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Mittwoch, 21. August 2019

Mozart, Wolfgang Amadeus - Die Entführung aus dem Serail

Eine Entführung im wahrsten Sinne


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die vorliegende 'Entführung aus dem Serail' hat es verdient, direkt neben den großen Konkurrenten im Musikalienhandel zu prangen.

Eine Entführung im wahrsten Sinne – das ist es, was der neu erschienene Mitschnitt vom September 2015 in Paris unter der Leitung von Jérémie Rhorer bietet, denn der Dirigent und sein Ensemble reißen den Hörer ungefragt in ihr turbulentes Singspiel hinein und entlassen ihn erst mit den Schlussakkorden. Diese 'Entführung aus dem Serail' kommt zu einem Zeitpunkt auf den Plattenmarkt, an dem die Neueinspielungen von René Jacobs bei Harmonia Mundi und der mit großen Namen geschmückte Mitschnitt aus Baden-Baden unter Yannick Nézet-Séguin bei der Deutschen Grammophon noch ziemlich frisch im Gedächtnis sind. Von daher muss sich diese Neuerscheinung dem direkten Vergleich mit den beiden Vorgängern stellen.

Alpha Classics hat nicht das Renommee wie die beiden anderen genannten Labels und dürfte im Plattengeschäft neben den anderen Giganten auch in optischer Hinsicht eher untergehen – zu Unrecht, wie die vorliegende 'Entführung' beweist. Denn so eigenwillig (und mittlerweile auch berechenbar) René Jacobs die 'Entführung' angeht oder welche vordergründig große Stars bei der Grammophon aufgeboten werden, Jérémie Rhorer und sein Ensemble liefern das ungleich stimmigere Ergebnis ab. Ja, einige vokale Unebenheiten sind der Einmaligkeit eines Konzertmitschnitts geschuldet und gewiss hat man bei der Harmonia Mundi ein vielleicht im Großen und Ganzen ausgewogeneres Sängerensemble vor den Studiomikrofonen versammelt. Aber der vorliegende Mitschnitt ist an Lebendigkeit und Unmittelbarkeit von beiden Konkurrenzaufnahmen nicht zu toppen. Rhorer gelingt es, die (wenn auch nur akustisch nachvollziehbare) Bühnentauglichkeit von Mozarts Singspiel zu unterstreichen, seine Solisten zum Entwickeln wirklicher musikalischer Charaktere zu animieren und sein Orchester zum gleichwertigen Dialogpartner zu erheben.

Die Damenriege dieser 'Entführung' ist trotz bewundernswerter Leistungen der vermutlich schwächste Part des Mitschnitts. Während Rachele Gilmore eine resolute und gar nicht soubrettige Blonde formt, deren tückische Höhen in der ersten Arie nicht zu ihren Glanzmomenten zählen, findet Jane Archibald als Konstanze erst im Laufe der mitgeschnittenen Vorstellung zu stimmlicher Souveränität und Größe. Was in 'Ach, ich liebte' noch recht farblos und konturlos klingt, steigert sich schließlich zu einer atemberaubenden Martern-Arie, die auch definitiv den Höhepunkt in Archibalds Rollenporträt darstellt. Das Quartett und das große Duett im dritten Akt sind dann von Jane Archibald tadellos gesungen und intoniert; aufregend oder besonders authentisch sind sie aber nicht. Vielleicht ist aus der einstigen Zerbinetta eben doch noch keine Konstanze geworden. Der Grundstein dafür ist aber schon gelegt.

Wo bei Gilmore und Archibald noch Wünsche offenbleiben, liefern die Herren dieses Mitschnitts durchweg überzeugende Visitenkarten ab. So ist schon der Pedrillo von David Portillo ein wirklicher Genuss – weit entfernt von Spieltenor-Klischees. Seine Romanze lässt beim Hören den Atem stocken: tonschön mit einer reichen Palette an Farben und dynamischen Einfällen vom zarten Hauch bis zur übermütigen Sangeslust. Dass Jérémie Rhorer und sein Cercle de l’Harmonie diesen zauberhaften Moment dann auch noch mit ängstlich hingetupften Akkorden garnieren, die sich effektvoll in erzwungene Forteschläge verwandeln, steigert die Faszination dieses musikalischen Hand-in-Hand-Arbeitens nur noch mehr.

Auch an Norman Reinhardt als Belmonte kann man sich kaum satthören, wenngleich es wenige Momente gibt, in denen sein Tenor knödelige Tendenzen zeigt. Aber allein die hervorragende Baumeister-Arie, die er mit heldischem Kern und zugleich enormer Flexibilität gestaltet oder gleich zu Beginn die Phrase ‚…und bringe mich ans Ziel‘, in der er ein bruchloses Crescendo vom falsettierten Pianissimo bis ins brustgestützte Mezzoforte vollführt, machen schlichtweg selig. Ebenso der Osmin von Mischa Schelomianski: Neben seiner hervorragenden Artikulation gebietet der Sänger über einen voluminösen Bass mit prächtiger Höhe und samtweicher Tiefe. Schelomianskis Osmin poltert nicht durch die Partitur, sondern heischt mit seiner Jugendlichkeit und frischen Energie auch eine gehörige Portion Sympathie für diese Rolle. Der Schauspieler Christoph Quest glänzt als verzweifelt liebender Bassa Selim mit der richtigen Mischung aus fragwürdigem Gutmenschentum und cholerischen Ausbrüchen.

Befeuert wird das zwischen Komik und Tragik pendelnde Singspiel vom spielfreudigen Le Cercle de l’Harmonie, das unter Jérémie Rhorers Dirigat zum siebten Protagonisten dieser 'Entführung' wird. Die überwiegend flotten Tempi orientieren sich sinnvoll am Sprachfluss, was beispielsweise die dialogische Struktur im zweiten Finale ungemein unterstützt und zu abrupten Tempowechseln und äußerst spannender Agogik führt. Von einem süßlichen Klangbild nimmt Rhorer Abstand; sein Mozart kommt eher trocken und manchmal auch schroff daher, ohne jedoch den nötigen Glanz vermissen zu lassen, denn Rhorers Dirigat ist zu jedem Zeitpunkt leidenschaftlich und atmosphärisch dicht.

Ein weiterer Pluspunkt dieser Aufnahme ist das lebendige Klangbild, das Bühnengeräusche weitgehend in den Hintergrund rücken lässt und dennoch das Liveerlebnis erfahrbar macht. Zudem sind die Dialoge in gut gekürzter Form lebendiger Bestandteil des Werks und werden nicht durch einen Erzähler ersetzt oder gar eliminiert. Dass gerade bei David Portillo und Rachele Gilmore diese deutschen Sprechpassagen leider mit opernhaftem Singsang zelebriert werden, sollte zu verschmerzen sein. Viel eher verdient das nicht muttersprachliche Ensemble ein großes Lob für den Mut und den Arbeitsaufwand, diese schwierige Hürde letztlich erfolgreich in Angriff genommen zu haben.

Die vorliegende 'Entführung aus dem Serail' hat es verdient, direkt neben den großen Konkurrenten im Musikalienhandel zu prangen. Und wer nicht zwingend auf Hochglanz polierten Studioklang wie bei René Jacobs braucht, sollte ihr aus Gründen der Lebendigkeit und unerwarteten Frische den klaren Vorzug geben.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: Die Entführung aus dem Serail

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
2
03.06.2016
Medium:
EAN:

CD
3760014192425


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Mozart, Wolfgang Amadeus


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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