> > > Molter, Johann Melchior: Orchesterwerke und Kantaten
Dienstag, 21. November 2017

Molter, Johann Melchior - Orchesterwerke und Kantaten

Von unerwarteter Seite


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Camerata Bachiensis spürt Instrumentalwerken und Kantaten von Johann Melchior Molter meiner fein Sensiblität und idiomatischer Sicherheit nach. Eine wunderbare Einspielung!

Johann Melchior Molter (1696–1765) wurde 1717, kurz nach Gründung der Stadt Karlsruhe, Violinist der Karlsruher Hofkapelle. Der aus Werratal in Thüringen stammende Musiker, der seine Schulausbildung u.a. in Eisenach erhalten hatte, pendelte quasi jeweils zwischen Karlsruhe und Eisenach, wo nahezu wechselseitig die Hofkapellen vor der Auflösung standen. Seine zwanzig Lebensjahre verbrachte er als Hofkapellmeister in Karlsruhe, die größte Sammlung seiner Musikhandschriften befindet sich heute in der Badischen Landesbibliothek, wo sie bereits seit einiger Zeit digitalisiert vorliegt.

Die vorliegende CD mit vier Instrumentalwerken und zwei italienischen Solokantaten entstand anlässlich des 250. Geburtstags. Die Kantaten entstanden um 1740 während Molters zweiter Schaffenszeit am Karlsruher Hof, vermutlich für eine Sängerin bei Hofe. Die Texte waren zuvor schon u.a. von Vivaldi und Alessandro Scarlatti in Musik gesetzt worden, und Molter mag sie während seiner Italienaufenthalte kennengelernt haben. Die Kantate in G MWV2.26 auf einen Text von Adriano Morselli mit der Eröffnungsarie 'In petto ho un certo affanno' zeigt von den technischen Mitteln Molter mit Telemann verwandt; wie in der Kantate in Es MWV2.25 auf einen anonymen Text ('Care erbette amiche piante') verbindet ein kurzes Rezitativ zwei Arien, die Affekte und virtuose Geläufigkeit gleichermaßen fordern. Julia Kirchner, Gastsolistin der Camerata Bachiensis, des Residenzensembles des Bach-Museums Leipzig, wird von ihren Instrumentalpartnern auf Händen getragen – reiche Klangfarben, hohe Virtuosität und ein warmer Stimmcharakter laden zu den beiden jeweils rund 12-13 Minuten Werken ganz besonders ein.

Was nicht heißen soll, dass die Sinfonia in D WWV7.24, das Flötenkonzert in A MWV6.13, die Ouvertüre in B MWV3.7 oder die 'Sonata a quadro' in F MWV9.20 von der musikalischen Vielfalt oder der interpretatorischen Souveränität auch nur im geringsten weniger gelungen wären. Die dreisätzige Streichersinfonie D-Dur (aus einem Manuskript des Jahres 1738) wird mit gebotener Virtuosität und Verve, vor allem aber feinem Klangsinn und großer musikalischer Farbvielfalt dargeboten: Anne Kaun und Friederike Lehnert (Violine), Magdalena Schenk-Bader (Viola), Isolde Winter (Cello), Felix Görg (Kontrabass) und Julia Chmielewska-Ulbrich (Cembalo) finden eine schier unendliche Vielfalt an musikalischen Klangerlebnissen, durch die auch der schlichteste Tonsatz nicht bieder und stupide gerät. Wunderbar die schwebenden Elemente im elegant fließenden zentralen 'Andante'.

Im Flötenkonzert, der 'Sonata a quadro' sowie der Ouvertüre tritt Roberto De Franceschi als Flötist und Oboist hinzu. De Franceschis Querflöte (nach Carlo Palanca, Turin um 1760) ist von besonders frei klingender heller Schlichtheit, nahe am Klang der Blockflöte, doch ohne jeden sauren Tonansatz. Die Phrasierung der Camerata Bachiensis ist erfreulich unaffektiert und gleichzeitig im besten Sinne affektiv, die Tempowahl nie forciert oder verschleppt, es gibt keine unnötig übertriebenen ‚sprechenden‘ agogischen Verzerrungen. Auch im Flötenkonzert und der Sonata erweist sich der langsame Satz als fein austariertes, emotional besonders berührendes Zentrum der Kompositionen, das hier aber nicht überemotionalisiert wird. Ein affirmativer Schlusssatz gleicht den musikalischen Tiefgang unaufdringlich wieder aus.

Die Ouvertüre (im französischen Stil) bedient alle Topoi der entsprechenden Gattung, und klarer noch als in anderen Kompositionen wird deutlich, dass Molter mit der Musik Telemanns wie Bachs, mit der italienischen wie der französischen Musik gleichermaßen bestens bekannt war, dass er zwar vielleicht keinen unmittelbar sofort erkennbaren Stil entwickelte, aber ein Handwerker hohen Grades, ein Hofkapellmeister im wahren Sinne war.

Endlich haben wir hier eine angemessene Geburtstags-CD für den Jubilar, die aber eben nicht aus Karlsruhe, auch nicht aus Eisenach, sondern aus einer Stadt kommt, an der Molter musikalisch nicht vornehmlich präsent war. Die Aufnahmetechnik hat die Einspielungen in der Leipziger Heilig-Kreuz-Kirche mit großer Klarheit und unter kluger Einkalkulation der Raumakustik eingefangen. An dem ansonsten tadellosen Booklet ist einzig das Coverbild ein gewisses Ärgernis – warum muss zum hunderttausendsten Male Venedig als Motiv herhalten, ohne den geringsten Konnex zum Inhalt der CD? Dass sein Markgraf Molter zu Fortbildungszwecken nach Italien schickte, reicht als Argumentationshilfe nicht aus.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Molter, Johann Melchior: Orchesterwerke und Kantaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
05.08.2016
EAN:

5028421952734


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