Chor meistert seine Part mit Bravour, klingt aber bisweilen etwas zu distanziert. Aus dem Solistenquartett ragt Dorothee Mields heraus; wie sie im Magnificat die verhaltene, verinnerlichte Stimmung auszudrücken weiß! Die Leistungen der weiteren Sänger (Henning Voss, Altus, Henning Kaiser, Tenor, Rolf Grabe, Bass) gehen über ein solides Mittelmaß nicht hinaus, auch weil die Werke wenig Gelegenheit zur Profilierung geben. Die ‘Febiarmonici’ sind größtenteils Alte Musik-erfahrene Instrumentalisten. Diese Vertrautheit spürt man: wie selbstverständlich wird ein akzentuiertes Spiel gepflegt, wie natürlich klingt diese Musik! Zu diesem Eindruck trägt auch die sehr natürliche, niemals extreme Tempowahl bei.

Diese CD macht Lust auf mehr Werke von weniger bekannten Komponisten der Bach-Zeit wie Hoffmann und Durante. Was will man mehr? Der Einführungstext von Peter Wollny ist gut geschrieben. Ein wenig Etikettenschwindel wird betrieben, wenn auf der CD-Rückseite steht: ‘Johann Sebastian Bach (1685-1750: Apocryphal Masses and Magnificat’. Das kann man aber nachsehen, dient es doch in erster Linie verkaufsstrategischen Zwecken.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Dr. Franz Gratl Kritik von Dr. Franz Gratl,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Apokryphal Masses & Magnificat

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.04.2003
51:47
2001
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0761203983421
999 834-2


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Bach, Johann Sebastian


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Dirigent(en):Helbich, Wolfgang
Interpret(en):I Febiarmonici,
Alsfelder Vokalensemble,


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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