> > > Strauss, Richard: Die Frau ohne Schatten
Samstag, 23. Februar 2019

Strauss, Richard - Die Frau ohne Schatten

Skandinavische Erstaufführung


Label/Verlag: Sterling
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Veröffentlichung dieses Mitschnitts ist aus historischer Sicht überaus verdienstvoll und für Sammler oder Fans des schwedischen Opernhauses und seines Ensembles fraglos von großem Wert.

Die vorliegende Stockholmer 'Frau ohne Schatten' ist ein Tondokument von wahrhaft historischer Bedeutung: das letzte Rollendebüt von Birgit Nilsson. Die schwedische Hochdramatische fügte im Dezember 1975 ihrem Repertoire noch die Färbersfrau hinzu, die sie bis zu ihrem Bühnenabschied 1984 noch viele Male an der Seite großer Kollegen interpretieren konnte. Die Stockholmer Produktion stellt zugleich die skandinavische Premiere von Richard Strauss‘ und Hugo von Hofmannsthals ‚Märchenoper‘ dar, die auch wenige Jahre später vom Schwedischen Fernsehen aufgezeichnet wurde. Das Filmdokument ist leider noch immer nicht greifbar, dafür nun aber der Mitschnitt der Premiere vom 13. Dezember 1975 in der Königlichen Oper.

Die drei im Rahmen einer Siv-Wennberg-Hommage beim Label Sterling erschienenen CDs sind klanglich absolut in Ordnung, dennoch sollte man ein Mitschnitt-geübter Hörer sein, denn die Bühnenaktion lässt durchaus auch mal den Gesang weit in den Hintergrund rücken, um ihn dann wieder deutlich präsent in der Nähe eines Mikrofons einfangen zu können. Dafür sind die Stimmen über weite Strecken klar, der Orchesterklang der Kungliga Hovkapellet weitgehend transparent. Am Pult des Königlichen Orchesters steht Berislav Klobucar, der es ordentlich donnern lässt und lustvoll die Wogen schürt, anstatt sie mit Bedacht zu glätten. Feinarbeit klingt anders, aber Klobucar hat auch alle Hände voll zu tun, die Solisten mit seinen Instrumentalisten in Einklang zu bringen. Viele der damaligen Sänger sind Debütanten in einem Werk, das damals noch immer nicht zum festen Opernkanon gehört. Die Partien sind also bei so manchem Sänger frisch gelernt und die Premierennervosität tut dann noch ihr Übriges. So wackelt es im ersten Akt noch vielerorts, das legt sich aber im Laufe des Abends und dann kann auch Klobucar die Zügel lockerer lassen und seine Aufmerksamkeit dem Orchester schenken.

Birgit Nilsson meistert die Färberin wie erwartet mit Bravour. Der legendäre silberne Trompeten-Ton passt hervorragend zur keifenden Ehefrau Baraks, deren Zartheit und Verletzlichkeit bei Nilsson aber ebenso zur Geltung kommen. Ein Jahr später in München hat die Nilsson ihre neue Partie weiter verinnerlicht und im Wiener Mitschnitt von 1977 stiehlt sie ohnehin den anderen Protagonisten die Show. In Wien 1977 wie auch hier in Stockholm ist Walter Berry ihr Barak – eine seiner Paraderollen. Berry wirkt in der Stockholmer Premiere als Einspringer für einen erkrankten Kollegen mit und ist als international umjubelter und rollenerfahrener Barak eine stabile Stütze für das Ensemble. Die tiefe Menschlichkeit, die Walter Berry in seinem Gesang auszudrücken vermag, ist unnachahmlich, sein 'Mir anvertraut, dass ich sie hege' unerreicht.

Als Kaiser beeindruckt der gerade mal 32-jährige Finne Matti Kastu, der die Rolle in den folgenden Jahren noch an vielen großen Bühnen singen wird, mit furchtloser Höhensicherheit und immensen Kraftreserven. Seine Kaiserin ist die schwedische Sopranistin Siv Wennberg, die außerhalb Schwedens heute leider viel zu unbekannt ist. Ihr leuchtender Sopran passt wunderbar zu Strauss‘ schattenloser Tochter des Geisterkönigs. Die extremen Höhen des Auftritts mögen einer gewissen Leichtigkeit entbehren, aber alles was folgt, kann sich hören lassen. Siv Wennberg gelingt nämlich das Kunststück, den ersten Akt mit einer nahezu weißlichen Stimme zu singen, fast schon distanziert. Im Laufe der Oper gewinnt ihre Kaiserin an Menschlichkeit und folglich an Farben. Auch Wennberg hatte nach dieser Stockholmer Premiere noch viele Chancen, ihr Rollenporträt zu perfektionieren. Schade, dass keine ihrer späteren Kaiserin-Interpretationen auf Tonträger erhältlich sind.

