> > > Roma aeterna: Werke von Palestrina, Guerrero und Victoria
Samstag, 15. August 2020

Roma aeterna - Werke von Palestrina, Guerrero und Victoria

Klassiker


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wieder einmal eine großartige Platte von New York Polyphony: Hätten die Kardinäle auf dem Konzil von Trient Palestrinas Musik in solch atemberaubender Qualität hören können – sie hätten vermutlich allem mit Freuden zugestimmt, was diese Kunst bewahrt.

Die famose amerikanische Vokalformation New York Polyphony hat schon einige hochinteressante Platten vorgestellt, neben üppiger sängerischer Klasse geprägt vor allem von programmatischer Ambition. Jetzt liegt unter dem Titel ‚Roma Aeterna‘ ein geradezu klassisches Programm vor – mit Messen von Giovanni Pierluigi da Palestrina und Tomás Luis de Victoria im Zentrum.

Palestrina kommt als Meister gerundeter Perfektion zu Gehör, mit seiner berühmten sechsstimmigen 'Missa Papae Marcelli', die auch heute noch geradezu mustergültig wirkt, aber eben auch von edler Inspiration durchpulst ist, in äußerst harmonischem Satz, mit feiner Balance aller sechs Stimmen. Auch wenn das Trienter Konzil 1562 überhaupt keine strikte Einschränkung polyphoner Musik in den Gottesdiensten beschloss, ist die wohl falsche Vorstellung, Palestrinas Papst-Messe habe den betont kunstvollen vielstimmigen Satz vor einem Verbot durch das Konzil bewahrt, doch charmant – ist die Messe doch subtil im Klang, modal virtuos und expliziert die Texte bei aller Dichte des Satzes in beeindruckender Klarheit.

Dazu kommt mit der 'Missa O quam gloriosum' des Spaniers Tomás Luis de Victoria eine Parodiemesse auf eine eigene Motette gleichen Namens zu Gehör: Victoria, der in der Generation nach Palestrina in Rom reüssierte, nutzte die Vorlage als Steinbruch und Inspiration, bediente sich umfangreich am noblen Material – doch formte er etwas ästhetisch vollkommen Neues. Man sollte das Parodieverfahren nicht aus heutiger Sicht desavouieren; es war zu früheren Zeiten ein wichtiges Instrument, um Qualitätvolles zu bewahren und um Ideen, um Inspiration zu transferieren. Auch bei Victoria, einer der Nachfolger Palestrinas als Kapellmeister des Römischen Priesterseminars, herrscht größte Ausgewogenheit der maßvoll varianten vier Stimmen, durchaus mit einem leichten Zug verbunden, wo bei Palestrina noch mehr edle Würde im Vordergrund steht.

Erstrangig

New York Polyphony besticht auch in diesen hochklassigen Kompositionen mit einem wie stets noblen Grundklang voller Harmonie und Präzision. Schon nach wenigen Veröffentlichungen ist es den Amerikanern zudem gelungen, einen Ensembleklang von geradezu stupender Qualität und charakterlicher Einzigartigkeit zu formen, getragen von höchst individuellen Einzelstimmen von einiger Größe. Im Einzelnen sind das der Altus Geoffrey Williams, der Tenor Steven Caldicott Wilson, der Bariton Christopher Dylan Herbert und der formidable Bass Craig Phillips. Dazu treten bei Palestrina mit dem Altus Tim Keeler, dem Tenor Andrew Fuchs und dem Bass Jonathan Woody Gäste auf identischem Niveau. Vor allem Keeler kann sich als Diskant in der eingeschobenen sechsstimmigen Palestrina-Motette 'Tu es Petrus' eindrucksvoll profilieren. Bemerkenswert sind auch unglaublich homogene, dabei sehr lebendig gestaltete gregorianische Einschübe, getragen von einem perfekten Ensemble-Atem.

Die Tempi sind überwiegend frisch bewegt, verraten ein untrügliches Gespür für jenen Puls, der große Bögen tragfähig sein lässt, ohne in Hektik zu verfallen. Immer wieder entfalten die Vokalisten einen durchaus expansionsfähigen, jedenfalls alles andere als kraftlosen Klang. Intoniert wird schlicht fabelhaft: leicht, frei, mit vielen lebhaften Impulsen, alles andere als starr oder fahl. Und das Ensemble ist auch bei der linearen Gestaltung mit allen Qualitäten gesegnet, die eine erstrangige Formation von einer durchschnittlichen unterscheiden, vielleicht noch mit der Besonderheit, der perfekt schwebenden Polyphonie Palestrinas und Victorias eine ganz besondere Lebendigkeit, Unmittelbarkeit der Wirkung abgewinnen zu können.

Realisiert ist das in einem sehr ansprechenden Klangbild, das durch schiere Größe beeindruckt, den gewaltigen Nachhall der St. Cecilia Cathedral in Omaha aber mit viel präziser Zeichnung bändigt, in zugleich glänzender Balance disponiert ist.

Wieder einmal eine großartige Platte von New York Polyphony: Hätten die Kardinäle auf dem Konzil von Trient Palestrinas Musik in solch atemberaubender Qualität hören können – sie hätten vermutlich allem mit Freuden zugestimmt, was diese Kunst bewahrt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Roma aeterna: Werke von Palestrina, Guerrero und Victoria

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
01.06.2016
Medium:
EAN:

SACD
7318599922034


Cover vergössern

Guerrero, Francisco
Palestrina, Giovanni Pierluigi
Victoria, Tomás Luis de


Cover vergössern

BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag BIS Records:

  • Zur Kritik... Klangspektakel : Die Geigerin Eldbjørg Hemsing kehrt auf ihrer neuesten Aufnahme zu ihren norwegischen Wurzeln zurück: Gemeinsam mit dem Pianisten Simon Trpceski spielt sie alle drei Violinsonaten von Edvard Grieg ein – und verzaubert. Weiter...
    (Yvonne Rohling, )
  • Zur Kritik... Unbekannter Prokofjew: Das Symphonieorchester Lahti spielt unter Dima Slobodeniouk selten zu hörende Werke von Sergej Prokofjew. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Humane Stimme: Luciano Berios 'Coro' – ohne Zweifel Kunst von besonderer Form und erheblichem Rang. Und natürlich ein tolles Vehikel für den Norwegischen Solistenchor und das Norwegische Rundfunkorchester, ihre üppigen Fähigkeiten auszustellen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von BIS Records...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Requiem für Furtwängler: Ein Requiem für Wilhelm Furtwängler – eine gewiss zufällige zeitliche Koinzidenz macht diese Aufnahme der zweiten Sinfonie mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Eugen Jochum zu einer besonderen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... In Oktaven: Zweifellos ein delikates Klangexperiment voller Reiz, das Giuliano Carmignola und Marco Brunello hier unternommen haben: Vivaldi und Bach kann man unbedingt so spielen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Gesualdo mit Methode: Graindelavoix mit einem neuerlichen Statement gegen vokale Hochglanzkunst, dieses Mal bei Carlo Gesualdo. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Höchstmaß an Plastizität: Mit dem Aufführungsprojekt 'Shostakovich 15' gewann das Carducci String Quartet 2016 einen der Royal Philharmonic Society Music Awards. Die zweite Folge einer laufenden Studio-Einspielung der 15 Quartette unterstreicht die großen Qualitäten der Briten. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Requiem für Furtwängler: Ein Requiem für Wilhelm Furtwängler – eine gewiss zufällige zeitliche Koinzidenz macht diese Aufnahme der zweiten Sinfonie mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Eugen Jochum zu einer besonderen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Ausflug ins tschechische Viola-Repertoire: Jitka Hosprová engagiert sich leidenschaftlich für drei tschechische Violakonzerte, die allerdings in ihrer Substanz nur teilweise gelungen sind. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Pietro Antonio Cesti: La Dori

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich