> > > Amati, Niccolo: The Great Violins, Vol.2
Sonntag, 16. Januar 2022

Amati, Niccolo - The Great Violins, Vol.2

Praktiken eines exzentrischen Geigers


Label/Verlag: Athene records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Peter Sheppard Skærved nähert sich dem Geiger und Komponisten Ole Bull über ein CD-Porträt, das – mit Unterstützung von Bulls berühmter Amati-Violine – die Konzertpraktiken des Norwegers zu rekonstruieren sucht.

Der norwegische Geiger und Komponist Ole Bull (1810–1880) gehört zu den faszinierendsten und eigenwilligsten Musikerpersönlichkeiten des 19. Jahrhunderts: Er wusste das Publikum nicht nur mit seiner enormen violintechnischen Begabung zu beeindrucken, sondern setzte sich auch für die Volksmusik seiner Heimat ein, verfolgte das Modell einer politischen Utopie, das er 1852 durch Gründung des nur zwei Jahre bestehenden, den Ideen des Kommunalsozialismus gehorchenden Gemeinwesens ‚Oleana‘ im Norden von Pennsylvania (USA) realisieren wollte und diente schließlich auch dem Schriftsteller Henrik Ibsen als Vorbild für die Hauptfigur des dramatischen Gedichts ‚Peer Gynt‘ (1867), die einige hervorstechende Charakterzüge Bulls in sich versammelt. Der Geiger Peter Sheppard Skærved nähert sich – in einigen Stücken vom Pianisten Roderick Chadwick unterstützt – im zweiten Teil seiner bei Divine Arts erscheinenden CD-Reihe ‚The Great Violins‘ dem Norweger über dessen lange verschollenes Instrument an, eine Geige Niccolò Amatis aus dem Jahr 1647, und verknüpft diesen Zugang mit einer größtenteils von Materialien im Nachlass Bulls bestimmten Werkauswahl, die sich zugleich auch auf die performativen Praktiken des großen Geigers besinnt.

Dadurch umgeht Skærved das grundsätzliche Problem, das sich bei der Auseinandersetzung mit Bull ergibt: Von den rund 70 Werken, die er komponiert haben soll, existieren viele nicht mehr, während andere, auf Programmzetteln überlieferte Titel eher auf Bearbeitungen oder freie Improvisationen über bekannte Weisen und volkstümliche Themen verweisen und damit Zeugnis für eine Praxis sind, die auch im Zusammenhang mit der CD eine wichtige Rolle spielt. Der Titel ‚An Ole Bull Salon Concert‘ ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen, geht es doch um den Versuch, ein Mosaik aus unterschiedlichen Miniaturen zusammenzufügen und ein Bild von dem zu vermitteln, wie Bull einst seine Auftritte gestaltet hat.

Am deutlichsten wird dies im Falle der 'American Fantasy', die sich zwar auf die Informationen vom Programmzettel des 'Grand Farewell Concert' in Madison (Wisconsin) vom 30. Juni 1857 stützt – er listet eine 'Fantasia on American Airs' und benennt sogar die dort verarbeiteten Lieder –, ganz konkret aber nur auf die von Bull niedergeschriebene Version einer dieser Weisen, nämlich des Liedes 'Arkansas Traveller', zurückgreifen kann. Der Tatsache eingedenk, dass Bull in seinen Konzert häufig improvisiert hat, formt Skærved folgerichtig aus diesem Fragment und den übrigen, von ihm selbst improvisatorisch erschlossenen Liedern eine Fantasie, deren Aufbau und technische Anforderungen sich einerseits auf die Betrachtung von Bulls violinistischen Stil, andererseits aber auch auf Augenzeugenberichte über seine Spielweise stützen.

Auch andere Stücke – oft nur Momentaufnahmen mit bestimmtem Lokalkolorit, die von den Fähigkeiten zeugen, sich überall auf das Publikum einzulassen – verweisen auf die Spielpraxis Bulls: Bei der einfachen solistischen 'Siciliana' etwa, die er 1847 in Sevilla als Albumblatt seinem russischen Kollegen Michail Glinka zueignete, handelt es sich um ein Selbstzitat aus der Komposition 'Siciliana & Tarantella' von 1844, das jedoch, das ursprüngliche Stück weiterdenkend, mit raffinierten ornamentalen Veränderungen versehen ist und zudem an einigen Stellen die fehlende Begleitung durch Mehrstimmigkeit ersetzt. Bei dem kleinen Stück 'Aurora' für Violine und Klavier (1841) wiederum handelt es sich im Grunde um eine Salonversion des Mittelsatzes aus dem Violinkonzert e-Moll, während das vom Komponisten Anders Heyerdahl aus dem Gedächtnis niedergeschriebene Solostück 'Guitar-Serenade' (1856–51) eine der charakteristischen Improvisationen Bulls – in diesem Fall die voller gezupfter und mit dem Bogenholz geschlagener Klänge steckende Imitation einer Gitarre – festhält.

