> > > Strawinsky, Igor: Requiem Canticles
Samstag, 15. August 2020

Strawinsky, Igor - Requiem Canticles

Heikle Kunst


Label/Verlag: Phi
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Platte bietet besondere Eindrücke aus dem Spätwerk Strawinskys. Die sind sehr lohnend, auch wenn die Musik sperrig und nicht leicht zugänglich ist. Trotz des etwas knappen Programms eine wirklich lohnende, nicht häufig zu machende Begegnung.

Dass Igor Strawinsky sich im fortgeschrittenen Alter mit den Ideen der mittelalterlichen Ars subtulior ebenso befasste wie mit dem Serialismus seiner Zeitgenossen und beides in bemerkenswerter Weise fruchtbar machte, ist schon ein interessanter Aspekt – kann bei diesem kreativen Geist aber auch nicht gänzlich überraschen. Ein Teil dieser Energien materialisierte sich in einigen geistlichen Werken: Zunächst in den 'Threni: Id est Lamentationes Jeremiae Prophetae' von 1958, dann in den 'Requiem Canticles' von 1965/66.

Den 'Threni' hört man durchaus das konstruktive Moment, einen konstruierten Zug an. Doch löst sich Strawinskys Satz souverän aus dieser Sphäre, hin zu dramatischen Qualitäten, gleichsam in kleinen Szenen entfaltet, die neben aufgewühlten Vokallinien auch famos orchestrierte instrumentale Einwürfe kennen. Der Chor tritt daneben als gelegentlich zarten Klangsinn entfaltende Ebene hinzu. Insgesamt ist schon dieses Opus ein ästhetisch erstaunlich nach vorn gewandtes Alterswerk.

Und dieser Befund gilt mindestens ebenso für die 'Requiem Canticles' des Mittachtzigers: Auch hier beeindruckt viel konstruktives Können, organisiert der Komponist ungemein zerklüftete Vokallinien. Und auch hier ist ein fast versteckter Klangsinn aufzuspüren, der sich zum Beispiel mustergültig entfaltet im ebenso heiklen wie zarten, rein instrumentalen Interludium.

Delikate Deutung

In jeden Fall ist es Musik, die neben der intellektuellen Durchdringung viel Einfühlung verlangt, eine große Bereitschaft, das heikel formulierte Idiom zu explizieren. Daran haben zunächst die Vokalsoli erheblichen Anteil: Zu hören sind die Sopranistin Christina Landshamer, die Altistin Ewa Wolak, die Tenöre Maximilian Schmitt und Magnus Staveland, dazu die Bässe Florian Boesch und David Soar. Die zeichnen ein vielschichtiges Bild, mannigfaltig differenziert, vor allem auch im kraftvollen Zugriff überzeugend, den dramatischen Szenen scharfe Konturen verleihend, idealtypisch im wirklich wuchtigen Männerquartett zu hören, das die 'Threni' maßgeblich prägt.

Das Royal Flemish Philharmonic deutet seinen überaus zerklüfteten Part hochkonzentriert, verhalten klangschön, mit prägnanten Registern und vor allem hervorragenden solistischen Leistungen, speziell in den Bläsern. Dem Chor fällt eine besondere Aufgabe zu: Er vermittelt stilistisch zwischen den charaktervoll formulierten Vokalsoli und dem diffizilen Satz des Orchesters, präsentiert sich in diesem Umfeld erstaunlich klangschön, in fein verblendeten Registern, wie das Orchester höchst konzentriert in der heftig durchbrochenen Anlage seines Parts.

Dynamisch differenziert Philippe Herreweghe das Geschehen reich, natürlich in feinen Nuancen, aber auch mit kraftvollen Gesten. Dieses Bild wird klanglich gelungen realisiert, die Größe aufgreifend, auch den vielen kleinen Impulsen gerecht werdend, dann auch kammermusikalisch konzentriert wirkend. Intonatorisch ist das Geschehen beeindruckend: Die harschen Klänge im Chor, auch die weit sich windenden Ensembles der Solisten verlangen einiges – alles wird eingelöst.

Die Platte bietet besondere Eindrücke aus dem Spätwerk Strawinskys. Die sind sehr lohnend, auch wenn die Musik sperrig und nicht leicht zugänglich ist. Das Programm ist dabei allzu knapp geraten: Mit den beiden rahmenden, sehr kurzen Chorsätze 'The dove descending breaks the air' und 'Da pacem Domine' sind es gerade 47 Minuten. Vor allem das an Carlo Gesualdo anschließende 'Da pacem Domine' hätte Anschlussmöglichkeiten gewiesen, an Renaissance-Lamentationen zum Beispiel. Aber auch eine Konfrontation mit anderen Werken der Moderne hätte fruchtbar sein können. Das schränkt allenfalls den Repertoirewert der Platte maßvoll ein. Eine wirklich lohnende, nicht häufig zu machende Begegnung bietet sie in jedem Fall.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strawinsky, Igor: Requiem Canticles

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Phi
1
03.06.2016
Medium:
EAN:

CD
5400439000209


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Strawinsky, Igor


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Phi

Der griechische Buchstabe φ (PHI - die Übereinstimmung mit den Initialen von Philippe Herreweghe ist nicht ganz zufällig) versinnbildlicht die Ambitionen des Labels. Er ist das Symbol für den goldenen Schnitt, für die Perfektion, die man in den Staubfäden der Blumen findet, für griechische Tempel, Pyramiden, Kunstwerke der Renaissance oder für die Fibonacci-Zahlenfolge. Seit der frühesten Antike steht dieser Buchstabe im eigentlichen Sinne für Kontinuität beim Streben nach ästhetischer Perfektion.
Mit der Realisierung dieses Katalogs erfüllt sich Philippe Herreweghe seinen Herzenswunsch, die Ergebnisse seiner musikwissenschaftlichen Forschungen und der im Laufe einer langen Karriere gewonnenen Erfahrungen hörbar werden zu lassen.
Mit vier bis fünf Neuproduktionen pro Jahr wird der Katalog Aufnahmen des wichtigsten symphonischen und chorischen Repertoires umfassen, Polyphonisches und natürlich die Werke von Johann Sebastian Bach, die Philippe Herreweghe in dem Bestreben wieder aufgreifen wird, immer vollendetere Versionen zu schaffen.


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