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Dienstag, 12. Dezember 2017

Bach, Johann Sebastian - Konzerte

Kosmos Konzert


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Insgesamt ist diese Produktion ein schöner Beitrag zum Phänomen der Konzerte bei Bach. Der Beschäftigung mit diesem Teil des Bachschen Werkes wird kein Ende sein.

Mit Blick auf die Konzerte Johann Sebastian Bachs liegen Freude und Klage immer wieder nah beieinander – Freude über höchst originelle Kompositionen von Eigenart und unvergleichlichem Format und Klage über die mutmaßlichen Verluste an Werken, die wohl nie ganz zu benennen sein werden.

Und auch wenn das überlieferte Konzert-Œuvre aus der Feder Bachs also überschaubar ist, scheint die fruchtbare Neu-Befragung dieses hochklassigen Bestands durch kompetente Interpreten doch stets von Belang. So auch bei der aktuell bei Passecaille erschienenen Platte des vom Cembalisten Lorenzo Ghielmi gegründeten Ensembles La Divina Armonia. Das präsentiert aus dem Bestand BWV 1055 in der Version für solistisches Cembalo, dazu das berühmte E-Dur-Konzert BWV 1042 für Violine, schließlich das in seiner Entstehung weitgehend unklare Tripelkonzerte BWV 1044 mit sich ineinander verflechtenden Soli von Violine, Cembalo und Traversflöte. Letztere ist auch das verbindende Element zum vierten Werk der Platte: Es lohnt, in Bachs Schaffen Ausschau zu halten nach quasi Konzertantem, zum Beispiel in den Kantaten. Ghielmi tut das und präsentiert mit der italienischen Kantate BWV 209 'Non sa che sia dolore' ein interessantes Beispiel mit einer ausgreifenden Sinfonia, die einem Konzertsatz für Traversflöte gleichkommt; dazu treten zwei Arien mit obligater Gleichrangigkeit der Flöte, die die Vokalstimme kontinuierlich kontrapunktiert und eine vernehmlich eigene Sphäre umschreibt.

Kammermusikalisch

Lorenzo Ghielmi hat ein feines Ensemble beisammen: Geige spielen Esther Crazzolara, Mauro Massa und Yayoi Masuda, Bratsche Corinna Golomoz, Violoncello Marco Testori und Kontrabass Vanni Moretto. Sie erweisen sich als spielfreudige Formation, stark in feinen Nuancen, mit klar gestalteten Konturen, beredt durchgebildeten Linien. Die sehr schmale Besetzung sorgt einerseits für Delikatesse und Intimität, andererseits ist die Interaktion kammermusikalisch intensiv. Artikuliert wird präzis und dezidiert, gepaart mit der Befähigung zur linearen Blüte, zum lyrischen Gesang.

Solistisch sind neben Ghielmi am Cembalo Jan de Winne auf der Traversflöte und Mayumi Hirasaki auf der Violine zu erleben. Sie agieren höchst eloquent und idiomatisch stimmig, getragen von stupender stilistischer Erfahrung. In der kammermusikalischen Konstellation agieren sie zugleich emanzipiert und auf Augenhöhe mit dem Ensemble. Den Sopranpart in der Kantate füllt Alice Rossi mit ihrer schlanken, bemerkenswert beweglichen und gut fokussierten Stimme aus, mit leichter, ausdrucksvoller Höhe, gelegentlich – mit Blick auf die Konstellation des Satzes sehr zutreffend – mit quasi instrumental anmutender Interaktion im Stimmengeflecht der beiden ausgreifenden Arien.

Lorenzo Ghielmi formt das Geschehen in maßvoll gewählten Tempi, eher sogar verhalten wirkend denn übertrieben druckvoll, geduldig auch Details ausformend, ohne den Faden zu verlieren, vor allem mit stimmigen Bezügen der Sätze untereinander. Dynamisch ist das Geschehen mild gestuft, der Delikatesse der schmalen Besetzung entsprechend, allerdings auch nicht anämisch geglättet, wie Skeptiker solch kleiner Konzert-Formationen fast immer befürchten und einwenden.

Das Klangbild der im italienischen Peglio entstandenen Aufnahme ist ansprechend strukturiert, von schöner Staffelung, wirkt plastisch und weitgehend klar. Einzig die Integration des – von Vanni Moretto wirklich sehr knapp und klar artikulierten – Kontrabasses gelingt nicht überzeugend: Die tiefe Basis des Ensembleklangs wirkt weich und wenig fokussiert. Da geht Präzision an den großen Kirchenraum verloren.

Insgesamt ist diese Produktion ein schöner Beitrag zum Phänomen der Konzerte bei Bach. Der Beschäftigung mit diesem Teil des Bachschen Werkes wird kein Ende sein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Konzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Passacaille
1
03.06.2016
EAN:

5425004150196


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Bach, Johann Sebastian


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Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


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