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Samstag, 24. August 2019

Satie, Erik - Piano Music Vol.3

Meditieren mit Satie


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Erik Satie (1866-1925) hat zweifelsohne nicht nur auf Komponisten einen enormen Einfluss ausgeübt. Die Bedeutung seines eigenen kompositorischen Schaffens, das größtenteils aus kleinen Klavierstücken besteht, ist aber oft für gering gehalten worden: gern wurden die Werke als armselig abqualifiziert. Die Musik mit ihren faszinierenden, oftmals skurrilen Titeln, die Saties eigenwilligen Humor deutlich machen, konnte sich nicht durchsetzen. Dass es aber nicht an der Qualität der Musik liegen muss, zeigt sich darin, dass seit einiger Zeit ein vermehrtes Interesse an Saties Musik entflammt ist: vielleicht war Satie in mancher Hinsicht seiner Zeit einfach voraus? Saties seltsame Akkordverbindungen, seine unaufgelösten Dissonanzen klingen selbst für unsere Ohren noch seltsam und bilden einen merkwürdigen Kontrast zum primitiv-blockartigen Satz mit seinen simplen Begleitfiguren. Man könnte sie als Aphorismen bezeichnen, die kleinen Stücke: irgendwie aus jedem äußeren Zusammenhang losgelöst, episodenhaft, oft mit einer Frage am Schluss in Form eines unbefriedigenden Schlusses.

Nun ist die dritte Folge einer Einspielung der Klaviermusik Saties mit Steffen Schleiermacher beim Label MDG erschienen. Schon das erste Stück ist so eine kleine Vignette wie oben beschrieben: Die noch nicht einmal zwei Minuten dauernde ?Petite ouverture à danser?. Es folgen die drei Sarabanden, die zu den seltsam klotzigen, geradezu plumpen Eingebungen Saties gehören. Die Hauptwerke der CD sind sicher die sechs ?Gnossiennes?. Insgesamt schrieb Satie sieben Stücke dieses eigenwilligen und unklaren Titels, deren letzte jedoch in einer anderen Folge berücksichtigt wird und deswegen hier fehlt. Die meisten der ?Gnossiennes? zeichnen sich durch ruhige, geheimnisvolle Harmonien und eine orientalisch angehauchte, melancholische Melodik aus gehören wohl zu den angenehmeren Werken Saties, durch ihren Verzicht auf Taktstriche aber auch zu den zukunftsweisendsten. Es folgen die beiden ?Pièces froides? (?Kalte Stücke?), die aus je drei ?Airs à faire fuir? (?Lieder zum Weglaufen?) und ?Danses de travers? (?Quertänze?) bestehen. Den Abschluss bilden erneut zwei ganz kurze Stücke, ?Caresse? und ?Verset laïque & somptueux?. Sämtliche dieser Kompositionen entstanden übrigens vor der Zeit, als Satie als gestandener Mann noch einmal an der Schola Cantorum das Studium des Kontrapunkts aufgenommen hatte.

Steffen Schleiermacher setzt sich in dem gelungenen Begleittext mit einigen der pianistischen Probleme, die bei der Beschäftigung mit Satie auftauchen, auseinander. Eins dieser Probleme ist beispielsweise die Bedeutung der vielen geradezu unmusikalischen Spielanweisungen. Obwohl er schreibt, er wolle nicht den Weltrekord im Langsamspiel brechen, so wie es einige Interpreten versucht haben ? man denke an die Satie-Rezeption bei John Cage ?, betont er doch die ruhige, meditative Seite der Musik Saties, in der Schleichermacher selbst auch in erster Linie den Grund für die herrschende Satie-Renaissance in dieser hektischen Welt sieht. Mit unterschiedlicher Wirkung: bei den ?Gnossiennes? gefällt das noch sehr, aber gerade die ?Pièces froides? wirken in ihrem zu ruhigen Fluss etwas strukturlos und für den aufmerksamen Hörer strapaziös, wenn nicht gar langweilig. ?Caresse? wirkt zwar kontraststärker, aber auch stellenweise unerträglich gehemmt. Klára Körmendi haucht diesen Kompositionen in ihrer bei Naxos erschienenen Einspielung deutlich mehr Leben ein, auch wenn das eine gewisse Glättung bedeutet, die Saties Intentionen vielleicht nicht so nahe kommt. Bei den klotzigen Sarabanden vermisst man bei Schleichermacher ein wenig die gestaltende Kraft, die Fähigkeit, eine Komposition zu bewältigen und so darzustellen, dass ein runder Eindruck entsteht. Was natürlich zugestandenermaßen bei diesen Sarabanden nicht leicht ist.

Die Klangqualität liegt dem Label MDG besonders am Herzen. Bewusst wird auf sämtliche Nachbearbeitung und Glättung der Aufnahmen verzichtet, so dass besonders realitätsnahe und ehrliche Aufnahmen entstehen sollen. Und tatsächlich klingt die vorliegende CD so, als säße man in einem Konzertsaal in einer der vorderen Reihen. Der Klavierklang ist räumlich präsent, überwiegend klar und so originär wie im Booklet versprochen. Das vom Pianisten verfasste Textheft gefällt, zudem es auch ganz konkret und sozusagen aus erster Hand Bezug nimmt auf die Eigenheiten der vorliegenden Interpretationen. Am Ende finden sich sogar Literaturhinweise ? eher eine Seltenheit. Was man mir vielleicht nur noch erklären müsste, ist, wieso auf dem Cover der Titel des kleinen Eröffnungswerks zu lesen ist (abgesehen davon, dass es eben das erste Stück der CD ist).

Für denjenigen, der Klaviermusik Saties hören will, gibt es mittlerweile eine reiche Auswahl an Einspielungen. Schleichermachers Deutung würde ich denjenigen ans Herz legen wollen, die sich bereits mit Satie auskennen und an verschiedenen Interpretationsansätzen interessiert sind, oder für solche, die ganz konkret meditative Musik suchen. Ansonsten würde ich eher auf die Naxos-Einspielungen verweisen, die zwar etwas glatter, dafür aber auch preisgünstiger, hörerfreundlicher und in sich ebenso überzeugend wie die vorliegende Aufnahme sind.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Satie, Erik: Piano Music Vol.3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
MDG
1
01.03.2003
72:28
2001
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0760623106526
MDG 613 1065-2


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Satie, Erik


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Interpret(en):Schleiermacher, Steffen (Piano)


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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