> > > Catoire, Georgy: Sämtliche Werke für Violine und Klavier
Dienstag, 12. Dezember 2017

Catoire, Georgy - Sämtliche Werke für Violine und Klavier

Russische Spätromantik


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Violinistin Laurence Kayaleh und Pianist Stéphane Lemelin brechen eine Lanze für den vergessenen Komponisten Georges Catoire.

Es gibt Komponisten, die auch dem erfahrenen Musikkritiker nach Jahrzehnten der Praxis kaum untergekommen sind. Zu ihnen gehört Georgy L‘vovich Catoire (manchmal auch: Katuar). Der russische Komponist lebte von 1861 bis 1926. Interessanterweise hatte er in seiner Heimatstadt Moskau zunächst Mathematik studiert und auch im Kontor seines Vaters gearbeitet, was ihn aber unbefriedigt ließ. Zuvor hatte er ab 1875 Klavierunterricht bei dem Liszt-Schüler Karl Klindworth. Als dieser Moskau verließ, ging Catoire 1885 mit nach Berlin und lernte an dessen Klavierschule. Klindworth war ein persönlicher Freund Richard Wagners und dementsprechend fiel seine Pädagogik aus. Später war Catoire Schüler von Nikolaj Rimsky-Korsakow, Anatoli Ljadow, Sergej Tanejew und Anton Arensky, allesamt Granden der russischen Musikwelt. Doch sein verhältnismäßig kleines kompositorisches Œuvre mit nur einer Sinfonie und einer sinfonischen Dichtung, einem Klavierkonzert, einer Kantate, Liedern, Chormusik und etwas Kammermusik – insgesamt kommt man auf etwa 40 Opuszahlen – reichte dem ab 1916 als Professor wirkenden Künstler kaum, um seinen Bekanntheitsgrad wesentlich über die Grenzen des Zarenreichs wachsen zu lassen.

Die Zeit ist nun gekommen, diesen Umstand zu ändern: Das Label Naxos hat sich bisher einen guten Ruf damit erworben, auch weniger bekannte Werke weitgehend unbekannter Komponisten herauszubringen. Die nun vorliegende Einspielung – wohlgemerkt, es sind keine Ersteinspielungen, denn die Werke sind längst mit Geigern wie David Oistrach (1952; gemeinsam mit dem Widmungsträger Alexander Goldenweiser am Klavier), Herwig Zack (Avie 2008) und Laurent Breuninger (cpo 2010) vorhanden – sämtlicher Werke für Violine und Klavier von Georgy L‘vovich Catoire ist eine weitere editorisch glanzvolle Tat, die dem Russen vielleicht zu mehr Geltung auch in Deutschland verhelfen mag. Die gestandenen Interpreten Laurence Kayaleh (Violine) und Stéphane Lemelin (Klavier) geben der Aufnahme auf jeden Fall Gewicht.

