> > > Martinu, Bohuslav: Julietta
Samstag, 30. Mai 2020

Martinu, Bohuslav - Julietta

Ein Traum!


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Frankfurter 'Julietta' ist ein klares Muss für jeden Plattenschrank mit Tendenz zum Besonderen.

Auch wenn Bohuslav Martinus Oper 'Julietta' momentan relativ häufig auf den internationalen Spielplänen auftaucht, gehört der lyrisch-absurde Operntraum noch immer nicht zum festen Repertoire. Die Uraufführung 1938 in Prag war ein großer Erfolg, doch das Dritte Reich und Martinus Flucht in die USA ließen es still um sein Opern-Hauptwerk vom Buchhändler Michel werden, der in einer seltsam irrealen Küstenstadt, in der die Bewohner ihr Gedächtnis verloren haben, nach der geheimnisvollen Julietta sucht. Gelegentliche Aufführungen gab es ab Ende der 1950er Jahre, seit der Bregenzer Produktion 2002 ist 'Julietta' zumindest im deutschsprachigen Raum in Erinnerung gerufen und findet in der deutschen Variante hier und dort auf die Bühne.

Für den Plattensammler ist 'Julietta' nach wie vor eine Rarität. Die wenigen Aufnahmen und Mitschnitte lassen sich an einer Hand abzählen, und so ist der Livemitschnitt der umjubelten Frankfurter Produktion vom Juni und Juli 2014 mehr als zu begrüßen – unter anderem auch, weil das Frankfurter Ensemble mit einer ungeheuren Textverständlichkeit zu Werke geht, dass ein Mitlesen des Librettos im Beiheft nahezu überflüssig ist.

Die lebendige Aufnahme ist wie viele andere Frankfurter Mitschnitte beim Label Oehms auf zwei CDs erschienen und ist tontechnisch hervorragend abgemischt. Die Stimmen sind präsent, die für die dramatische Einordnung unerlässlichen Bühnengeräusche sind dezent in den Hintergrund gerückt, der Orchesterklang ist transparent und im Zusammenspiel mit den Solisten optimal ausbalanciert. Überhaupt beweist Sebastian Weigle mit Martinus Komposition ein überzeugendes Gespür für die stilistische Vielfalt der Musik sowie für die kammerspielartige Atmosphäre, die 'Julietta' dringend benötigt. An geeigneter Stelle lässt er sein Frankfurter Opern- und Museumsorchester in bester Hollywood-Manier aufbrausen und ordnet sich im rechten Moment wieder dem deklamatorischen Gestus der Gesangsstimmen unter. Das schafft eine dichte Atmosphäre und wirkt wunderbar uneitel. Die zahlreichen Stilzitate und winzig kleinen Versatzstücke in Martinus Musik arbeitet Weigle mit der notwendigen Schärfe und Klarheit heraus. Das Orchester spielt dabei höchst konzentriert, wird quasi zum Dialogpartner der Solisten.

Diese sind in der Frankfurter Neuproduktion von allererster Güte. Und es würde ihrer Leistung nicht gerecht, die Solisten ‚nur‘ als Sänger zu bezeichnen. Sie sind durch die Bank wirkliche Sängerdarsteller, deren großes schauspielerisches Potenzial selbst auf Tonträger zu vermitteln ist. Hier wurde von Seiten der musikalischen Einstudierung und der Regie offensichtlich inspirierende Arbeit geleistet. Alle Vokalsolisten nutzen die Sprache als Mittel des musikalischen Ausdrucks und umgekehrt. Eine Trennung der Ausdrucksformen ist nicht denkbar. Schon allein die sprachliche Schärfe des Protagonisten Kurt Streit als Michel ist entwaffnend. Und bei aller Deklamation bedient sich Streit seines strahlend klaren Tenors, der an Lyrik kaum eingebüßt hat und einen nahtlosen Übergang ins Charakterfach betont. Am verblüffendsten ist wohl, wie jugendlich Kurt Streit mit Mitte Fünfzig noch immer klingt. Der Zuhörer fiebert von der ersten bis zur letzten Minute mit diesem leidenschaftlichen Träumer mit.

Juanita Lascarro steht ihrem Bühnenpartner in punkto Leidenschaft in nichts nach. Verführerisch lockt sie ihren Verehrer und den Hörer immer tiefer in den absurden Albtraum. Ihr dunkles Timbre mit der leuchtenden Höhe passt hervorragend zu Martinus Traumfigur, ihr leichter Akzent sorgt nebenbei für eine Extraportion faszinierende Exotik. Aus dem übrigen Ensemble, das mit Mehrfachrollen bedacht ist, sticht vor allem der prachtvolle Bariton von Boris Grappe als Mann mit Helm, Altvater ‚Jugend‘, Verkäufer von Erinnerungen und Blindem Bettler hervor, sowie der blendende Tenor von Beau Gibson als Kommissar, Waldhüter und Lokomotivführer und Nina Tarandek als Kleiner Araber und Hotelboy mit warmem Mezzosopran und sprachlicher Eloquenz. Michael McCown liefert mit der dankbaren Partie des Beamten im Traumbüro ein kleines Kabinettstückchen ab, während Magnús Baldvinsson mit knorrigem Bass als Alter Araber, Mann und Matrose eindrückliche Farbtupfer setzt. Andreas Bauer, Marta Herman, Maria Pantiukhova und Judita Nagyová komplettieren das spielfreudige Ensemble und punkten allesamt mit Authentizität und gnadenloser Absurdität, die über puren Schöngesang weit hinausreicht, um schnell greifbare Charaktere und Figuren zu erschaffen, die in der rasenden Geschwindigkeit der Oper ansonsten schnell untergehen könnten.

Diese Frankfurter 'Julietta' ist ein klares Muss für jeden Plattenschrank mit Tendenz zum Besonderen. Und sie ist trotz fehlender Optik eine lebendige Oper für die Ohren, die die Fantasie anregt und das vielleicht verpasste Live-Erlebnis zumindest ‚gefühlt‘ verlustlos ins Wohnzimmer holt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Martinu, Bohuslav: Julietta

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
10.06.2016
Medium:
EAN:

CD
4260034869660


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Martinu, Bohuslav


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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