> > > Different Traces: Werke von Reich, Berio, Kampe, u.a.
Sonntag, 16. Januar 2022

Different Traces - Werke von Reich, Berio, Kampe, u.a.

Die Spuren des Saxophons in der zeitgenössischen Musik


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ruth Velten hat eine abwechslungsreiche CD mit sechs Werken zusammengestellt, die Einblicke in die stilistische Vielfalt des Komponierens für Saxophon aus den vergangenen Jahrzehnten erlaubt.

Diese CD, so die Saxophonistin Ruth Velten in ihrem Einführungstext, sei aus dem Wunsch heraus entstanden, ‚in einer Aufnahme zeitgenössische Saxophonwerke zusammenzubringen, die für mich in meiner künstlerischen Laufbahn wichtig waren‘. Herausgekommen ist dabei eine Produktion aus dem Hause Genuin mit sechs Kompositionen aus den unmittelbar zurückliegenden Jahrzehnten, die ihrem Titel ‚Different Traces‘ vollauf gerecht wird, denn der Musikerin gelingt hier ein stilistisch überraschend vielfältiger Einblick in das Komponieren für unterschiedliche Saxophontypen, das – von einer Ausnahme abgesehen – immer auch mit einer Verwendung elektronischer Zuspielungen verschränkt ist.

Die ‚Klassiker‘ im Programm bilden zwei mittlerweile fest im Saxophonrepertoire verankerte Bearbeitungen: Luciano Berios 'Sequenza VIIb' (1969/1993), zunächst für Oboe komponiert und später von Claude Delangle für Sopransaxophon bearbeitet, ist die einzige Komposition, die ohne Zuspielung auskommt. Die um den Zentralton h gruppierten, voller erweiterter Spieltechniken steckenden Aktionen werden von der Interpretin zu einem klanglich verschachtelten Vexierspiel geformt, das durch vielfach abgestufte Echowirkungen beeindruckend. Auch im Falle von Steve Reichs 'New York Counterpoint' für Sopransaxophon und Tonband (1985), ursprünglich für Klarinette entstanden und hier in der Transkription von Susan Fancer eingespielt, weiß Velten zu überzeugen, schafft die Solistin doch aus dem Dialog zwischen Instrument und elf zugespielten Einzelstimmen ein Gewebe voller pulsierender Überlagerungen und kanonische Wechselwirkungen. Um hierbei eine größtmögliche klangliche Homogenität zu erzeugen, hat die Saxophonistin nicht auf das beim Verlag erhältliche Zuspielmaterial zurückgegriffen, sondern sämtliche Stimmen der Zuspielung – vier Sopran-, zwei Alt- und drei Tenor- und zwei Baritonsaxophonparts – neu realisiert: eine aufwendige Entscheidung, die man angesichts des geschlossenen, voller Veränderung der klanglichen Perspektiven steckenden Gesamteindrucks nur begrüßen kann.

Die übrigen vier Stücke inszenieren den Dialog zwischen Blasinstrument und elektronischen Komponenten auf jeweils sehr individuelle Weise: François-Bernard Mâches 'Aulodie' für Sopransaxophon und Zuspielung (1983), in meinen Augen die im Hinblick auf Klangfarben schwächste Komposition, spielt sich als musikalische Auseinandersetzung zwischen Saxophon und einer von elektronischen Klangfarben dominierten Zuspielung ab, bei der sich am Ende der Saxophonpart durchsetzt und beide Ebenen sich in pentatonischen Konfigurationen verfangen, bis am Ende der Solopart allein übrig bleibt. Geradezu verschwenderisch ist demgegenüber die Klangfarbenpallette, die Fabien Lévy in 'L’air d’ailleurs – Bicinium' für Altsaxophon und Zuspielung (1997), zumal Veltens Annäherung an die klanglich sphärische Zuspielung zwischenzeitlich so eng gerät, dass man als Zuhörer die beiden Klangquellen nicht mehr auseinanderhalten kann.

Pierre Jodlowski wiederum inszeniert in 'Mixtion' für Tenorsaxophon und Elektronik (2002–03) ein Gegenüber von Saxophon auf der einen sowie Zuspielklängen und Live-Elektronik auf der anderen Seite, das seine Spannungen aus dem Bezug auf unterschiedliche Ausdruckshaltungen entwickelt. Die Klangwelt ist komplex und pendelt zwischen expressiven Momenten, zarten Tonraumbewegungen oder Mehrklänge und jazzartig herausgeschleuderten Klangkaskeden, denen zumeist perkussive Elemente der Elektronik gegenüberstehen. Den musikalischen Bogen spannt Velten mühelos über die 15-minütige Werkdauer, wobei sie auf die Verdichtungen hinspielt, die unter Einbeziehung von Alltagsklängen und Schatten von Stimmen entstehen. Das wohl persönlichste Stück der CD ist 'Ruth’s Piece' für Tenorsaxophon und Zuspielung (2014), das Gordon Kampe für die Saxophonistin geschrieben hat. Dabei spielt der künstlerische Dialog zwischen beiden Künstlern – das improvisatorische Reagieren von Velten auf ein Tape des Komponisten und die kompositorische Bearbeitung dieser Reaktion als Basis von Zuspielung und Notentext – eine zentrale Rolle. Entstanden ist hierbei eine klangmächtige, von verfremdeten Klängen durchsetzte Kulisse, aus denen immer wieder elektronisch gefilterte Klänge als maschinenhaftes Element hervorbrechen. Bei alldem gibt Ruth Velten nicht nur tiefe Einblicke in die vielfarbigen Verwendungsmöglichkeiten des Saxophons, sondern liefert auch eine beachtliche Leistungsschau ihres erstaunlichen instrumentalen Könnens. Hut ab!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Different Traces: Werke von Reich, Berio, Kampe, u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
03.07.2016
Medium:
EAN:

CD
4260036254242


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Berio, Luciano
Jodlowski, Pierre
Levy, Jules
Reich, Steve


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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