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Montag, 26. Oktober 2020

Mozart, Wolfgang Amadeus - La Clemenza di Tito

Ein fremder 'Tito'


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit der Wiederbelebung dieser Fassung legt Alessandro De Marchi allenfalls eine Kuriosität vor, die sich allein musikhistorisch rechtfertigen lässt.

Das für Randrepertoire und Wiederbelebungen bekannte Label cpo hat eine Gesamtaufnahme von Wolfgang Amadeus Mozarts 'La clemenza di Tito' auf den Markt gebracht. Das verwundert auf den ersten Blick, denn ein selten gespieltes Werk ist der 'Tito' allemal nicht, und es liegen zahlreiche Einspielungen – auch neueren Datums – vor, die mit wesentlich attraktiveren Besetzungen punkten können. Wo liegt also die Besonderheit, die diesen Mitschnitt für cpo-Kunden reizvoll machen könnte? Die Antwort ist bei einem Blick aufs rückwärtige Cover und anschließend ins Beiheft schnell gefunden: Die Besonderheit liegt in der Wahl der Fassung. Es handelt sich hier nämlich um eine Spielversion des Wiener Hoftheaters von 1804, die vom Komponisten Joseph Weigl mit zusätzlichen Arien und einem Duett bedacht wurde. Auch Johann Simon Mayr steuerte eine Arie bei. In dieser Variante gehörte 'La clemenza di Tito' im 19. Jahrhundert lange Zeit zu den populärsten Mozart-Opern. Von Werktreue kann da keine Rede sein, muss es aber auch nicht. Das Erstellen neuer Spielfassungen, das Einfügen von Fremdnummern, die Anpassungen an lokale Gegebenheiten und an aktuelle Sängergurgeln – all das gehörte zum lebendigen Opernleben schon vor Mozarts Zeit und eben auch noch danach.

Der vorliegende Mitschnitt stammt vom August 2013 von den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik. Das Festival ist eigentlich dafür bekannt, historische Aufführungspraxis regelrecht zu zelebrieren und den gespielten Werken in einer weitest möglichen Urgestalt nahezukommen. Schon allein deshalb überrascht die Wahl des Festival-Leiters Alessandro De Marchi für die 1804er Version von Mozarts letzter Opera seria. Im Beiheft spricht er sich dafür aus, die Opern lebendig zu erhalten, Einrichtungen und Modernisierungen als Instrumente der Aktualität nutzen zu wollen. Opernhistorisch kann man ihm da nicht widersprechen: Weigls 'Clemenza di Tito'-Fassung ist gewiss mit den besten Absichten entstanden, die späte Seria einem modernen Publikum schmackhaft zu machen. Die Partie des Tito wird durch die zahlreichen Arien enorm aufgewertet, was Mozarts Bild des zurückhaltenden Monarchen allerdings an der Wurzel aushebelt. Zudem fehlt die wohl berühmteste Arie des Tito 'Se all’impero'. Weigls und Mayrs Kompositionen fügen sich einigermaßen gut ins Gesamtbild, trotzdem fällt es auf, wenn sich plötzlich stilistisch neue Musik Bahn bricht und mit ihrem Gestus auf die Zeit des Belcanto hindeutet.

Mit der Besetzung der Titelfigur steht und fällt diese Fassung. Carlo Allemano kann hier vollauf überzeugen. Die in dieser Variante etwas tiefer liegende Partie des Tito kommt seinem kraftvollen, leicht dunklen Tenor wunderbar entgegen. Martialisch schmettert er die emotionalen Ausbrüche des Kaisers heraus und beweist an anderer Stelle mit langem Atem und großer Beweglichkeit seine Qualitäten als Belcanto-Held.

Die Academia Montis Regalis unter De Marchis Leitung befeuert diesen unerhörten 'Tito' mit stattlicher Virtuosität und federnder Leichtigkeit. Die Rezitative werden einzig von einem Cello und einem Kontrabass begleitet, ein Cembalo oder Hammerklavier ertönt nicht. Auch diese Aufführungspraxis ist historisch unterfüttert und entspricht laut De Marchi dem Vorgehen im frühen 19. Jahrhundert. Mit Mozarts Aufführungsrealität hat sie wenig zu tun. Wie auch beim reinen Cembaloklang stellt sich in diesen Rezitativen schnell farbliche Ermüdung ein, vielleicht sogar noch schneller als sonst üblich. Beim historisch informierten Originalklang des Instrumentalensembles stellt sich auch die Frage, warum hier letztlich die Akustik einer alten Opera seria evoziert wird, wenn man doch ausdrücklich eine Fassung von 1804 gewählt hat? Mozart war mit seiner Opera seria schon ein irritierender Nachzügler und Weigls Fassung entfernt sich noch weiter von den Idealen jener fernen Gattung. Vor diesem Hintergrund wirkt De Marchis Dirigat seltsam schief.