Stücke wie die 'Springdanser' (1848) legen sodann Zeugnis ab von Bulls Versuchen, die für Hardangerfidel geschriebenen Volksweisen seiner Heimat für das eigene Instrument neu zu fassen. Dass er darüber hinaus selbst mit der Hardangerfidel konzertierte, belegen neben anderen (hier nicht eingespielten) Kompositionen auch die Versuche, den Steg der Violine stark abzuflachen, um so ein simultanes Anstreichen aller vier Saiten zu ermöglichen. Solchen Experimenten verdankt sich das kurze, durchweg vierstimmige 'Quartetto per un Violino solo' (1837), das Skærved allerdings leider mit normalem Steg spielt, so dass er alle Akkorde brechen muss – wodurch eigentlich die frappierende Wirkung völlig verloren geht. Ungeachtet dessen weiß der Geiger die Eigentümlichkeiten von Bulls Musik und all jener hier eingespielten, die Konzertprogramme des Norwegers dominierenden Stücke hervorzuheben und dabei den wundervoll warmen Klang des Instruments adäquat auszunutzen. Im längsten Programmpunkt der CD nimmt er sich dabei – eingedenk der Tatsache, dass Robert Schumann in einer Konzertkritik Bull als einen exzellenten Mozart-Interpreten bezeichnet hatte – gemeinsam mit seinem Klavierpartner die Mozart’sche G-Dur-Sonate KV 301 (offenbar ein Lieblingsstück Bulls) vor, deren bemerkenswert schlüssige, am Gedanken der Kantabilität entwickelnde Lesart sich als Versuch einer Rekonstruktion von Bulls Vortragsweise verstehen lässt – eine doppelte Historisierung sozusagen, da hier auch ein alter Flügel zum Zuge kommt.

In musikalischer Hinsicht erweist sich die CD aufgrund ihres Mosaikcharakters und der daraus resultierenden musikalischen Heterogenität, die dem Hörer kaum dauerhafte Anhaltspunkte gibt und auch von ihrer Qualität her sehr unterschiedliche Stücke aufweist, letztendlich etwas problematisch und kann sich nicht mit dem vor einigen Jahren veröffentlichte fulminanten Bull-Porträt des Geigers Annar Follesø (2L, 2010) messen; dennoch ist sie für den Liebhaber von Violinmusik und deren Geschichte interessant, da Skærved hier einen ausgiebigen und sehr durchdachten Blick auf die aufführungspraktischen Gegebenheiten im Zusammenhang mit dem wahrscheinlich exzentrischsten Geiger des 19. Jahrhunderts wirft. Zudem ist das reich bebilderte Booklet mit einem ausgezeichneten und kenntnisreichen auf Bull, seine Musik und sein Violinspiel eingehenden Text aus der Feder Skærveds ausgestattet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Amati, Niccolo: The Great Violins, Vol.2

Label:
Anzahl Medien:
Athene records
1
Medium:
EAN:

CD
809730320521


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Athene records

Athene Records war ursprünglich im Besitz der Pianistin Joanna Leach und hat nur Aufnahmen von Musik, die auf historischen Tafelklavieren gespielt wurden, gemacht. Jene CDs mit Musik von Schubert, Field, Chopin und anderen sind immer noch die besten ihres Genres.

Später hat Athene seine Minerva Serie herausgebracht ? Live- und Studio-Aufnahmen von Instrumental- und Orchester Musik, einschliessslich 4 hoch gelobter CDs von dem begabten deutschen Pianisten Andreas Boyde. Vor kurzem hat Minerva den berühmten franzoesischen Pianisten Bernard d?Ascoli gewinnen können, und dessen Aufnahme der Chopin Nocturnes hat mehrere Preise gewonnen. 2003 wurde Athene Teil der Divine Art Gruppe.


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