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Sonntag, 15. September 2019

Theo Adam-Edition 90.Geburtstag - Arien

Zehn Jahre nach dem Achtzigsten


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Sängerlegende Theo Adam ist gerade 90 Jahre alt geworden. Berlin Classics bündelt zu diesem Anlass drei längst veröffentlichte Alben.

Man muss nur die ersten Sekunden der ersten CD hören und weiß, wer da singt: Theo Adam. Sein Bassbariton ist unverwechselbar, seine Sprachbehandlung, die technische Beherrschung seiner Stimme sind so prägnant wie bei nur wenigen Sängern. Der Dresdner Künstler gehörte zu den ganz Großen seines Fachs. International feierte man ihn für seine singulären Interpretationen von Wagner-Rollen, erlebte ihn als intensiven Sängerdarsteller in zahlreichen Uraufführungen und konnte sich davon überzeugen, dass er im Konzertsaal ebenso zuhause war wie auf der Opernbühne. Theo Adam passt in keine Schublade: Mozart, Bach, Wagner, Strauss, Verdi, Schubert, Mendelssohn Bartholdy, Dessau und Cerha sind bei ihm miteinander vereinbar, ohne mit verschiedenen Stimmen zu singen. Vielleicht ist das verbindende Element neben der gesunden vokalen Linie stets die kompromisslose Durchdringung des Textes gewesen, das Beharren auf der untrennbaren Einheit von Wort und Ton – selbst da, wo man es auf den ersten Blick nicht vermutet hätte.

Die Faszination ‚Theo Adam‘ lässt den Hörer bis heute nicht los, und viele seiner Aufnahmen und Mitschnitte haben nicht nur unter Sammlern Kultstatus. Dass der Sänger am 1. August dieses Jahres 90 Jahre alt geworden ist, stellt einen passenden Anlass dar, die Theo Adam-Diskografie wieder einmal zu durchleuchten und mit der Wiederveröffentlichung besonderer Aufnahmen den Künstler zu ehren. Bei Berlin Classics, dem Nachfolger des ehemaligen DDR-Labels Eterna, ist nun eine als ‚Edition zum 90. Geburtstag‘ betitelte Sammlung von drei CDs herausgekommen.

Editorisch ist das alles andere als eine Meisterleistung, denn es handelt sich schlichtweg um drei einzeln verpackte Alben, die bereits vor zehn Jahren auf CD erschienen sind und mit einer neuen Papiermanschette zusammengehalten werden. In den Beiheften wird folglich auch vollmundig zum 80. Geburtstag gratuliert, als Erscheinungsdatum prangt die Jahreszahl 2006. Immerhin liegt ein neugedrucktes, dünnes Booklet bei, das den aktuellen Jubeltag thematisiert und die Karriere des Künstlers knapp Revue passieren lässt. Von einer wirklichen Neuerscheinung, die hier angekündigt wird, kann aber keine Rede sein. Es wirkt viel eher so, als wären von 2006 noch etliche CDs übrig gewesen, die man nun als Paketchen verschnürt mit neuem Anlass wieder an den Kunden zu bringen versucht. Für den Käufer ist es eine preiswerte Möglichkeit, die großartigen Alben zu erwerben – falls sie nicht ohnehin schon spätestens seit 2006 im Plattenschrank stehen. Für den Jubilar könnte man sich eine angemessenere Würdigung vorstellen, zumal es durchaus noch ein paar wenige Aufnahmen gibt, die im Rahmen der Wiederveröffentlichungen von 2006 noch nicht auf CD erhältlich sind.

