> > > Dostal, Nico: Die ungarische Hochzeit
Donnerstag, 21. November 2019

Dostal, Nico - Die ungarische Hochzeit

Große Musik ist nicht genug


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sich anhand dieses Mitschnitts für Dostals 'Ungarische Hochzeit' zu begeistern, fällt trotz großartiger Musik und einer wirklichen Operetten-Primadonna dennoch schwer.

Derselbe Nico Dostal, der 1933 mit seiner 'Clivia' noch eine knallbunte, moderne, mit Jazz-Elementen angereicherte Revue-Operette schrieb, legte 1939 in Stuttgart zumindest äußerlich einen sensationellen Rückschritt vor: 'Die ungarische Hochzeit'. Die Operette huldigt in Sujet und Klang den großen Vorbildern der zu Ende gehenden ‚Silbernen Operettenära‘ eines Franz Lehár und Emmerich Kálmán. Die k.u.k. Monarchie blüht am Vorabend des Ersten Weltkrieges noch einmal auf, die ungarische Puszta erstreckt sich vor dem inneren Auge, und im Gegensatz zur fragwürdigen Unterhaltungsware eines Fred Raymond oder Friedrich Schröder hat Nico Dostals Musiktheater keinen unangenehmen Beigeschmack, der an die Musikindustrie des Dritten Reichs denken lässt. Die 'Ungarische Hochzeit' ist schon 1939 unzeitgemäß, aber musikalisch zeigt sie den Komponisten auf der Höhe seiner Kunst.

Das lässt sich jetzt mit dem Mitschnitt der mittlerweile selten gespielten Operette aus Bad Ischl erneut nachvollziehen, auch wenn man schnell zugeben muss, dass die Geschichte vom verkleideten Frauenhelden Graf Bárdossy, dem Bauernmädchen Janka und einer gezinkten Brautschau heute kaum noch bühnentauglich ist. Auch die Fotos von den Aufführungen in Bad Ischl 2015 zeugen einzig von einem quietschbunten, aber auch recht platten Bühnenspektakel, das sich selbst genügt. Den Eindruck bestätigen auch die Dialogsequenzen des CD-Mitschnitts, der in gewohnter Kontinuität gerade beim Label cpo erschienen ist. Hier wird ungeniert outriert, in opernhaftem Singsang deklamiert und nur selten gut gesprochen. Eine Ehrenrettung für Dostals wohl berühmtestes Werk ist das beileibe nicht. – Wäre da nicht die großartige Musik.

Diese klingt nämlich unter dem engagierten Dirigat von Marius Burkert wirklich stattlich. Nicht umsonst bleiben gerade die wundervollen Orchesterpassagen wie beispielsweise die schmissige Ouvertüre dem Hörer im Gedächtnis. Dostal entpuppt sich hier als effektvoller Orchestrator und Burkert bringt den Zauber der vermeintlich schlichten Musik mit Raffinesse und großer Emotion zur Geltung. Das Franz Lehár-Orchester spielt mit Leidenschaft und einer erstaunlichen Palette an Farben und dynamischen Abstufungen. Die Struktur bleibt auch bei süffigen Melodie-Eruptionen stets wahrnehmbar, Burkert trifft die schwierige Balance zwischen emotionaler Zügellosigkeit und präziser Feinarbeit.

Auch die Solisten geben ihr Bestes. Allen voran gelingt Regina Riel als Janka eine wirkliche Glanzleistung. Sie besitzt nämlich die unschätzbare Qualität, technisch versierten Gesang und großes Textverständnis – sowie dessen Verständlichkeit – in natürlichen Einklang zu bringen. Kurz: Sie hat das Zeug zur wirklichen Operetten-Primadonna. Ihre Stimme hat Persönlichkeit, schimmert in allen Lagen verführerisch, die Mittellage ist stabil, die Höhe nicht ertrotzt, sondern stets mit Virtuosität und dem Wissen um größtmöglichen Effekt verfügbar.

Daneben hat es Jevgenij Taruntsov als Graf Stefan Bárdossy etwas schwer. Er klingt teilweise leicht angestrengt, kann sich mit seinem robusten Tenor und absoluter Rollenidentifikation aber fraglos hören lassen. Anna-Sophie Kostal legt sich als Etelka mächtig ins Zeug, ist aber vor allem in den Dialogsequenzen mit ihrer naiven Penetranz eine echte Herausforderung für den Hörer, dem die szenische Komponente leider abgehen muss; das ist einfach zu viel des Guten. Zum Glück beweist sie in den schmissigen Buffo-Nummern Eloquenz und sprachliche Prägnanz. Auch Thomas Zisterer als Árpád Erdödy macht vermutlich auf der Bühne eine bessere Figur als in der reinen Tonkonserve, denn auch hier ist die energetische Oberkante auf Dauer eher enervierend als unterhaltsam. Aber Zisterer verfügt über eine klangschöne Stimme und fraglos auch über eine Extraportion Charme – das ist nicht zu überhören.

Mit Gerhard Balluch als Edler von Pötök, Tomas Kovacic als Kismárty und Rita Peterl als seine Gattin sind hervorragende Ensemblemitglieder in den kleineren Rollen aufgeboten und die Schauspielerin Dolores Schmidinger ist als Kaiserin Maria Theresia am Ende der Operette eine richtige Knallcharge.

Sich anhand dieses Mitschnitts für Dostals 'Ungarische Hochzeit' in weiteren Produktionen zu begeistern, fällt am Ende dennoch schwer. Marius Burkert und Regina Riel reißen den Gesamteindruck dann eben doch nicht so entschieden hoch, dass man diese Doppel-CD zwingend im Regal stehen haben muss. Da sind die WDR-Produktion von 1955 mit Anny Schlemm und Franz Fehringer oder der alte EMI-Querschnitt mit Anton de Ridder und Margit Schramm noch immer unerreicht – auch, weil sie die dröge Bühnenhandlung entweder gänzlich ausschließen oder für den Rundfunk eben auf ein erträgliches Minimum reduzieren, um Dostals Musik den verdienten Platz einzuräumen.


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    Dostal, Nico: Die ungarische Hochzeit

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203797424


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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