Die dramatische Mezzosopranistin Barbro Ericson gibt eine dämonisch abgründige Amme, die man vielleicht eher live erlebt haben muss, als einzig mit der Tonspur vorlieb nehmen zu müssen. Rhythmische und intonatorische Ungenauigkeiten fallen beim unmittelbaren Erleben dieser Opern-Urgewalt Ericson vielleicht nicht so ins Gewicht. Beim bloßen Hören dieses Mitschnitts ist die Faszination, die diese Künstlerin fraglos hatte, schwer nachvollziehbar. Da muss man vorher einmal ihre rasende Ortrud (mit Nicolai Gedda als Lohengrin) oder die erhaltenen Ausschnitte ihrer Amneris oder ihre Kundry aus Bayreuth gehört haben, um ihre Glaubwürdigkeit und Authentizität als Amme abstrahieren und würdigen zu können.

Die übrigen Rollen sind mit hervorragenden Ensemblekräften besetzt: Bo Lundborg als kraftvoller Geisterbote, Tord Slättergard als Jüngling und Birgit Nordin als prägnanter und höhensicherer Falke. In der Rolle des dritten Wächters tritt indes bereits der junge Hakan Hagegard in Erscheinung.

Die Veröffentlichung dieses Mitschnitts ist aus historischer Sicht überaus verdienstvoll und für Sammler oder Fans des Schwedischen Opernhauses und seines Ensembles fraglos von großem Wert. Man muss aber schon wissen, wer Matti Kastu, Siv Wennberg und Barbro Ericson sind und sich dezidiert für die hier dokumentierten Rollendebüts interessieren, um im CD-Regal eines Plattenladens nach diesem Mitschnitt zu greifen. Auch wenn erfreulicherweise ein vollständiges Textbuch beiliegt, das aber leider seiner Größe wegen nicht in die CD-Box passt, ist diese ‚Frau ohne Schatten‘ kein guter Einstieg in dieses komplexe Werk. Und mit Birgit Nilsson und Walter Berry gibt es klanglich bessere Mitschnitte. Somit bleibt diese Veröffentlichung ein kleines Sammlerjuwel – und dafür gilt es einfach, Dankeschön zu sagen.


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Strauss, Richard: Die Frau ohne Schatten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Sterling
1
29.03.2012
EAN:

7393338169628


Cover vergössern

Strauss, Richard


Cover vergössern

Sterling

Sterling is a record label specialising in orchestral music from the Romantic era, founded by Bo Hyttner. Most of the CDs released by Sterling contain previously unrecorded works. After setting out with Swedish romantics, Sterling is now spreading out towards the musical heritage of other European countries. In Sweden, the label is represented through CDA.



Additional to our series of Romantic orchestral classics, we release two more series:
  • The Artist series, dedicated to musical excellence from Swedish performers
  • The Historical Recordings series, with many unique pieces of musical heritage taken from the Swedish Radio Archives.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Sterling:

  • Zur Kritik... Geistliche Frauengesänge: Gesänge des Birgittenordens: Dieser Tonträger ist ein einzigartiger Beitrag zum Thema Frauen und geistliche Musik im klösterlichen Umfeld. Weiter...
    (Anneke Link, )
  • Zur Kritik... Polnischer Frühling: Mit der dritten Folge der bei Sterling erscheinenden Reihe mit Orchesterwerken von Zygmunt Noskoswki (1846–1909) ist der Zyklus seiner drei Symphonien erstmals komplett auf Tonträger vorhanden. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Probebohrung im Feld romantischer Kirchenmusik: Vermutlich kennen Sie Raff: Seine attraktiven Symphonien sind inzwischen fest im Tonträgerrepertoire verankert. Lohnt sich auch ein Blick auf seine sakrale Chormusik? Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von Sterling...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Romantische Rheinlegende: Die Popularität seines 1. Violinkonzerts hat das übrige Schaffen des Komponisten Max Bruch gnadenlos überschattet. Welche Meisterwerke Bruchs es wieder zu würdigen gilt, zeigt die vorliegende Ersteinspielung seiner großen Romantischen Oper 'Loreley'. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Bildhaftes Drama: Fagerlunds ist nicht einfach 'nur' eine Filmoper, sondern ein eigenständiges Werk, das die Mittel des Musiktheaters überzeugend zu nutzen versteht. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Der Funke will nicht überspringen: Wenn Nikolaus Harnoncourt Raritäten ausgräbt, dann ist das zumeist vielversprechend. Und als CD-Erscheinung für alle Entdeckungsfreudigen eigentlich ein Muss. Schade nur, wenn der Funke der Begeisterung auf den Zuhörer nicht so recht überspringen mag. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Kompromisslos: Das Beethoven Orchester Bonn unter Stefan Blunier gefällt auch mit seinen Interpretationen zweier nicht ganz so ikonischer Beethoven-Sinfonien. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Anspruchsvolles Gesamtpaket: Ganz im Sinne des Albumtitels lässt 'Estrellita' wertvolle Evergreen- und Encore-Juwelen funkeln. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Bis heute modern: Dieser 'Tribut in fünf Balletten' zeigt die russische Tänzerin Maya Plisetskaya in bedeutenden Rollen. Weiter...
    (Miquel Cabruja, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (2/2019) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich