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Montag, 18. Oktober 2021

Rautavaara, Einojuhani - Rubaiyat

Neues vom großen finnischen Alten?


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Einojuhani Rautavaara (1928-2016) zeigt in den hier publizierten vier Werken der Jahre 2012 bis 2015 noch einmal die wesentlichen Facetten seines neo-romantischen, wohlklingenden Alterstils.

Schon im 'Cantus Arcticus', seinem Konzert für Vögel (vom Tonband) und Orchester, waren 1972 atmosphärische Anklänge an britische Komponisten von Vaughan Williams und Edmund Rubbra bis hin zu Benjamin Britten und Michael Tippett deutlich wahrnehmbar. Hinzu tritt offenbar zunehmend eine Ausrichtung auf orchestral luzide Ostinato-Variantenbildung, etwas grundsätzlich Minimalistisches, das sich jedoch empathisch wie emphatisch im symphonischen Kontext bis zum tatsächlich immanent Erhabenen aufhäufen, steigern, emotional vermitteln lässt. Dafür ist eingangs der eingängige, eindringliche Liederzyklus auf englische Übersetzungen der Gedichte des mittelalterlichen persischen Mystikers Omar Chayyām (engl. Transkription: Omar Khayyam, geboren 1048, gestorben 1131) ein herausragendes Beispiel: 'Rubáiyát' ist ein 2015 vollendetes Auftragswerk für den Bariton Gerald Finley, der es auch in dieser sehr plastisch aufgenommenen Einspielung mit den Philharmonikern aus Helsinki unter John Storgårds präsentiert: Warm und einfühlsam elegisch vorgetragen, fraglos passend in Tempowahl und Farbgebung im Orchester, vermittelt die aktuelle Einspielung auf dem finnischen Hauslabel Rautavaaras (Ondine) die wunderbaren Aspekte des ewigen melodischen Fließens von Gesangsmelodie und Begleitung – gewissermaßen durch die Brunnenschalen von fünf Gedichten und vier dazwischen geschobenen vier orchestralen Interludes, in denen sich durchaus wesentliche Transformationen des Grundmaterials andeuten oder schon vollziehen mit Blick auf eine Geschichte meditativer Selbstfindung. Diese findet übrigens – ganz typisch für solche Zyklen nach Mahlers 'Lied von der Erde' – im Raum der Dämmerung, des Erwachens und Abschieds statt, als immerwährende Reise (Bootsfahrt oder Karawane), flankiert von Vögeln und Engeln. Der Gesang bleibt jedenfalls durchgängig in der Schwebe arioser Deklamation, und Finley gelingt es, diesen andauernden Übergangszustand treffend gesanglich zu verkörpern.

Studien des andauernden melodischen Flusses

Die weiteren Stücke auf dieser CD sind zwar nicht ganz so spirituell anregend und eindrucksvoll, bilden aber eine gute Ergänzung: Rautavaaras 'Canto V' für Streichorchester bietet fast die gleichen wellenartigen Grundbewegungen auf wie 'Rubáiyát', gewissermaßen die orchestrale Vorstudie einer später auch vokalen, textbehafteten Reise 'Into the Heart of Light' (so der explizite, bei Rautavaara schon etwas zu standardisiert erscheinende Titel dieses fünften 'Cantus'). John Storgårds und die Streicher aus Helsinki gehen die immerhin 13 Minuten ebenfalls mit größtmöglicher Sorgfalt und Emphase in der Phrasierung und vor allem Dynamisierung an: Die Regie der subtil veränderten Lautstärken und die Klangwirkungen gerade in den die Melodielinien verfremdenden Clusterbildungen sind ebenso eindrucksvoll wie die plötzliche Ruhe, die final mit der Streicher-Solostimme eintritt.

Auch das Grundmuster der 'Balada' für Tenor, gemischten Chor und Orchester (2014) weicht von den beiden vorherigen Werken nicht weit ab: Rezitierend der Männerchor zu Beginn, belebend der Eintritt der Frauenstimmen mit einer engelhaften, geschwungenen Melodiefloskel, repetierend der ganze Verlauf. Dass der lange Text von Federico Garcia de Lorca eigentlich bis 2007 als Baustein einer Lorca-Oper gedacht war, ist durch die handlungsarme, aber oratorisch passende Grundstruktur der Musik und Dichtung kaum zu ahnen – jedenfalls scheint mir die schließliche Verwertung in einem konzertanten Kontext ziemlich gelungen, das Erzählerische und abermals Lebensphilosophische gut umgesetzt im Gegenüber und Zusammenfinden von singenden Frauen und Männern wie auch dem Einsatz der individuierten, widerständigen Tenorstimme (teils recht baritonal gefärbt und intensiv der Vortrag von Mika Pohjonen).

Opernfragmente als eigenständige Chorwerke

Die abschließenden, 2012 verselbständigten vier kleinen gemischten Gesänge aus der Oper 'Rasputin' (von 2003) hingegen erinnern noch einmal an den einstmals noch größeren Reichtum der Klangmittel Rautavaaras: So sind die ersten drei Lieder zwar hörbar in den Kontext der jüngeren Werke dieser CD zu stellen, besitzen aber durchaus den Handlungscharakter von Turba-Chören, unterstützt durch farbiges Schlagwerk, das das höchst eindrucksvolle Schlussstück (Nr. 4: 'Loista, Siion, loista') in die Nähe sowohl von Carl Orff als auch Michael Tippett rückt – gelungenes Finale einer beeindruckenden CD, die uns gerade die emotionalen, expressiven Qualitäten der großen, in sich aber vielfältigen stilistischen Einheitlichkeit der musikalischen Mittel und Kernaussagen Rautavaaras eindringlich vorführt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rautavaara, Einojuhani: Rubaiyat

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
27.05.2015
Medium:
EAN:

CD
761195127421


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Rautavaara, Einojuhani


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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