> > > Schneider, Enjott: Bach, Dracula, Vivaldi & Co.
Mittwoch, 13. Dezember 2017

Schneider, Enjott - Bach, Dracula, Vivaldi & Co.

Schaurig schön


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wie kein anderer versteht es Enjott Schneider, alte Meister wie Bach und Vivaldi in einer Hommage zu ehren und sich und seinem Stil dabei dennoch treu zu bleiben. Wer nun noch wissen will, wie Dracula in dieses Konzept passt, sollte sich die CD anhören.

Was haben Antonio Vivaldi, Johann Sebastian Bach und Dracula gemeinsam? In erster Linie sind es vor allem drei bedeutende Männer, deren Ruf, Leben und Schaffen die Menschen bis heute fasziniert, weshalb sie seit Jahrhunderten Einfluss auf Generationen von Künstlern haben und auch genreübergreifend inspirieren. Zugegeben, zumindest einer der drei war kein angenehmer Zeitgenosse, dennoch hat er sich in mehr als einer Hinsicht unsterblich gemacht. Nun kann sich Fürst Dracula auf Enjott Schneiders (*1950) jüngster Einspielung ‚Bach, Dracula, Vivaldi & Co.‘ die Hand reichen mit Johann Sebastian Bach und Antonio Vivaldi. Ob er sich geehrt fühlen würde?

Hinter dem bei Wergo erschienenen Projekt stehen vier Concerti, deren Idee es ist, Stilistiken historisch bedeutender Persönlichkeiten mit der modernen Tonsprache unserer Zeit zu verbinden – wobei sich der Komponist nicht immer allzu ernst nimmt. Das wiederum tut dem Album gut, denn so kommt neben allen kompositorischen Kniffen und virtuoser Technik die Unterhaltung des Zuhörers nicht zu kurz. Die Aufnahmen dieser CD wurden eingespielt vom Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter Kevin John Edusei zusammen mit den renommierten Solisten Albrecht Meyer (Oboe), Dorothee Oberlinger (Blockflöte), Joachim Schäfer und Csaba Kelemen (Trompete), Stefan Langbein (Posaune) und Olga Watts (Cembalo). Drei der vier Werke sind Kompositionsaufträge renommierter Institutionen: die Stiftung Frauenkirche Dresden, das Stuttgarter Kammerorchester und das Südwestdeutsche Kammerorchester.

Die 'BACH-Metamorphosen', ein Concerto für Oboe, Streicher und Cembalo, spielen geschickt mit Johann Sebastian Bachs (1685-1750) musikalischer Signatur und seiner Ästhetik. Gewidmet ist es dem Weltklasseoboisten Albrecht Meyer, der bereits an der Uraufführung 2014 beteiligt war und auch für die hier zu hörende Einspielung gewonnen werden konnte. Sein Spiel beeindruckt durch die ungeheure Ausdruckskraft und Präzision in Zusammenhang mit einem sehr weichen Ansatz.

Das Concerto 'Ommaggio a Vivaldi' bringt die große Bewunderung Schneiders für die quantitative und qualitative Schöpferkraft Antonio Vivaldis (1678-1741) zum Ausdruck und scheut sich nicht, auch dessen kreative Verrücktheit zu thematisieren. Die Uraufführung dieses Concertos für Blockflöte, Streicher und Cembalo erfolgte 2011. Ebenfalls Vivaldi widmet sich das Concerto 'Vivaldissimo' für zwei Trompeten, Streicher und Cembalo, das sich laut Schneider seit seiner Uraufführung 2003 zum Repertoirewerk gemausert hat.

Auftritt Dracula: Den einprägsamen Abschluss der CD bildet 'Draculissimo', ein Concerto grosso für Trompete, Posaune und Ensemble, das zunächst den historischen Fürst Vlad III Draculea und seine überlieferten Grausamkeiten thematisiert, bevor es sich im vierten und letzten Satz zum dramatischen Blutkuss der unzähligen Dracula-Filme hinwendet.

Die Musik wandelt stets auf dem schmalen Grat zwischen Barock und Moderne, und auch wenn dieser Stil vielleicht nicht jedermanns Geschmack trifft, versteht Schneider durchaus sein kompositorisches Handwerk. Er bedient sich einer unverkennbar modernen Tonsprache, schafft es dabei jedoch geschickt, sein jeweiliges Vorbild musikalisch zu integrieren und dabei dennoch authentisch zu bleiben. Mit dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich hat er genau den richtigen Projektpartner gefunden, denn das Ensemble hat, ebenso wie sein energischer Dirigent Kevin John Edusei, trotz traditionellem Repertoire seinen Finger stets am Puls der Zeit. Bereits im ersten Satz der 'Bach-Metamorphosen' bestechen die Musiker durch überzeugende Spannungssteigerungen, gut getimte Dynamik und vor allem die aufeinander abgestimmte und daher natürlich wirkende Interaktion mit der Oboe. Dies wird im 'Adagio sopra' weitergeführt, wenn das Orchester genügend Freiraum für die Oboen-Soli lässt, um sie anschließend leicht und harmonisch einzufangen, im Gegenzug lässt Eudsei das Ensemble öfters selbst in Solo-Passagen glänzen. Stellenweise ist das Hin und Her zwischen Orchester und Solist richtig spielerisch.

In 'Vivaldissimo' geht Schneider noch etwas weiter und integriert in Vivaldis barocke Idiomatik Elemente der Minimal Music sowie eine Zwölftonreihe. Die repetitiven Streicherpattern im 'Allegro' werden äußerst dezent vom Orchester eingebaut und verleihen dem Satz eine ganz eigene Dynamik. Doch auch die zupackenden Trompetensoli verleihen der Musik an dieser Stelle das gewisse Etwas: Ihre wechselnden Übergänge zwischen der Ästhetik Vivaldis und einer modernen Spielweise erfolgen fließend und beinahe unbemerkt, um letztendlich doch wieder im barocken Tonfall zu enden.

Das musikalische Porträt Draculas ist zwar nicht der Höhepunkt des Albums, was aber nicht heißen soll, das es langweilig oder unoriginell wäre. Ganz im Gegenteil: Die Musiker gestalten jeden der vier Sätze äußerst individuell. Besonders beeindruckend sind 'Vlad Dracul: Oderint dum metuant' und 'Il ballo transilvano'. Letzteres thematisiert Fürst Vlads blutige Feste, und das Orchester versteht es eindrucksvoll, das doppelte Spiel mit abrupten Metrik-Wechseln zwischen wiegendem Walzer und aggressivem Marsch zum Ausdruck zu bringen. Im kraftvollen Eingangssatz erfüllen die Musiker das forcierte Tempo mit ruppiger Energie und betonen damit den wilden Charakter der Musik.

Jedes der vier Werke enthält Passagen, in denen die filmmusikalischen Züge deutlicher im Vordergrund stehen, und oft sorgen Orchester und Solisten durch die Intensität ihres Spiels genau dann für Gänsehaut-Momente. Die jüngste Folge der Enjott-Schneider-Reihe bei Wergo enthält alles, was einen guten Blockbuster ausmacht: sie ist witzig, intelligent, spannend, wartet mit Prominenz auf und hat einen Grusel-Faktor. Sehen, pardon, hören ist da beinahe ein Muss.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Schneider, Enjott: Bach, Dracula, Vivaldi & Co.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
08.07.2016
EAN:

4010228511420


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Bach, Johann Sebastian
Vivaldi, Antonio


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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