Davon abgesehen bieten die drei vorliegenden Alben einen eindrucksvollen Abriss von Theo Adams Kunst. Die erste CD ist vollständig den Werken Johann Sebastian Bachs gewidmet, die den Grundstein für Adams Karriere im Dresden den 1940er Jahre bildeten und den Sänger bis zum Ende seiner Gesangskarriere begleiteten. Faszinierend ist hier vor allem die Mischung aus sachlicher Distanz und durchscheinender Emotionalität. Adam lässt sich gewiss nicht verführen, die Passionen und Kantaten zu kleinen Opern zu stilisieren, aber er nutzt die über die Jahre erworbene Expressivität des Bühnendarstellers, um in Bachs Arien Charaktere zu formen. Dabei lässt er seiner kraftvollen Stimme lustvoll freien Lauf, beweist die notwendige Geläufigkeit und farbliche Raffinesse. Begleitet wird er in den Aufnahmen aus den Jahren 1960 bis 1983 von den erstklassigen Instrumentalisten der Dresdner Philharmonie, des Gewandhausorchesters Leipzig und des Neuen Bachischen Collegium Musicum. Zudem gibt es ein Wiederhören mit musikalischen Wegbegleitern wie Peter Schreier, Agnes Giebel, Arleen Augér und Elisabeth Grümmer.

Aus dem Jahr 1969 stammt das Mozart-Album, das einen wirkungsvollen Kontrast zum so übermächtigen Bild des Wagner-Sängers Theo Adam darstellt. Otmar Suitner leitet mit ordentlichem Tempo und wunderbarer Detailarbeit die Staatskapelle Dresden. Adam selbst schlüpft in die Rollen von Figaro und seines Gegenspielers Graf Almaviva, er gibt den Verführer Don Giovanni und ebenso den Diener Leporello, den Papageno aus der 'Zauberflöte' und zwei Arien aus der selten gespielten 'Zaide'. Auch hier fällt wieder die sprachliche Prägnanz des Sängers auf, die recht kurz gehaltenen Vokale, die Schärfe der Konsonanten auf der Basis eines beneidenswerten Legatos. Schade ist nur, dass Adam nicht die Freiheit besitzt, diese Arien in deutscher Übersetzung zu singen. Sein Italienisch klingt nicht souverän genug, um restlos zu überzeugen, man hat sogar manchmal den Eindruck, der Sänger denke den Text in deutscher Sprache und überdecke seine Erwägungen mit einer Fremdsprache. So vermisst man am Figaro ein wenig die unmittelbare Gefährlichkeit, am Leporello dessen unterschwelligen Sadismus, am Giovanni ein wenig das Verführerische. Wie unmittelbar gelingen Adam dagegen der Papageno und der Osmin und Allazim aus der 'Zaide'.

Und wenn man die dritte CD im Bunde hört, dann begreift man unweigerlich, was die Synthese aus Wort und Ton bewirken kann und folglich, warum Theo Adam – bei aller künstlerischen Vielfalt – eben jener unvergleichliche Wagner-Sänger war, als der er noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Sein Amfortas braucht keine übertrieben vokale Dramatik, um den übergroßen Schmerz auszudrücken. Man muss ihm nur genau zuhören: Es liegt alles in der Komposition und im Text. Die Mittel der Expressivität sind bei Adam mit Bedacht eingesetzt und erzielen somit größtmöglichen Effekt. Neben dem Holländer-Monolog, dem 'Tatest du’s wirklich' aus 'Tristan und Isolde' und dem vielschichtigen Fliedermonolog des Hans Sachs, trumpft Theo Adam auch mit Wotans Abschied aus der 'Walküre' auf. Wiederum begleitet ihn Otmar Suitner diesmal am Pult der Staatskapelle Berlin.

Dieses Wagner-Album von 1965 wurde 2006 durch zwei Bonus-Tracks aus der Strauss-Szenen-LP von 1966 ergänzt: eine Szene aus 'Die Frau ohne Schatten' und der Walzer des Baron Ochs aus dem 'Rosenkavalier', beide mit der dramatischen Mezzosopranistin Gisela Schröter. Gerade hier wäre es endlich mal an der Zeit, auch die anderen Strauss-Nummern der alten LP zu veröffentlichen, anstatt nur eine 10 Jahre alte CD unverändert auf den Markt zu werfen. Es warten in diesem Fall immerhin noch die bestechende Szene Peneios-Gaea aus 'Daphne' und der Schlussgesang des Morosus aus der 'Schweigsamen Frau'. Hoffentlich muss man nicht bis zum 100. Geburtstag des Sängers warten, der ihm fraglos zu wünschen ist, um in den Genuss dieser Adam-Aufnahmen zu kommen.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Theo Adam-Edition 90.Geburtstag: Arien

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
3
22.07.2016
Medium:
EAN:

CD
885470008240


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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