Die Sonate Nr. 2 D-Dur op. 20 'Poème' von 1906 (dachte Catoire vielleicht dabei an Chaussons 'Poème', welches 1896 erschienen war?) in einem Satz ist gekennzeichnet von außerordentlicher kompositorischer Freiheit und schwärmerischer Attitude, höchsten musikalischen und technischen Ansprüchen und bezwingenden Ideen. Das Werk hat etwas Reißerisches, aber auch Nostalgisch-Melancholisches. Die Interpreten unterstreichen mit bestem Handwerk den Lauf der Musik mit ihrem spätromantischen Fluidum. Es klingt wie ein Nachsinnen verlorener Dinge. Der Tonfall deutet teilweise ein bisschen auf Grieg hin, den Catoire sich wohl als sein heimliches Vorbild erwählt hat. Dem Klavier obliegt die Eröffnung des immerhin 20-minütigen Satzes, was zunächst wie freies Fantasieren klingt, ehe die Violine schwelgend einstimmt. Ganz bald folgen Oktaven und schwierige Passagen. Laurence Kayaleh ist aber so wunderbar vorbereitet, dass ihr das scheinbar gar keine Mühe bereitet. Sie konzentriert sich auf die Musik, die sie dem Hörer wie etwas Eigenes mitteilt. Ihr Klavierpartner Stéphane Lemelin fügt sich da nahtlos in die Regie der begnadeten Violinistin, die schon vor bald 30 Jahren als Wunderkind in Europa herumgereicht wurde. Ihre Wege führten sie über die berühmtesten Konzertsäle von Moskau, Paris, Zürich, Genf, Tokio, Washington und Montreal, und das teils an der Seite von Persönlichkeiten wie Ida Haendel oder Igor Oistrach. Sie spricht musikalisch in einer Deutlichkeit, wie selten erlebt und kann Spannungsbögen schaffen wie nur wenige ihrer Zunft. Da ist sie mit David Oistrach gleichauf, der in den 1950er Jahren ebenfalls die Sonaten Catoires einspielte. Das sind auch sehr hörenswerte Aufnahmen, manchmal minimal langsamer, aber ebenfalls mit höchster Präzision.

Aufwühlende Leidenschaftlichkeit

Die Sonate Nr. 1 h-Moll op. 15 aus den Jahren 1904/06 widmete Catoire Nikolai Medtner, dessen Violinsonaten Laurence Kayaleh ebenfalls komplett für NAXOS eingespielt hat. Das war gut 10 Jahre bevor man ihn zum Professor am Moskauer Konservatorium berief und er sich Zug um Zug den Respekt und die Anerkennung der russischen Musikwelt erarbeitet hatte. Die Sonate beginnt mit einem sehnsüchtigen, fast schluchzenden Ruf der Violine, nachdem die h-Moll-Akkordkaskaden im Klavier hinab gefallen sind. Auch hier steigen Laurence Kayaleh und Stéphane Lamelin wuchtig ins Geschehen ein. Es ist ja auch der Einstieg der CD, die streng in ihrer schlüssigen Dramaturgie der Chronologie der Werke folgt, was gut so ist. Mit gut dreizehn Minuten ist der erste Satz 'Allegro non tanto, ma appassionato' äußerst expansiv und greift auch musikalisch wuchtig um sich. Dynamisch ist die beruflich verstärkt in Kanada tätige Interpretin mit familiären Wurzeln in Haifa äußerst agil. Sie hat ein ausgeprägt dramatisches musikalisches Temperament und singt immer mit Seele. Ihre 1742er Guarneri ist ihr dabei ein unverwüstlicher Partner. Schließlich zählte diese Violine einst zum Besitz eines Carl Flesch. Ihr strahlend-durchdringender Ton begeistert sicher nicht nur eingefleischte Fans, sondern auch neugierige Entdecker.

Als letztes Werk der CD ist die 'Elegy' in d-Moll op. 26 zu hören, die in Georgy L’vovich Catoires Todesjahr 1916 publiziert wurde. Sie nimmt durch bezaubernd melancholische Sanglichkeit für sich ein. Auch dieses Werk klingt nach Wehmut und Verlust. Versunken in seine Welt scheint das musikalisch-lyrische Ich. Klaviersatz und Violinstimme verschmelzen hier wiederum zu einer untrennbaren Einheit. Dieses Idyll – zunächst mit Dämpfer intoniert – entfalten die beiden Solisten und machen daraus große Kunst. Hier macht sich ‚saftiger‘ Klang breit, aber auch Zurückhaltung und Demut werden spürbar. Doppelgriffe gelingen Kayaleh mühelos, ihre Intonation ist blütenrein.

Diese Platte ist unbedingt empfehlenswert. Auch wenn das Booklet nur auf Englisch und recht mager gehalten ist. Insbesondere die steckbriefartige Biografie der Künstler ist sehr knapp.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Catoire, Georgy: Sämtliche Werke für Violine und Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
12.08.2016
EAN:

747313334575


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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