Ähnlich irritierend ist die stilistische Darbietung der übrigen Solisten. Schon zu Beginn der Arien und Duette warten sie allesamt mit Verzierungen und vokalen Freiheiten auf. Die eigentliche Melodie erklingt oft schon gar nicht mehr, wie gleich im Duett 'Come ti piace imponi' oder in Sestos 'Parto, parto'. Das sind barocke Da-Capo-Spielereien, die hier ohne Zögern das vokale Geschehen inflationär bestimmen, allerdings ohne dabei Effekt zu erzielen. Spätestens am Ende des ersten Aktes ist der Hörer übersättigt. Dabei singen Nina Bernsteiner und Kate Aldrich als Vitellia und Sesto letztlich auf einem ordentlichen Niveau. Aldrichs leicht spröder Mezzosopran passt gut zum zerrissenen Charakter Sestos, auch die Koloraturen machen ihr keine Mühe. Und Nina Bernsteiner bewältigt die schwierige Partie der Vitellia ohne zu straucheln und gefällt in 'Non più di fiori' mit schimmernden Höhen und drucklosem Brustregister.

Ann-Beth Solvang als Annio, Dana Marbach als Servilia und Marcell Bakonyi als jugendlicher Publio komplettieren das Ensemble ohne Ausfälle, setzen aber auch keine nennenswerten Glanzlichter. Dennoch irritiert es, dass diese drei Solisten im Beiheft auf den zahlreichen Aufführungsfotos nicht zu sehen sind und im Gegensatz zu den drei Protagonisten noch nicht einmal mit Künstlerbiografien bedacht sind. Bei einem gerade mal sechsköpfigen Ensemble hat das einen unangenehmen Beigeschmack.

Mit der Wiederbelebung dieser Fassung legt Alessandro De Marchi allenfalls eine Kuriosität vor, die sich allein musikhistorisch rechtfertigen lässt. Dramaturgisch ist dieser 'Tito' wesentlich schwächer als Mozarts an manchen Stellen ohnehin schon Geduld strapazierende Vorlage, und ein musikalisches Überraschungserlebnis ist die Interpretation leider auch nicht. De Marchis Bemühungen um den Opernumgang einer Zeit, in der Opern noch ganz selbstverständlich modernisiert wurden, kann man höchstens noch als Anregung verstehen – nicht, diese Fassung nachzuspielen, aber vielleicht für zeitgemäße Opernexperimente: Wie klänge Mozarts 'Tito' wohl heute? Oder käme gleiches Vorgehen heute einem Sakrileg gleich? Ist das, was 1804 noch legitim und willkommen war, heute verpönt? Würde dasselbe Publikum, das heute Weigls 'Tito'-Fassung beklatscht, eine aktuelle Bearbeitung auch goutieren? Fragen über Fragen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: La Clemenza di Tito

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
cpo
2
142:57
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761203787029
777 870-2


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Mozart, Wolfgang Amadeus
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Ouvertüre
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Come ti piace imponi
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Oh Dio!
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Amico, il passo affretta
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Eppur forse con me
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Amico, ecco il momento
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Deh, prendi un dolce amplesso
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Serbate, oh Dei custodi
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Te della patria il Padre
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Basta, basta, oh Quiriti
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Splende di Roma il fato
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Marcia
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Adesso, Sesto, parla per me
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Incolpar tu non dovrai
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Eccola, oh Dei!
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Ah, perdona al primo affetto
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Chi mi rechi in quel foglio?
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Di Tito al piè
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Ah, se fosse intorno al trono
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Al rimirar l'oppressa
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Felice me
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Parto, ma tu ben mio
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Vedrai, Tito, vedrai
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Vengo, aspettate
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - O Dei, che smania e questa!
 - La Clemenza di Tito. Opera seria in zwei Akten - Deh, conservate o Dei


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Dirigent(en):Marchi, Alessandro de
Orchester/Ensemble:Academia Montis Regalis
Interpret(en):Allemano, Carlo
Bernsteiner, Nina
Aldrich, Kate
Solvang, Ann-Beth
Marbach, Dana
Bakonyi, Marcell


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
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Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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