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Donnerstag, 29. September 2022

Bizet, Georges - Carmen

Opulentes Spektakel


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Im Sommer 1872, als die Librettisten noch an der Ausarbeitung des Textes saßen, entschloss sich Bizet zur Vertonung der Carmen. Die Uraufführung erfolgte am 3. März 1875 an der Opéra-Comique zu Paris mit geringem Erfolg, so dass das Werk Ende des Jahres bereits wieder vom Spielplan dieser Bühne verschwand. Erst nachdem die Oper im Ausland, besonders in Deutschland (deutschsprachige Erstaufführung am 23. Oktober 1875 an der Wiener Hofoper), lebhaften Anklang gefunden hatte, erschien sie - mehr als sieben Jahre nach dem Tod ihres Schöpfers - am 21. April 1883 wieder in Paris, nun auch dort von bleibendem Erfolg gekrönt.
Heute gehört Carmen zu den meistgespielten Werken des internationalen Repertoires. Die selbstständige Haltung, die Bizet dem Orchester zugewiesen hat, brachte den Komponisten bei seinen Landsleuten in den Verruf eines Wagnerianers. Daraus erklärt sich auch der schwache Erfolg des Werkes bei seiner Uraufführung, die gerade in der Zeit leidenschaftlicher Auseinandersetzungen für und gegen den Bayreuther Meister fiel. In Wirklichkeit hat aber die Meisterschöpfung des in Italien ausgebildeten Bizet mit dem Wagnerismus so gut wie nichts gemein, wenn auch das aus den Intervallen der Zigeunertonleiter gebildete Carmen - Thema sich Leitmotivartig durch das ganze Stück zieht. Die Form der alten Nummernoper ist beibehalten. Melodik, Harmonik, Instrumentation und Koloristik tragen typisch französisches Gepräge, untermischt mit Italienischen Einflüssen. In der Originalpartitur verbindet die Musiknummern ein gesprochener Dialog, an dessen Stelle Bizets Studienfreund Ernest Guiraud (1837-1892) Rezitative nachkomponierte.

Die Produktion auf dieser DVD stellt den gesprochenen Dialog in Carmen wieder her und kehrt zu der für die Opéra Comique geschriebenen Arbeit von Bizet zurück, die Tschaikovsky so beeindruck hatte. Man kann der Geschichte folgen, indem man sich die auf der DVD enthaltenen Zusammenfassungen mit Illustrationen der Glyndebourne Produktion ansieht. In dem Beitrag ‘Die Besetzung und ihre Rollen‘ erläutert der Regisseur David McVicar die Charaktere, die Motive und die Temperamente der Hauptfiguren und die Rollen, die sie spielen. Neben den anderen Beiträgen gibt es Szenen hinter der Bühne und Interviews mit Kostümbildnerin Sue Blane, Choreograph Andrew George, Kampfregisseur Nicholas Hall und Dirigent Philipp Jordan. Im Booklet findet sich zudem die Geschichte ‘Die andere Welt’ von Jeanette Wintersons, welche ein zeitgenössische Überarbeitung des Librettos von Bizets Carmen ist, und die für diese Produktion von Glyndebourne in Auftrag gegeben worden ist. Dies sind nur einige Ausschnitte aus den umfangreichen und aufwändig gestalteten Zusatzinformationen und Features, die der Oper beigefügt sind. An dieser Gestaltung und dem Informationsgehalt können sich andere an gleicher Stelle besprochene DVD-Produktionen ein Beispiel nehmen...!

Die Inszenierung David McVicars ist ganz auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und deren Entwicklung - besonders im Personendreieck Carmen - Don José - Escamillo - konzentriert. Dabei erlebt besonders Don José eine beeindruckend beängstigende Steigerung vom Sohn am Rockzipfel hin zu einem gefährlichen und gewalttätigen Un-(?) Mensch. Natürlich ist dies in der Oper ein zentrales Thema, aber dennoch muss man in diesem Fall besonders darauf hinweisen, weil McVicar und Marcus Haddock sich dieser Charakterwandlung besonders angenommen haben. Dabei wirkt Marcus Haddock im ersten Akt schauspielerisch weniger überzeugend als im weiteren Verlauf der Oper, wo er Eifersuchts- und Zornesausbrüche mit einer Eindringlichkeit spielt, die dem Zuschauer den Don José regelrecht unheimlich machen. Dabei kommt ihm seine Stimmgewalt durchaus zu Gute, die trotz Größe nie an Natürlichkeit verliert, und so eine schöne runde Farbe in großen melodischen Bögen ermöglicht.

Eine weitere herausragende, wenn auch weniger - oder eher gar nicht? - angebrachte theatralische Leistung erlebt der Zuschauer von Philippe Jordan, dem Dirigenten, der sich auf eine Art am Pult produziert, die weder nötig noch förderlich ist. So verwundert es auch nicht, dass er die von Bizet eingebauten musikalischen Effekte des Öfteren übertreibt, auch wenn er insgesamt ein geschlossenes und stimmiges musikalisches Bild zeigt. Leider tendiert er dazu, das Orchester im Verhältnis zu den Sängern zu stark in den Vordergrund zu rücken, so dass die Balance zwischen beiden nicht immer optimal ist.
Diese Carmen aus dem Jahre 2002 ist ein wahres Kostümfest, bei dem sich die Kostümbildner um Sue Blane regelrecht austoben konnten. Die Inszenierung ist temporeich, wenn auch besonders im ersten Akt - der vielleicht insgesamt der schwächste ist - vereinzelte Spannungseinbrüche zu verzeichnen sind. Die angesprochene Beziehung Carmen - Don José ist dabei besonders intensiv beleuchtet worden. Diese Entwicklung wird maßgeblich beeinflusst durch den Stierkämpfer Escamillo, der hier von Laurent Naouri gesungen wird. Er ist ganz der edle Torrero der Carmen in seinen Bann zieht. Dabei spielt er die Rolle mit viel Eleganz und Esprit - eben ganz Gentleman. Seine Stimme unterstreicht diese Eleganz, da sie ziemlich jung klingt und einen klaren Klang hat.

Den absoluten Höhepunkt bildet allerdings Anne Sofie von Otter als Carmen! Sie allein wäre Grund genug, sich diese Produktion anzuschauen! Über ihre musikalische technische Perfektion muss man, so denke ich, kein Wort verlieren, wenn man sich die Habanera angehört hat. Dies allein ist ein absolutes Highlight! Von Otter gibt dem Stück etwas Delikates, beinahe Gefährliches. Dabei gibt sie nie ihre Natürlichkeit zu Gunsten irgendeiner Effekthascherei auf. Anne Sofie von Otter ist neben einer hervorragenden Sängerin auch noch eine tolle Schauspielerin, deren Bühnenpräsenz von keinem ihrer Mitspieler erreicht wird. Man könnte beinahe sagen, dass die Inszenierung eine andere, zusätzlich Qualität erhält, sobald sie die Bühne betritt. Dabei ist sie mit ihrer großen Gestalt und den langen roten Haaren gar keine typische Carmencita. Dieses untypische Äußere, weiß von Otter jedoch erstens geschickt einzusetzen und gleichzeitig eben doch in die heißblütige Zigeunerin zu verwandeln.

Diese DVD bringt Ihnen ein echtes Opernhighlight ins Wohnzimmer! Ein sehr gutes Ensemble - sowohl sängerisch wie schauspielerisch - in einer klassisch-schönen, teils opulenten Inszenierung: ein Muss für eine gut sortierte DVD-Sammlung!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Kritik von Andreas Ombelico,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bizet, Georges: Carmen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Opus Arte
2
03.03.2003
3:40:00
2002
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
0809478000570
OA 0867 D


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Bizet, Georges


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Dirigent(en):Schoeman, Pieter
Orchester/Ensemble:London Philharmonic Orchestra


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Opus Arte

Opus Arte ist eines der weltweit führenden DVD-Labels. Spezialisiert auf Oper und Tanz, enthält unser Katalog eine Vielzahl musikalischer Erfahrungen. Angefangen bei der Grand Opera hin zu märchenhaften Balletten, von zeitgenössischem Tanz hin zu Künstlerporträts - und nicht zu vergessen zu einer Party im rückseitigen Garten ihrer Majestät!
Stets ist es unser Bestreben Ihnen kulturelle Ereignisse in bestmöglicher Qualität nach Hause zu bringen. Alle Neu-Veröffentlichungen werden im Widescreen-Format mit True-Surround-Sound und der zusätzlichen Option einer exzellenten Stereo-Tonspur produziert. Interessantes Zusatzmaterial füllt die DVD bis zur Kapazitätsgrenze. Midprice-Serien wie die -La Scala Box- und -Faveo- öffnen den Blick auf klassische Archivaufnahmen von den führenden Opernhäusern der Welt in außergewöhnlicher Qualität. Opus Arte ist immer auf der Höhe der stets schneller voranschreitenden technischen Entwicklung, manches Mal sind wir ihr auch einen Schritt voraus. Bereits vor sieben Jahren begannen wir mit der Produktion in High Definition und verfügen somit über einen sehr großen Katalog an Titeln, der nur darauf wartet veröffentlicht zu werden. Mit -Schwanensee- veröffentlichte Opus Arte als erstes Klassik DVD Label einen Titel im Format HD DVD. Auch ein Besuch unserer Website lohnt stets: Sie erhalten dort aktuelle Nachrichten, Besprechungen, exklusive Fotos, Trailer und zahlreiche Details zu unseren Produktionen aus erster Hand.


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