> > > Piazolla, Astor: Maria De Buenos Aires
Sonntag, 16. Januar 2022

Piazolla, Astor - Maria De Buenos Aires

Allegorische Tango-Passion


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine neue Einspielung von Astor Piazzollas ambitionierter 'tango operita' 'María de Buenos Aires' überzeugt durch Interpretenwahl und Tonfall.

Knapp ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des Komponisten und Bandoneonisten Astor Piazzolla (1921–1992) sind viele seiner Werke nicht nur auf der klassischen Konzertbühne angekommen, sondern leider oft auch in Gestalt mehr oder weniger gelungener Umarbeitungen und mutloser, klangschön aufpolierter Interpretationen auf die Stufe von Salonkitsch und Zugabestücken herabgesunken. Dass darunter vor allem Piazzollas ambitioniertere Schöpfungen stark gelitten haben, macht das Beispiel der 1968 entstandenen Komposition 'María de Buenos Aires' deutlich, die sich schon aufgrund ihrer eigentümlichen Gattungszugehörigkeit schwer einordnen lässt. Der Untertitel ‚tango operita‘ verweist zwar darauf, dass Piazzolla hier für die Musiktheaterbühne komponierte, doch führt die Bezeichnung ‚operita‘ (übersetzbar als ‚kleine Oper‘) zugleich auch in die Irre, da sie keine Schlüsse darauf zulässt, um was es wirklich geht. 'María de Buenos Aires' ist eine mit surrealen Elementen aufgeladene Passiongeschichte, die anhand allegorischer Figuren von der Entstehung des Tangos in den Vorstädten, seinem Sterben und seinem Wiederaufleben in einer neuen Zeit und unter neuen Vorzeichen erzählt – im Grunde also eine Meta-Oper über das gesamte Genre und dessen musikalisches Überleben unter unterschiedlichen Bedingungen, zu dem Piazzolla als Schöpfer des von Jazz und neuer Musiker beeinflussten ‚Tango nuevo‘ selbst wesentlich beigetragen hat.

Zwar ist es vor allem dem Geiger Gidon Kremer zu verdanken, dass Piazzollas ‚tango operita‘ einem größeren Publikum nicht völlig unbekannt blieb, doch erweist sich seine 1998 auf dem Höhepunkt der ersten großen europäischen Piazzolla-Begeisterungswelle entstandene Aufnahme bei näherem Hinsehen als recht mutlose Bearbeitung, die viele musikalische und stilistische Eigentümlichkeiten des Werkes zugunsten einer leichteren Konsumierbarkeit einebnet. Und auch andere Einspielungen aus der inzwischen doch beträchtlichen Anzahl diskografischer Versuche – darunter die gekürzte musikalische Adaption, die 1987 in Zusammenarbeit von Jorge Zulueta und dem Festival de Lille entstand, oder auch die 1997 produzierte Gesamteinspielung mit den Solisti Aquilani unter Leitung von Vittorio Antonellini – können angesichts vieler musikalischer Schwächen nicht überzeugen. Dass das Label NEOS nun eine Neuproduktion mit diversen Solisten und dem belgischen Ensemble Musiques Nouvelles wagt, kann man angesichts des gelungenen Ergebnisses ruhig als diskografische Großtat bewerten.

Bereits das komplexe Textgerüst, das der Tangodichter Horacio Ferrer für 'María de Buenos Aires' schrieb, erweist sich als Stolperstein für viele Aufnahmen, weil es den poetischen Gedanken in den Mittelpunkt rückt und sich gegen eine nur an schönen Melodien interessierte Interpretations- oder Rezeptionshaltung immun zeigt. Dies hängt damit zusammen, dass der Text über weite Passagen hinweg in melodramatischer Gestalt von einem geisterhaften Erzähler ('El Duende') vorgetragen wird und demgegenüber eher selten auch als Grundlage für einzelne Vokalteile dient. Mit dem Pianisten und Komponisten Gustavo Beytelmann, einem früheren Weggefährten Piazzollas, hat man einen Interpreten gefunden, der diesen schwierigen Sprechpart mit klanglich subtil eingefärbter Rede und phänomenaler, auch im Konsonantbereich in den Klang gewendeter Artikulation wiedergibt. Ihm stehen in den solistischen Gesangsparts die sinnlich agierende Delphine Gardin (als María) und Roberto Cordova gegenüber. Dass beide Vokalisten nicht von der klassischen Musik herkommen, macht sich insbesondere bei der Feingestaltung ihrer Parts und beim Umgang mit der Agogik sehr positiv bemerkbar. Stark sind darüber hinaus aber auch die in unterschiedlichen Kombinationen auftretenden, chorisch eingesetzten Stimmen (Silvia Varela, Alicia Jardel, Ariana Cuevas, Sofia Stegmann, Eduardo Ríos Centeno, Juan Carballo, Juan Carlos Tolosa, Javier Bretón).
Das größte Kompliment gilt jedoch dem Ensemble, denn dass ein europäisches Spezialensemble für neue Musik den Tonfall und die Nuancen (insbesondere die klanglichen ‚Verschmutzungen‘) von Piazzollas Tangopassion dermaßen genau trifft, halte ich angesichts so mancher fragwürdiger Aufnahmen aus der Vergangenheit für eine kleine Sensation. Allen voran sind hier die Leistungen des finnischen Bandoneonisten Ville Hiltula und des Geigers David Núñez – ihm obliegt auch die musikalische Leitung – zu nennen. Beide Musiker überzeugen durch eine Wiedergabe, bei der das von Piazzolla komponierte Satzgerüst als Ausgangspunkt für freiere Gestaltungen dient, wobei immer wieder auch improvisatorische Momente mit einfließen.

Abgerundet wird die klanglich und räumlich hervorragend, auf zwei SACDs realisierte Studioproduktion durch ein dickes Booklet, das neben einer knappen Zusammenfassung des Inhalts sämtlicher 16 Szenen eine annehmbare Übersetzung von Ferrers Text ins Deutsche (sowie ins Englische und Französische) anbietet. Allerdings wirkt der lediglich dreiseitige Einführungstext von Isabelle Françaix etwas bemüht, da er oft am Gegenstand vorbeizielt und Piazzollas ‚tango operita‘ nicht immer gerecht wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Piazolla, Astor: Maria De Buenos Aires

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Neos
2
17.06.2016
Medium:
EAN:

SACD
4260063108075


Cover vergössern

Piazzolla, Astor


Cover vergössern

Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Neos:

  • Zur Kritik... Ästhetisch rigoros: Ernst Helmuth Flammers anspruchsvolle Orchestermusik in vorbildlichen Wiedergaben. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Konturiert: Peter Ruzicka weiß seine Musik mit Orchester in Szene zu setzen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Bestechend: Aus der Schweiz kommt eine überzeugende Einspielung mit Neuer Musik. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
blättern

Alle Kritiken von Neos...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... John Bull und andere: Im sechsten Teil seiner Gesamteinspielung des 'Fitzwilliam Virginal Book' kombiniert der Cembalist Pieter-Jan Belder Stücke von John Bull mit einzelnen Kompositionen unbekannterer Tonsetzer. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Arbeit an klanglichen Feinheiten: Die zweite DVD der Reihe 'Lachenmann Perspektiven' widmet sich der Komposition 'Air'. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Blick in die Interpretationswerkstatt: Eine neue DVD-Reihe vermittelt unschätzbare Einblicke in die musikalischen und technischen Problemstellungen von Helmut Lachenmanns Musik. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2022) herunterladen (3500 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich