> > > Gustav Mahler: Sinfonie no. 10
Dienstag, 20. November 2018

Gustav Mahler - Sinfonie no. 10

Einfühlsamer Umgang mit dem Torso


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kann diese Aufführungsfassung von Gustav Mahlers Zehnter Sinfonie bestehen?

Die Antwort auf die Frage, ob hier die beste Aufführungsfassung von Mahlers Sinfonie Nr. 10 vorliegt, kann nur 'keine Ahnung' lauten. Wer kann das schon wissen? Wer weiß denn mehr als Mahler selbst? Ebenso wie der Dirigent, Realisator und Weiterentwickler des Materials von Mahler Yoel Gamzou persönlich wird, sei dies auch mir als Rezensenten gestattet. Lange schon setze ich mich mit der Musik Gustav Mahlers auseinander und habe es ebenso lange verweigert, mich mit den Aufführungsfassungen der Zehnten Sinfonie, von der es beileibe viele gibt, auseinanderzusetzen. Ein Fehler, wie sich vor fast drei Jahren herausstellte, aber ein doch nachvollziehbarer, wenn man bedenkt, dass mit diesen Fassungen viel vorliegt, nur eben nie das, was Mahler letztlich getan hätte.

Was sich über die bei Wergo erschienene Platte mit dem International Mahler Orchestra unter Yoel Gamzou sagen lässt, ist, dass es Gamzou als Musiker gelungen ist, eine einfühlsame, auch individuelle Aufführungsfassung des von Mahler hinterlassenen Torsos zu schaffen. Sie wird hochsensibel, präzise und mit einem Hang zum Realistischen und Schnörkellosen musiziert, wie es von Pierre Boulez als Mahler-Dirigenten vertraut scheint. Sicherlich ein Muss für Mahler-Experten. Mahler-Liebhaber tun sich vielleicht schwer und Anfängern ist von den Vervollständigungen ehrlich abzuraten.


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. Rein in die Materie
    Ich persönlich beschäftige mich schon eine ganze Weile mit der Zehnten. Ich kann nur jedem empfehlen seine Vorurteile beiseite zu lassen und sich ein wenig schlau zu machen. Das Werk ist nämlich mitnichten unvollendet in dem Sinne, dass noch Musik zu komponieren wäre, wie es zum Beispiel bei Mozarts Requiem, oder Schubert's Unvollendeter, der Fall ist. Die Konzeptionsphase ist komplett abgeschlossen gewesen, was noch fehlt ist die vollständige Ausarbeitung der Nebenstimmen und die Orchestrierung. Das kann man vielleicht damit vergleichen wenn ein Maler ein Deckenfresko nicht beendet hat, aber die fehlenden Teile an der Decke nicht etwa vollständig erraten werden müssen, sondern in schwarzweiß Skizzen auf Papier vorliegen. Am überzeugendsten, weil zurückhaltensten ist nach all den Jahren immer noch die Cooke Fassung, die in aller Bescheidenheit auch nur "Aufführungsfassung" genannt wird, anstatt "Vervollständigung". Sie klingt am ehesten so wie Mahler seine letzten beiden abgeschlossenen Werke orchestriert hat. Andere Fassungen schlagen da deutlich in ihrer Farbigkeit über die Stränge. Die Partitur im Faber Verlag erschienen kann ich sehr empfehlen, weil man dort auf jeder Seite komplett nachvollziehen kann was bei Mahler schon stand und was ergänzt werden musste.

