> > > Rossi, Camilla de: Sant'Alessio-Oratorium Wien 1710
Donnerstag, 24. Mai 2018

Rossi, Camilla de - Sant'Alessio-Oratorium Wien 1710

Weltflüchtig


Label/Verlag: Pan Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Daniela Dolci füllt mit ihrem Ensemble Musica Fiorita eine Repertoirelücke. Die Sopranistin Agnieszka Kowalczyk sticht aus dem Solistensensemble deutlich heraus - ein Name, den man sich merken sollte!

Ein Bräutigam, der sich vor der Hochzeit drückt, lieber in die Ferne flüchtet und als Bettler unerkannt zurückkommt – ein merkwürdiges Sujet für ein geistliches Oratorium am Wiener Kaiserhof anno 1710. Camilla Rossi war nicht die einzige Komponistin, die zu jener Zeit in Wien aktiv war, und dennoch weiß man fast nichts über sie, nicht woher sie kam und wo sie starb. Ein chauvinistisches Verhalten der damaligen Musikgeschichtsschreibung? Vielleicht. Eine bedauerliche Nichtwürdigung allemal.

Rossi erfüllt das auf den ersten Blick eher opernhafte Sujet durchaus mit ernstem Ton, überzeugend eingefangen von dem Basler Ensemble Musica Fiorita unter seiner Leiterin Daniela Dolci, die in bewährter Weise mit beschränkten Kräften ein breites Spektrum an Farben hervorzaubert. Rossi nimmt das ihr vorliegende Libretto ernst und erschafft aus diesem Charaktere aus Fleisch und Blut (Vater, Mutter, Bräutigam/Bettler und Braut). William Lombardi (Vater) scheint hier weniger überzeugend als Agnieszka Kowalczyk, die mit perfekt geführtem, feingliedrigem silbrigen Sopran (in der Tradition Barbara Schlicks und Dorothee Mields‘) eine anrührende Charakteristik der Mutter bietet. Kowalczyks Name ist einer, den man sich merken sollte, und einer, den man zu hören sich immer wieder freuen wird. Lombardi mag das idiomatischere Italienisch bieten – stilistisch scheint er sich in Barockmusik nicht ganz wohl zu fühlen, auch ist sein dynamisches und Klangfarbenspektrum eingeschränkter.

In schönem Kontrast zu Kowalczyk besitzt Rosa Dominquez (Braut) die dramatischere Stimme, die möglicherweise auch für größere Opernhäuser und ‚normales‘ Repertoire geeignet wäre. Gelegentlich werden die anspruchsvollen Verzierungen (vor allem unbequem liegende Triller) nicht ganz sicher angegangen, aber sobald sie diese in voller Stimme realisieren kann ('Cielo, pietoso Cielo'), ist ihre Virtuosität schwindelerregend. Der Countertenor Graham Pushee verleiht dem ‚weltflüchtigen‘ Alessio (ganz entsprechend dem Oratorium) eine durchaus eher diesseitige Persönlichkeit und nur eine mindere spirituelle ‚Elevation‘ – kleine Unsicherheiten in Intonation, Phrasierung oder Verzierung ließen sich in Alessios offenbar eher ungewolltem Martyrium begründen. Ein interessanter Zugang, den man aber mit anderen Mitteln lieber gehört hätte.

Aufnahmetechnisch ist die Produktion rundum gelungen, und auch dem Booklet gelingt es (trotz der fehlenden biografischen Informationen zur Komponistin), den Hörer nicht uninformiert zurückzulassen.


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Rossi, Camilla de: Sant'Alessio-Oratorium Wien 1710

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pan Classics
1
03.06.2016
EAN:

7619990103474


Cover vergössern

Rossi, Camilla de


Cover vergössern

Pan Classics

Gegründet 1992 vom Musikhaus Pan in Zürich, wurde das Label 1997 von den Tonmeistern Clement Spiess und Koichiro Hattori übernommen. 2011 entschloss man sich zu einem radikalen Neuanfang: Der umfangreiche Katalog wurde gelichtet und die verbliebenen Aufnahmen erhielten ein neues, attraktives Erscheinungsbild. Den CDs wird so ein unverwechselbares Äußeres mit einem hohen Wiedererkennungswert verliehen. Geblieben sind dagegen die Vorliebe für außergewöhnliches Repertoire und der Anspruch, mit renommierten Musikern und Ensembles einen künstlerisch hochwertigen Katalog zu schaffen. Zu diesen Künstlern zählen Namen wie die Hammerklavier-Spezialisten Edoardo Torbianelli und Arthur Schoonderwoerd, der Tenor Jan Kobow u.v.a.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Pan Classics:

  • Zur Kritik... Wagners Opern in neuem Gewand: Jan Henning (Kunstharmonium) und Ernst Breidenbach (Klavier) füllen das wagnerische Oeuvre mit neuem und beeindruckendem Klang. Obgleich Karg-Elerts Bearbeitungen manchmal ungewohnt sind, gelingt beiden Künstlern eine beachtliche Interpretation. Weiter...
    (Lorenz Adamer, )
  • Zur Kritik... Profiliertes Klanggemälde: Unter Leitung von Frank Strobel spielt das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin die vollständige Musik zu Fritz Langs Film 'Metropolis'. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Gefälliges Leiden: Diese Wiederveröffentlichung von Jommellis 'La Passione di Nostro Signore Gesù Cristo' beeindruckt vor allem orchestral und in Bezug auf zwei der beteiligten Vokalsolisten, doch rundum zufrieden macht die Produktion nicht. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Pan Classics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Jürgen Schaarwächter:

  • Zur Kritik... Kammermusikalisch transparent: Rundum empfehlenswert: Telemann ohne orchestrale Opulenz, dafür in einer farbenreichen und hervorragend aufgenommene Interpretation. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Griffige Lesart: Eine attraktive Lesart von Händels Krönungsanthems, gekoppelt mit Auszügen aus der 1732er-Fassung seines Oratoriums 'Esther' Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Aus dem Nachlass Leopold Stokowskis: Auf verschiedene Weise sind die drei Stokowski-Konzertmitschnitte aus den Jahren 1954 bis 1961 mit Großbritannien verbunden. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Jürgen Schaarwächter...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Kammermusikalisch transparent: Rundum empfehlenswert: Telemann ohne orchestrale Opulenz, dafür in einer farbenreichen und hervorragend aufgenommene Interpretation. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Cage für Flöte: Die erste Kompletteinspielung von Cages Werken für Flöte ist eine zwiespältige Angelegenheit. Weiter...
    (Tanja Geschwind, )
  • Zur Kritik... Russische Schätze zwischen Intensität und Intimität: Das Fabergé-Quintett und Ulrike Payer begeben sich auf einen Streifzug durch die russische Kammermusik und führen den Hörer in die Sextette von Glinka, Lyapunov und Tschaikowski ein. Weiter...
    (Lorenz Adamer, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (5/2018) herunterladen (2883 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Andreas Jakob Romberg: Symphony No.4 op. 51 - Finale. Vivace

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich