> > > Polnische Violinkonzerte: Werke von Bacewicz, Tansman, Spisak, u.a.
Freitag, 18. August 2017

Polnische Violinkonzerte - Werke von Bacewicz, Tansman, Spisak, u.a.

Feurige Nachbarn aus dem Osten


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Piotr Plawner verleiht den polnischen Violinwerken des 20. Jahrhunderts Farbigkeit und Tiefe. Er erweist sich als formidabler Interpret dieser Musik.

‚Polish Violin Concertos‘ heißt eine neue CD des Labels Naxos, die im Herbst 2014 in Berlin beziehungsweise live beim Usedom Festival in Heringsdorf produziert wurde. Wer an polnische Violinkonzerte denkt, dem fallen unweigerlich das Erste und Zweite Violinkonzert von Henryk Wieniawski ein, aber diese sind hier nicht gemeint. Gemeinsam mit Deutschlandradio Kultur hat der international tätige Violinsolist Piotr Plawner (*1974) mit der Kammersymphonie Berlin unter der Leitung von Jürgen Bruns wichtige polnische Violinkonzerte des 20. Jahrhunderts eingespielt, darunter das Violinkonzert Nr. 1 von Grażyna Bacewicz, die 'Cinq pièces pour violon et petit orchestre' von Alexandre Tansman, das 'Andante und Allegro' für Violine und Streichorchester von Michał Spisak sowie das Violinkonzert von Andrzej Panufnik: Die Platte ist eine wahre Fundgrube für Freunde des musikalischen Neoklassizismus.

Der erste Satz 'Allegro' des Violinkonzerts Nr. 1 von Grażyna Bacewicz (1909-1969), welches 1937 entstand und auch von ihr uraufgeführt wurde, ist eigenwillig und lässt dem Solisten viel Raum, um funkensprühende Virtuosität anzubringen. Auf ein Orchestervorspiel verzichtet die Komponistin: Die Solovioline steigt ad hoc ins Geschehen ein, was eine heiter-furiose Eröffnung der durchweg empfehlenswerten Platte garantiert. Die teils spröden Klänge erinnern an Bartók in seiner ursprünglichen Volkstümlichkeit. Die formalen Strukturen im Werk sind klar gezeichnet. Darauf legte die Komponistin stets wert: Jeder neue Takt geht hier aus einer thematischen und motivischen Entwicklung hervor. Der Solist Piotr Plawner arbeitet sehr professionell und spielt mit der nötigen Intensität, wenngleich die Abmischung das Orchester gelegentlich etwas vordergründig erscheinen lässt. Es sind aber auch sehr viele Noten zu spielen. Der Humor im Satz kommt auf jeden Fall voll zur Geltung. Frank K. DeWald schreibt im sehr lesenswerten Booklettext über den Satz: ‚Das neoklassizistische Allegro mit seiner funkelnden Oberfläche verliert sich niemals im Improvisatorischen oder in musikalischem Leerlauf‘.

Kontrastreich sind auch die 'Cinq pièces pour violon et petit orchestre' (1930) von Alexandre Tansman (1897-1986). Die eröffnende 'Toccata' des wie eine barocke Suite angelegten Werkes (Vorbilder im weiteren Sinne sind vielleicht Regers 'Suite im Alten Stil' oder Strawinskys 'Pulcinella'-Suite) scheint sich in humoresker Motorik zu gefallen und wird abgelöst vom 'Chanson et boite à musique', einem traumwandlerischen, fast seichten Satz, den der Solist mit dem nötigen Schmelz angeht. Immer wieder klingt Zuversicht aus den burlesken Orchestereinwürfen. Wie ein Perpetuum mobile zischt das flinke 'Mouvement perpètuel' vorüber, um sogleich in eine berückend liebliche 'Aria' zu münden, die Piotr Plawner als ausgezeichneten Geiger ausweist, der hier seinen klanglichen Qualitäten frönen kann. Zum Abschluss winkt noch einmal ein nicht ganz ernst gemeintes 'Basso ostinato', ein Rausschmeißer besonderer Art mit unermüdlicher Heiterkeit, der mit seinen rezitativischen Momenten an Vivaldi erinnert. Das Werk wurde für den großen ungarischen Geiger Joseph Szigeti geschrieben und von diesem 1930 in der New Yorker Carnegie Hall uraufgeführt. Tansman hatte Szigeti während seiner Amerika-Tournee kennengelernt. Er selbst sagt über seine Kompositionen: ‚Ich halte es für lächerlich zu leugnen, was man den Vorfahren verdankt, weil man fürchtet, sie können die eigene Persönlichkeit beeinträchtigen. Einige Einflüsse blenden und absorbieren einen völlig, andere sind bewusst und willkommen … ich bemühe mich nicht, ein moderner Komponist zu sein; ich möchte einfach ein Komponist dieser Zeit sein.‘

