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Sonntag, 16. Mai 2021

Bach, Johann Sebastian - Goldbergvariationen

Beeindruckende Akkuratesse


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wer mal wieder eine neue, ziemlich eigenständige, technisch höchst souveräne, polyphon trennscharfe und dabei fast meditativ entspannte Aufnahme der Goldberg-Variationen hören möchte, sollte zu Marie Rosa Günters Debüt-CD greifen.

Die berühmte Aria mit Bachs 30 Veränderungen als Debüt-Album zu präsentieren, hat natürlich seit Glenn Gould etwas sehr Traditionelles (vorsichtig ausgedrückt), und neben der Amerikanerin Simone Dinnerstein (2007) haben gerade auch deutsche Nachwuchsstars wie Ragna Schirmer (2000) und Martin Stadtfeld (2004) die Popularität wie auch die Diversifizierungsmöglichkeiten dieses wahrscheinlich berühmtesten aller Klavier-Variationenzyklen als Visitenkarte genutzt. Der Individualitätsgrad wie auch die pianistischen Qualitäten dieser älteren Aufnahmen sind hoch, so dass die vielfache ‚Jugend musiziert‘-Bundespreisträgerin Marie Rosa Günter, geboren 1991 in Braunschweig und 2005 schon im Köthener Bach-Wettbewerb für junge Pianisten erfolgreich, mit ihrem durchwegs sehr klar angeschlagenen und abgebildeten Steinway D fast etwas zu unauffällig in die Aria einzusteigen scheint. Auch in den folgenden Variationen entwickelt sich kaum jene offene Leidenschaft und Freude am Wechselspiel der manchmal anschlagstechnisch recht überraschend und ungewohnt gefärbten Stimmen wie in Ragna Schirmers einstmals aufsehenerregendem Debüt bei Berlin Classics.

Marie Rosa Günters Vortragsästhetik beruht auf ganz anderen Parametern. Eine wesentliche Basis bilden die fast eherne Konstanz im Grundtempo über den ganzen Zyklus hinweg (die Aria dauert dort dann doch retrospektiv etwas länger als zu Beginn) und das anschlagstechnisch gleichwohl ungeheuer saubere, satztechnisch kristallklare Perspektiven vermittelnde Non-Legato-Spiel, in das – man höre bereits nur die ersten fünf Variationen – die heikelsten Triller und Verzierungen mit virtuosester Gelassenheit integriert erscheinen. Im Rahmen dieses hinsichtlich Kontrolle geradezu perfekten partiturgetreuen Musizierens erlauben dann feine Nuancierungen des Tastendrucks gleichwohl ein feineres, aber in der Hör-Wahrnehmung manchmal umso ergreifenderes emotionales Ausgestalten, das sich bei mehrfachem Hören als ebenso reiche Lebendigkeit erschließt wie die offener expressive Dialogführung Ragna Schirmers.

Ihren historischen Vorläuferinnen sind beide jüngere deutsche Pianistinnen darüber hinaus deutlich enteilt, erreicht doch 1957 die jüngere Rosalyn Tureck bei aller Klarheit ihrer vorbildlichen Anschlagskultur nicht annähernd deren spielerische Souveränität (auch aufgrund zurückhaltenderer Tempi). Günters Goldberg-Variationen ähneln da oft eher dem sachlich-sportiven Zugang Maria Yudinas (Melodiya 1968), wobei die Zeitdifferenzen von 77 (Günter) zu 71 Minuten (Yudina) dann doch an arioseren Gestaltungen etwa der langen Adagio-Variation (Nr. 25) liegen. Nachdrücklich bahnt Günter in der großartigen, trillergesättigten Variation 28 und durch in Variation 29 dann überraschend deutliches Anziehen des Tempos dem verspielt-erhabenen Quodlibet als Final-Apotheose den Weg. Und sie reflektiert zudem den ganzen Zyklus in einem kleinen, gleichwohl auch sprach-bildlich stimmig formulierten Booklet-Kommentar, der die etwas knappe, aber ebenfalls gut geschriebene Werkeinführung gut poetisch ergänzt. Überhaupt ist die Produktion aus dem kleineren Hause Genuin mancher Publikation ‚großer‘ Star-Maschinen in ihrer umfassenden Sorgfalt vorzuziehen. Ein Debüt-Album, das eine deutliche Empfehlung verdient.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Goldbergvariationen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
03.05.2016
Medium:
EAN:

CD
4260036254358


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Bach, Johann Sebastian


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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