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Donnerstag, 6. Oktober 2022

Sibelius, Jean - Streichquartette

Sibelius' wenig bekannte Streichquartette


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit dieser Sibelius-Einspielung kann das Leipziger Streichquartett leider nicht an seine goldenen Zeiten anknüpfen, auch wenn manches weiterhin überragend voll klingt.

Um 1900 zog die südfinnische Kleinstadt Järvenpää zahlreiche Künstler an. Auch Jean Sibelius (1865-1957) lebte von 1904 bis zu seinem Tod dort in seiner auf einer Anhöhe etwa 500 m vom Ufer des Tuusulanjärvi-Sees entfernt liegenden Villa Ainola, benannt nach seiner Frau Aino (1871-1969). Die Villa liegt rund zwei Kilometer südlich vom Stadtzentrum entfernt. Sibelius schuf dort nicht nur fünf seiner sieben Symphonien, sondern auch sein jetzt in einer Neueinspielung des Leipziger Streichquartetts vorliegendes fünfsätziges Streichquartett d-Moll op. 56 mit dem Beinamen 'Voces intimae'; es wurde allerdings erst am 15. April 1909 in Berlin vollendet. Es war die finanziell katastrophale Zeit, nach der sich Jean Sibelius einer Kehlkopf-Operation (1908) unterzogen hatte. Danach verzichtete er bis 1915 gänzlich auf Alkohol und Tabak, was seine Frau sehr lobte.

Strenge, oft unisono geführte Linien kennzeichnen den Kopfsatz 'Andante – Allegro molto moderato'. Nachdenklich-schwermütig stimmt das von den einzelnen Instrumenten vorgetragene thematische Material, das nichts Heroisches hat, wie beispielsweise das Violinkonzert, und auch nichts vaterländisch Pathetisches wie beispielsweise die 'Finlandia'-Hymne. Vielleicht lastete der Druck seines Berliner Verlegers Robert Lienau, jedes Jahr vier bedeutende Werke abgeben zu müssen, zu schwer auf dem Komponisten. Seinem Einfallsreichtum hat dieser Umstand wohl eher geschadet. Von den fünf Sätzen hat allenfalls das 'Allegretto (ma pesante) ' mit seinem heldenhaften Thema – solide vorgetragen vom neuen Primarius Conrad Muck, der für den zum Aufnahmezeitpunkt noch in den USA unter dubiosen Umständen wegen Mordverdachts festgesetzten Stefan Arzberger seit Beginn 2016 nachgerückt ist – das gewisse Quäntchen an unverwechselbarer Idiomatik.

Ein Wechsel an der Spitze eines Spitzenstreichquartetts verändert immer auch dessen Klang. Das ist gut festzumachen, wenn man die 1996er Brahms-Platte (Streichquartett op. 51,2 und Klarinettenquintett op. 115) des Leipziger Streichquartetts mit der aktuellen Sibelius-Aufnahme vergleicht. Der seidig weiche Schmelz, die Frische im Klang – kurzum, was die Leipziger damals mit Primarius Andreas Seidel Aufsehenerregendes erreichten, ist nun passé. Dabei hätte gerade Sibelius mehr melancholische Fantasie verdient. Sie fehlt. Zwar ist die Ausführung des Schlusssatzes teils beeindruckend virtuos, an manchen Passagen der sehr raschen Läufe aber auch fast überhetzt. Kurz vor Schluss flirrt es nur noch so. Ob das gemeint sein kann? Die neue Produktion von Dabringhaus und Grimm, aufgenommen vom 22. bis 24.Januar 2016 in der Abtei Marienmünster überzeugt nicht restlos; die teils unisono aneinandergereihten Tonfolgen im 'Adagio di molto' wirken manchmal behäbig, um nicht zu sagen müde in den oft kreisenden Bewegungen. Da fehlt der Esprit der Anfangsjahre des Leipziger Streichquartetts, wenngleich natürlich immer noch ein beachtliches Klangvolumen hergezaubert werden kann.

Auch das 1889 entstandene Frühwerk des 24-jährigen Sibelius, das Quartett a-Moll (JS 183) ist in der ersten Violine schwach gespielt: Wenn das 'Allegro' im Kopfsatz anhebt, ist es in den Höhen bei Conrad Muck doch ein wenig unsauber. Da hört der Kenner den Sprung des neuen Primarius ins kalte Wasser, denn auch dieses Opus hat seine technischen Hürden, die das Leipziger Streichquartett nicht in Gänze makellos bewältigt; zum Beispiel platzt der Klang der ersten Violine zeitweise heraus und wird dem Niveau der alteingesessenen drei Mitstreiter Tilman Büning (Violine 2), Ivo Bauer (Viola) und Matthias Moosdorf (Violoncello) nicht völlig gerecht. Nichtsdestotrotz begegnet man im weiteren Verlauf hörenswerter Musik, deren harmonisch expressiver Tonfall im 'Adagio ma non tanto' inspiriert. Auch der schwebende Tanzcharakter kommt nicht zu kurz. Anmutig gelingt das jugendlich frische 'Vivace', forsch das fugierte und rhythmisch vertrackte 'Allegro'. Den romantischen Duktus arbeitet das Leipziger Streichquartett hier wunderbar heraus und entfaltet wirkungsvoll eine große Stretta.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sibelius, Jean: Streichquartette

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
10.06.2016
Medium:
EAN:

CD
760623195728


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Sibelius, Jean


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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