Michał Spisaks 'Andante and Allegro' für Violine und Streichorchester aus dem Jahr 1954 ist aus anderem Holz geschnitzt. Es eröffnet mit einem nachdenklich intonierten Violinsolo, welches das Orchester im düsteren Unisono aufnimmt. Alles scheint hier filigran, herb, zerbrechlich, aber stimmungsvoll. Die Klänge im ersten Satz 'Andante. Quasi recitativo' erinnern sehr an Schostakowitsch und seine Kompositionsweise. Spisak selbst zweifelte an der Qualität seines Werkes, bezeichnete es als ‚Bagatelle‘ und ‚merkwürdiges Stück‘. Schließlich wurde es von seiner Lehrerin, der französischen Komponistin, Pianistin, Pädagogin Nadia Boulanger am 16. November 1954 anlässlich ihres eigenen ‚Goldenen Pädagogenjubiläums‘ dirigiert. Auch in diesem Werk regiert der neoklassizistische Stil. Die Stimmung im 'Allegro' hellt sich glücklicherweise auf, auch verdichtet sich durch Doppelgriffe die Textur. Der ruhige Mittelteil ‚con calma‘ mit seiner eher verinnerlichten Gesanglichkeit kontrastiert deutlich zu den extrovertierten, energiegeladenen Ausbrüchen des A-Teils. Schade dass Spisak schon 1965 (erst 51-jährig) starb. Sein Stil verfügt über Originalität und ausreichend Individualität. Sein Werkverzeichnis (unbestätigt) umfasst laut ‚Polmic.pl‘ 48 Kompositionen. Sicher sind darunter noch einige Schätze zu heben.

Der vierte Vertreter der polnischen Violinmusik des 20. Jahrhunderts ist der 1914 in Warschau geborene Andrzej Panufnik, der schon als Kind zu komponieren begann und von 1932 bis 1936 am Warschauer Konservatorium der Musikakademie Warschau Komposition und Musiktheorie, danach Orchesterleitung bei Felix Weingartner in Wien und von 1938 bis 1939 bei Philippe Gaubert in Paris studierte. Während der deutschen Besetzung Polens lebte er in Warschau, wo er gelegentlich zusammen mit Witold Lutosławski Wohltätigkeits- und Untergrundkonzerte gab. Während des Warschauer Aufstandes wurden alle seine Kompositionen vernichtet; einige konnte er später rekonstruieren. Nach dem Krieg war Panufnik Dirigent des Orchesters der Krakauer Philharmonie und Direktor der Warschauer Philharmonie. Als Gastdirigent trat er unter anderem mit den Berliner Philharmonikern, dem Orchestre National de Paris und dem London Symphony Orchestra auf. 1954 verließ er aus Protest gegen die wachsende Unfreiheit unter dem Einfluss des Stalinismus Polen und emigrierte nach England. Hier entstand auf Anregung Lord Yehudi Menuhins sein Violinkonzert, bei dem er die warmherzige Expressivität in den Vordergrund rücken wollte. Menuhin spielte im Sommer 1972 beim City of London Festival die Uraufführung und nahm anschließend das Violinkonzert auf Tonträger auf.

Der erste Satz von Panufniks Violinkonzert – mit 'Rubato' übertitelt – beginnt ebenfalls mit einer Solokadenz der Violine, was dem Werk eine große Nachdenklichkeit, ein verhaltenes Grundmuster voranstellt. Kontemplation steht da am Beginn. Ein suchendes, fragendes Ich beherrscht die Szene. Wenn das Orchester einsteigt, stehen deutlich Anklänge an Bartóks Erstes Violinkonzert im Raum. Der Solist Piotr Plawner stellt auch hier seine Vortragskunst vollkommen in den Dienst der Musik: 1974 in Łódź geboren, begann er seine Studien im Alter von sechs Jahren. 1983 debütierte er bereits als Solist mit Orchester. Fünfmal konnte er erste Preis bei internationalen Wettbewerben erringen, darunter 1991 beim Wieniawski-Wettbewerb in Poznan sowie 1995 beim ARD-Wettbewerb im Fach Violine. Leider ist der bescheidene Musiker bisher im Westen nicht so bekannt geworden, obwohl er in ganz Europa und den USA auftritt. Bereits 2006 spielte er für Hänssler Classic zusammen mit Ewa Kupiec (Klavier) alle Violinwerke von Grażyna Bacewicz ein. 2007 erhielt er den ‚Strad Award‘ für die Einspielung der Violinkonzerte von Karlowicz und Szymanowski. Er ist Dr. habil. an der Musikhochschule Katowice und lehrt an der Witold Lutosławski Akademie Krakau. Darüber hinaus ist er Primarius des Quintetts I Salonisti und spielt auf einer Violine von Tomasso Balestrieri.

‚Diese Neueinspielung vereint vier konzertante Werke von Komponisten, die alle in etwa um die gleiche Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zwischen 1897 und 1914 geboren wurden. Alle machten an verschiedenen Orten Karriere. Jedes Werk trägt die unverkennbaren Züge seines jeweiligen Schöpfers. Gleichwohl stammen sie alle aus denselben polnischen Wurzeln – dem nationalen Erbe, aus dem diese ganz unterschiedlichen Akteure hervorgingen, die auf der musikalischen Bühne des 20. Jahrhunderts ihre einzigartige Rolle spielten.‘ Dem ist nichts hinzuzufügen, außer, dass die begleitende Kammersymphonie Berlin unter der Leitung von Jürgen Bruns ihre korrespondierende Rolle ausgezeichnet ausfüllt. Zugreifen!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Polnische Violinkonzerte: Werke von Bacewicz, Tansman, Spisak, u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
12.08.2016
EAN:

747313349678


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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