> > > Walter, Bruno: Violinsonate & Klavierquinett
Freitag, 18. August 2017

Walter, Bruno - Violinsonate & Klavierquinett

Wiener Geist


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Einspielung widmet sich mit hohem Engagement und treffischerem Zugang dem kammermusikalischen Schaffen von Bruno Walter, kann aber die kompositorischem Schwächen des Quintetts nicht wettmachen.

Die Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst hat seit langem eine besondere Beziehung zu Bruno Walter: Im Frühjahr 1962, kurz nach dem Tod des berühmten Dirigenten, überließ dessen Tochter den Nachlass ihres Vaters der Wiener Institution. Bekanntlich war Wien und das Wiener Musikleben besonders wichtig für Walter (1876–1962), der hier zwar nur von 1901 bis 1912 lebte, aber eine besondere Beziehung nicht nur zu Gustav Mahler, sondern auch zu Zemlinskys und Schönbergs Vereinigung schaffender Tonkünstler hatte. Während dieser Zeit entstanden auch die beiden vorliegenden Werke, das Klavierquintett fis-Moll (1904) und die Violinsonate A-Dur (1908). Beide Werke (andere Früchte der Freundschaft sind heute ganz oder teilweise verschollen) besitzen eine besonders enge Verbindung zu dem bedeutenden Wiener Geiger Arnold Rosé (1863–1964), der zusammen mit Walter die Sonate im März 1909 aus der Taufe hob.

Ekaterina Frolova und Mari Sato, beide – wie auch die anderen Musiker – Studierende bzw. Absolventen der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst, finden sich mit viel Feingespür in Walters nachromantisch-expressiven Stil, der durchaus auch etwas typisch Wienerisches enthält (etwa vergleichbar mit entsprechenden Komponenten im Schaffen von Joseph Marx). Neben Franz Schmidt, Robert Fuchs oder anderen kann Walters dreisätzige Komposition (mit ein paar frühen Tango-Anklängen und überhaupt vielen eigenen Wendungen, von denen einige mehr nach seinem Geburtsort Berlin als nach der Wahlheimat denken lassen) durchaus bestehen, gerade unter den Fingern zweier Interpreten, die hörbar auch die Musik Schönbergs kennen und gleichzeitig die Kunst des nachromantischen Portamento mit viel Lässigkeit und Eleganz praktizieren.

Traditionell viersätzig ist das Klavierquintett, und gerade auch angesichts der überschaubaren Literatur in diesem Bereich ist die Einspielung von Walters Beitrag uneingeschränkt zu begrüßen – selbst wenn es sich um eine nicht rundum befriedigende Komposition handelt. Nicht rundum befriedigend vor allem deshalb, weil nicht alle Instrumente gleichberechtigt eingesetzt und vor allem stetig miteinander verknüpft werden. Diese besondere Schwierigkeit von größer besetzter Klavierkammermusik findet sich bei diversen Beiträgen zur Gattung – es scheint ausgesprochen schwierig, die Balance zwischen polyphonem und homophonen Elementen zu finden und zu halten; immer wieder zweigt das Werk ab in Richtung Quartett- oder Triokonstellationen.

Auch noch ein weiterer Punkt sei anzusprechen: die im Vergleich zu jener der Violinsonate deutlich abweichende Aufnahmeakustik, die das Quintett nicht ganz so überzeugend übermittelt wie die Duokomposition. Dies bezieht sich nicht auf die Klarheit der einzelnen Stimmen – die ist tadellos –, sondern ein intim-warmstimmiges Miteinander derselben. Hier scheint die Aufnahmetechnik mehr in Richtung Schönberg denn in Richtung Fuchs, Schmidt oder Marx zu gehen – zum Nachteil der Interpretation, die, das kann man hören, ansonsten durch eine Vielzahl interessanter Klangvaleurs überzeugen kann. Patrick Vida, Lydia Peherstorfer, Sybille Häusle, Stefanie Huber und Le Liu gelingt der Spagat zwischen Nachromantik und Vorwärtsstreben tief ins experimentierfreudige 20. Jahrhundert – mit geradezu betörenden Portamenti im dritten Satz 'Geheimnisvoll bewegt'. So bewegt sich das Quintett immer wieder quasi stilistisch auf Messers Schneide, und den Instrumentalisten gelingt es nicht ganz, eine starke musikalische Einheit zu erreichen. Die Schwierigkeiten, die das Werk bietet, scheinen dergestalt, dass man einem anderen Ensemble unbedingt wünschen will, sich durch diese Ersteinspielung nicht von einer eigenen Erarbeitung abhalten zu lassen.

Die genannten Einwendungen sollen die Errungenschaften der vorliegenden Interpretationen keineswegs kleinreden. Es gibt so viele Werke, die mehrerer Einspielungen bedürfen, bis genau der rechte Ton des Komponisten getroffen wird (gerade wenn es keine Aufführungstradition gibt, ist dies eine Selbstverständlichkeit). Wie groß das Engagement aller Beteiligten ist, ersieht man auch aus dem Booklet, zu dem nicht weniger als drei Autoren kurze Abschnitte beigetragen, die aber in der vorgestellten Form leider kein in sich rundes Ganzes ergeben. Dennoch so oder so eine wichtige Interpretation auf dem Weg zur Erkundung eines Komponisten-Dirigenten, der die Erkundung lohnt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Walter, Bruno: Violinsonate & Klavierquinett

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
12.08.2016
EAN:

747313335176


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Walter, Bruno


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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