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Samstag, 6. März 2021

Dean, Brett - Shadow Music

Tiefenscharfes Porträt


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit einer Neuproduktion verschiedener Orchesterstücke setzt das Label BIS seine Reihe mit Werken des australischen Komponisten Brett Dean fort.

Nach einigen herausragenden Produktionen der vergangenen Jahre, zu denen beispielsweise die Erstaufnahmen von musikalischen Schwergewichten wie dem Viola Concerto und dem Violinkonzert 'The Lost Art of Letter Writing' gehörten, widmet sich eine weitere SACD aus dem Hause BIS dem Schaffen des Australiers Brett Dean (*1961). Im Mittelpunkt steht diesmal eine Reihe von Werken für Streich- und Kammerorchester, für dessen attraktive Klanggestalt das gut aufgelegte Swedish Chamber Orchestra unter Leitung des Komponisten verantwortlich zeichnet.

Den Beginn bildet Deans 'Etüdenfest' für Streicher und obligates Klavier (2000), ein Spiel mit Versatzstücken aus Standard-Streicheretüden – Geläufigkeitsübungen, Arpeggien, Tonleitern und mehr –, das der Komponist zu einem selbstironischen Diskurs über die unausgesprochenen Möglichkeiten alltäglicher Übungsqual formt. An der Grenze zur Unhörbarkeit beginnend, ist der anschwellende Streicherklang aus vielen einzelnen Komponenten zusammengesetzt, die sich allmählich zu sinngebenden orchestralen Texturen fügen. Dort dienen sie als Impulse für die Entfaltung neuer Element und fallen danach wieder in heterophone Klangbänder auseinander, bevor kurz vor Schluss das obligate Klavier mit Skalenbewegungen hinzutritt.

Die klare, facettenreiche Wiedergabe dieses Werkes, bei welcher die vielfach gestaffelten Orchesterstimmen sich in enormer räumlicher Tiefe auffalten, ist bezeichnend für die gesamte Produktion und findet sich daher auch in der dreiteiligen 'Shadow Music' für kleines Orchester (2002): Hier setzt Dean – zunächst unter Verzicht auf die Streicher, wodurch sich ein ausgesprochen wirksamer Kontrast zum vorangegangenen Stück ergibt – raue, akzentuierte Bläserakkorde gegen leise, luftig pulsierende Klangbänder, wobei er musikalische Schattenwürfe und leicht gegeneinander verschobene Melodielinien von fast schon bildlicher Qualität erzeugt. Vergleichbar prägnant sind auch die fünf im Untertitel als 'Interludien für Streichorchester' bezeichneten 'Short Stories' (2005), deren quasi-spontaner Charakter sich auf das knappe Einfangen atmosphärischer Momente beschränkt. Dean schafft hier knapp formulierte, klanglich sehr individuelle Situationen, deren leuchtende Klangfarben genau gearbeitet sind und Zeugnis vom Können des Komponisten im Umgang mit Streichern ablegen. Auch hier wirken sich genauer Vortrag und ausgezeichnetes Klangbild der Aufnahme positiv aus, weil sie jede noch so feine Schattierung der Miniaturen hervortreten lassen.

Den Höhepunkt der Produktion bildet freilich – gleichfalls konzentriert und plastisch umgesetzt – die Kombination von Deans 2013 fertiggestellter Bearbeitung des 'Adagio molto e mesto'-Satzes aus Ludwig van Beethovens Streichquartett F-Dur op. 59 Nr. 1 mit der eigenen Orchesterkomposition 'Testament' (2008), die sich inhaltlich auf das ‚Heiligenstädter Testament‘ (1802), eines der wichtigsten biografischen Dokumente Beethovens, und die darin niedergeschriebene seelische Erschütterung angesichts der beginnenden Taubheit bezieht. Aus dieser Zuordnung resultiert ein Diptychon, in dem zeitgenössischer Kommentar und neu gelesenes historisches Klanggeschehen musikalisch aufeinander bezogen sind. Die einfallsreiche Instrumentation des Beethoven’schen Quartettsatzes steckt voller fein ausgearbeiteter, die Dramaturgie der Musik unterstützender Tutti- und Solowirkungen, die Dean einem vielseitig eingesetzten Streichorchester anvertraut und durch zusätzliche Farbtupfer – Flöte und Klarinette sind passagenweise kaum merklich in das Streichergewebe integriert – anreichert.

'Testament' greift den Schlusstriller des Adagios unmittelbar auf und macht diese zitternde Bewegung zum Bestandteil einer auseinander laufenden Textur: Unsicherheit wird in Gestalt von Tremoli, Tonhöhenwechseln und Vibrationen auf allen Ebenen spürbar, pflanzt sich in Erschütterungen durch das Stimmengewebe fort, bis sich im Mittelteil plötzlich wieder Passagen aus dem Quartettsatz herauszuschälen beginnen, um danach energetischeren Ausbrüchen Platz zu machen. Die Logik, mit der Dean hier vorgeht und die Stimmung von Beethovens biografischem Dokument in musikalische Parameter übersetzt, ist frappierend und wird durch die Verknüpfung mit der Bearbeitung des Quartettsatzes noch unterstrichen. Mit dieser Kombination wird eine Produktion abgerundet, deren überzeugende Werkauswahl sich zu einer vielgestaltigen Gesamtwirkung fügt. Hier bietet sich eine hervorragende Gelegenheit, in Deans Schaffen aus den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten hineinzulauschen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dean, Brett: Shadow Music

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
01.06.2016
Medium:
EAN:

CD SACD
7318599921945


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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