> > > Reger, Max: Sonaten für Violine solo op. 42
Sonntag, 16. Januar 2022

Reger, Max - Sonaten für Violine solo op. 42

Neuer Blick auf Reger


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Geiger Ulf Wallin liefert eine fulminante Lesart von Max Regers vier Solosonaten op. 42.

Max Regers Bach-Übersteigerungen zählen nicht wirklich zum beliebten Violinrepertoire. Dies mag einerseits daran liegen, dass die Auseinandersetzung mit der stellenweise stark chromatisch angereicherten Klangsprache jeden Geiger vor große technische Probleme stellt, könnte aber andererseits auch damit zusammenhängen, dass es aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von Komponisten wie Paul Hindemith, Eugène Ysaÿe oder Karl Amadeus Hartmann weitaus gelungenere kompositorische Auseinandersetzungen mit dem großen barocken Vorbild und seinen Solowerken für Streicher gibt.

Bislang haben sich nur sehr wenige Interpreten ernsthaft mit Regers Kompositionen für Violine solo befasst, darunter vor allem die Geigerin Renate Eggebrecht, die 1999–2002 eine Gesamtaufnahme aller entsprechenden Werke bei Troubadisc vorgelegt hat. Im Zuge seiner langjährigen Beschäftigung mit der Kammermusik Regers, die mit der bis heute intensivsten und schlüssigsten Einspielung sämtlicher Sonaten für Violine und Klavier auf sechs CDs begann und 2012 mit einer Einspielung des monumentalen A-Dur-Violinkonzerts fortgesetzt wurde, hat sich der schwedische Geiger Ulf Wallin nun den vier Solosonaten op. 42 aus dem Jahr 1900 gewidmet. Das Ergebnis, wie alle übrigen Reger-Aufnahmen des Musikers bei cpo erschienen, ist faszinierend und zeigt, was sich aus den Werken herausholen lässt, wenn man sie anzupacken und ihre Schwächen zu überspielen weiß. Dabei greift Wallin zu manchen Freiheiten, die den Puristen verschrecken mögen, den Kompositionen aber ausgesprochen gut zu Gesicht stehen. Vor allem verzichtet er nahezu vollständig auf die von Reger vorgesehenen Wiederholungen, was die gelegentlich auftretende kompositorische Ziellosigkeit der Musik – hier ist insbesondere an den geschwätzig mäandernden Kopfsatz aus der Sonate Nr. 1 d-Moll zu denken – erträglicher macht. Darüber hinaus entscheidet sich Wallin jedoch immer wieder auch für alternative Phrasierungen und spezifische bogentechnische Lösungen – so beispielsweise durch Ersetzung einzelner Bindungen durch Staccati im Scherzo der d-Moll-Sonate –, um verleiht so der Musik ein stärkeres Profil.

Die eigentliche Qualität der Einspielung liegt indes im traumwandlerisch sicheren Umgang mit den Schwierigkeiten der Werke. Er zeichnet sich darin ab, dass der Geiger selbst auf kleinstem Raum gestalterische Maßnahmen einsetzen und von der Enge einer sich vor allem am technischen Gelingen abarbeitenden Wiedergabe distanzieren kann. Am deutlichsten lässt sich dies ermessen, wenn man Wallins Interpretation mit der Einspielung von Renate Eggebrecht vergleicht, wozu sich die herausfordernde Sonate Nr. 3 h-Moll sehr gut eignet: Im Kontrast zur nicht nur intonatorisch problematischen, klanglich einseitigen und die einzelnen Notenwerte oft verschluckenden, sondern auch in Bezug auf die Zeichnung musikalischer Zusammenhänge oft recht ratlos wirkenden Interpretation der Geigerin schafft es Wallin, jede Notengruppe sinnvoll in übergeordnete musikalische Kontexte einzubinden. In den fantasieartigen Variationen des Kopfsatzes gelingt ihm dies durch Betonung des rhapsodischen Charakters und einen entsprechenden agogisch offenen Zugang. Im zweiten Satz wiederum, einem zweistimmigen Kanon, verleiht der Geiger der kunstvollen Wechselrede dadurch mehr Lebendigkeit, dass er die Einsätze der imitierenden Stimme jeweils um einen Bruchteil verzögert und die Zusammenklänge dadurch flexibler erscheinen lässt. Im Finale wiederum arbeitet er den Capriccio-Charakter heraus, indem er Regers gelegentlich bemüht wirkenden Satz unter Rückgriff auf virtuose Bogentechniken überzeichnet und dadurch tatsächlich so etwas wie Humor in der Musik aufblitzen lässt.

Dass solche Elemente immer wieder für Wallins Zugang bestimmend sind – beispielsweise im Kopfsatz der Sonate Nr. 2 A-Dur oder auch in deren durch viele subtile Bremsungen des Tempos geschärftem 'Prestissimo' –, dass der Geiger darüber hinaus aber auch immer wieder seine Fähigkeiten zeigt, formal ausgreifende Prozesse sinnvoll zu gestalten – am deutlichsten wohl in der ausufernde 'Ciacona' aus der Sonate Nr. 4 g-Moll, die er mit gleichsam ‚sprechendem‘ Spiel zu einem klangmächtigen Schlusspunkt von op. 42 formt –, macht die Größe dieser Produktion aus. Letztendlich werden dadurch die positiven Seiten der Musik hervorgehoben, während die kompositorischen Schwächen weitgehend verdeckt bleiben.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Reger, Max: Sonaten für Violine solo op. 42

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
cpo
1
57:16
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761203776221
cpo 777 762-2


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Reger, Max
 - Violinsonate op. 42,1 - I. Allegro energico
 - Violinsonate op. 42,1 - II. Adagio con gran espressivo
 - Violinsonate op. 42,1 - III. Prestissimo assai
 - Violinsonate op. 42,1 - IV. Allegro energico
 - Violinsonate op. 42,2 - Allegro con grazia
 - Violinsonate op. 42,2 - Andantino
 - Violinsonate op. 42,2 - Prestissimo
 - Violinsonate op. 42,3 - Pesante - Allegro con brio
 - Violinsonate op. 42,3 - Andante semplice
 - Violinsonate op. 42,3 - Prestissimo
 - Violinsonate op. 42,3 - Vivacissimo
 - Violinsonate op. 42,4 - Sostenuto - Allegro energico
 - Violinsonate op. 42,4 - Allegretto con grazia
 - Violinsonate op. 42,4 - Andante con moto


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Interpret(en):Wallin, Ulf


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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