    Farlis, 10.05.2018, 13:52 Uhr
    Registriert seit: 10.01.2006

  2. Scheinbare Vorurteile und Mahlers Arbeitsweise
    Farlis, herzlichen Dank für Ihre Anmerkungen. Ihr Vorschlag Vorurteile beiseite zu lassen, begrüße ich sehr und eine Auseinandersetzung mit der Thematik ist wirklich sehr anzuraten. Ein lesenswerter Literaturtipp hierzu ist die Studie meines Tübinger Kollegen Jörg Rothkamm "Gustav Mahlers zehnte Symphonie. Entstehung, Analyse, Rezeption" (Frankfurt am Main [u.a.] 2003), die vor allem mit vielen Gerüchten bezüglich des Zustandes der Ausarbeitungen Mahlers aufräumt. Der Zustand dieser ist nämlich bei weitem problematischer als im Fall von Mozarts Requiem und Schuberts Unvollendeter. Die Konzeptionsphase ist bei den späteren Sinfonien Mahlers immer erst dann abgeschlossen gewesen, wenn er in der Regel nach zwei Komponierensommern die Partitur in Reinschrift abschloss. Daher haben es auch viele seiner Zeitgenossen abgelehnt die Sinfonie aufführungsreif zu machen, da selbst das oft gespielte Adagio in dem Sinne nicht abgeschlossen ist. Leider hinkt der Vergleich mit dem Deckenfresko, da ein Fresko bekanntlich feucht gemalt wird und Skizzen hier noch problematischer wären, da ein Künstler im Moment des Malens Entscheidungen fällen muss, die sich überhaupt nicht vorplanen lassen. Mit Cooke gebe ich Ihnen vollkommen Recht, allerdings hat er bekanntlich mehrere Anläufe benötigt (auch mit verschiedenen Mitarbeitern) und die bei Faber erschienene Partitur (ich vermute sie meinen seine letzte Fassung) suggeriert etwas, was in den Skizzen Mahlers und dem auch vorhandenen Faksimile so nicht steht. Aber darauf hat Cooke selbst hingewiesen und war sich dessen schmerzlich bewusst, was auch im Vorwort der benannten Partitur nachzulesen ist. Deshalb wählte ich auch für meine Kurzbesprechung den Terminus des Torso, der in der Musikwissenschaft Forschungsliteratur zwischenzeitlich eine klare Definition erfahren hat.

    Nutzer_kekdngid, 11.05.2018, 20:18 Uhr
    Registriert seit: 26.04.2016

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Gustav Mahler: Sinfonie no. 10

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
05.08.2016
EAN:
4010228512229

Cover vergössern

WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Von Simon Haasis zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag WERGO:

  • Zur Kritik... Musik als Abenteuer im Kopf: Das Minguet Quartett legt einen gewichtigen Beitrag zur Rihm-Rezeption vor. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
  • Zur Kritik... 'Man achte das Klavier.': Das Zitat stammt von Busoni, könnte aber ebensogut auf diese CD gemünzt sein. Die klanglichen Möglichkeiten des Klaviers werden hier auf eine Weise erfahrbar, die manchen Klavierverächter bekehren könnte. Weiter...
    (Sebastian Rose, )
  • Zur Kritik... Im abgeschiedenen Reich der Metaphysik: Hans Zenders musikalische Suche nach Bedeutung in hervorragenden Interpretationen. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
blättern

Alle Kritiken von WERGO...

Weitere CD-Besprechungen von Simon Haasis:

blättern

Alle Kritiken von Simon Haasis...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Aufkeimen einer neuen Zeit: Marek Szlezer gibt hier eine ziemlich eindrucksvolle Kostprobe der selten zu hörenden Frühwerke für Klavier von Karol Szymanowski. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Andere Liebeslieder: Ein ausgesprochen gelungenes und hochmusikalisches Debütalbum des jungen Ensembles L'Estro Orfeo, das sich auf Kammermusik des Barock spezialisiert hat. Weiter...
    (Prof. Dr. Michael Bordt, )
  • Zur Kritik... Geniale Musik, grandios gespielt: Eine herausragende Debüt-CD in vielfacher Hinsicht: Luca Quintavalle präsentiert zwei nahezu unbekannte, aber musikalisch fesselnde französische Cembalo-Bücher aus dem vierten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts in brillantester Manier. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2018) herunterladen (4200 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Franz Lehár: Kaiserin Josephine - Ich heiße Sie alle ganz herzlich willkommen!

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich