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Mittwoch, 17. August 2022

Gentili, Giorgio - Triosonaten

Barockmusik aus der zweiten Reihe


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Produktion von Brilliant Classics wartet mit den zwölf Triosonaten op. 1 von Giorgio Gentili auf, kann jedoch nicht so recht überzeugen.

In seinem englischsprachigen Booklettext beklagt Alessandro Lattanzi, dass das Schaffen von Giorgio Gentili (1669–1737) bis heute nur unzureichende Würdigungen erfahren habe und der Name des Geigers und Komponisten wohl vorwiegend – wenn überhaupt – Barockspezialisten geläufig sei. Ob die vorliegende Doppel-CD von Brilliant Classic, gewidmet den 1701 in Venedig erschienenen, aber lediglich durch eine Druckausgabe von Etienne Roger (Amsterdam 1702) überlieferten zwölf Triosonaten op. 1, viel an diesem Umstand ändern wird, darf man bezweifeln: Zwar belegt der Amsterdamer Druck aus dem Jahr nach der Erstveröffentlichung das Interesse der nordeuropäischen Zeitgenossen an Gentilis Musik; doch erscheint die Qualität der Sammlung allzu disparat, wenn man sie mit den ähnlich ausgerichteten Erstlingspublikationen von Komponisten wie Tomaso Albinoni, Arcangelo Corelli oder Antonio Vivaldi vergleicht. Und auch das Argument, dies erkläre sich daraus, dass Gentili hier sicherlich Werke versammelt habe, die über einen längeren Zeitraum hinweg entstanden seien, leuchtet angesichts der vergleichbaren Entstehungsbedingungen von Albinonis, Corellis und Vivaldis weitaus hochwertigeren Triosonaten op. 1 nicht so recht ein.

Das Soavi Affetti Baroque Music Ensemble, bestehend aus Patrizio Focardi und Paolo Cantamessa (Violine), Rebeca Ferri Cello, Anna Clemente (Cembalo und Orgel) und Giovanni Bellini (Theorbe), hat sich redlich bemüht, den zwölf Kirchensonaten im etwas verhallten akustischen Ambiente der Confraternita di San Francesco Poverino in Florenz Gestalt zu verleihen. In einigen Fällen ist den Musikern dies gelungen, in anderen leidet die Einspielung jedoch unter Balanceproblemen. Denn dort, wo die Orgel als bestimmendes Tasteninstrument gewählt wird, vor allem jedoch in der 'Sonata VIII' G-Dur, werden die dialogisierenden Violinstimmen gegenüber der Begleitung verdeckt, und auch das Violoncello ist kaum zu vernehmen. Warum ausgerechnet dieses Stück an den Anfang gestellt (und aus unerfindlichen Gründen nicht etwa die ursprüngliche Reihenfolge der Sonaten beibehalten) wurde, ist genauso rätselhaft wie der Umstand, dass andere Werke trotz Hinzutreten der Orgel wesentlich ausgeglichener wirken, so etwa die 'Sonata VII' B-Dur, bei der im Eröffnungssatz zusätzlich die Theorbe hinzutritt und auch die fugierten raschen Sätzen einen fast pastoral anmutenden Tonfall bewahren. Hier scheint es sich, worauf auch die unterschiedlichen Grade von Hall verweisen, um unterschiedliche Mikrophonierungen zu handeln.

Dort, wo das Cembalo mit oder ohne Unterstützung Theorbe für die akkordische Schicht zuständig ist, erweist sich die Balance zwischen Oberstimmen und Bass am überzeugendsten. Dementsprechend wird beispielsweise in 'Sonata IV' e-Moll nicht nur die wechselhafte Beziehung zwischen Violinen und Violoncello-Basslinie deutlicher, sondern das Musizieren wirkt hier flexibler und überzeugt durch überlegte Gestaltungen. Werke wie die 'Sonata I' A-Dur, deren ausladendem langsamen Kopfsatz man die Funktion des ursprünglichen Eröffnungsstücks der Sammlung anhört, aber auch die in musikalischer Hinsicht besonders intim und klanglich durchdacht musizierte 'Sonate XI' g-Moll mit ihren klaren Fugen belegen die Fähigkeiten des Ensembles, sich mit dieser Art von Kammermusik auseinanderzusetzen. Dennoch wirkt die Einspielung an vielen Stellen eher unverbindlich: Man vermisst wirklich aufregende Elemente, was teilweise auf die recht brave dynamische Ausgestaltung zurückgeht. Und irgendwann hat man auch genug von den ständigen Vorhaltsketten, die sich durch die langsamen Sätze ziehen. Man mag dies zwar mit Lattanzi als besonderes Charakteristikum von Gentilis Musik bewerten; im Übermaß angewandt, zeugt es jedoch nicht gerade von besonderer kompositorischer Sensibilität.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gentili, Giorgio: Triosonaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
2
01.07.2016
Medium:
EAN:

CD
5028421952246


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