> > > Braunfels, Walter: Orchesterlieder Vol.1
Sonntag, 20. Oktober 2019

Braunfels, Walter - Orchesterlieder Vol.1

Don Juan, Soldaten und eine Nachtigall


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die volle nachromantische Dröhnung auf allerhöchstem kompositorischen und interpretatorischen Niveau ist für Neugierige eine wahre Entdeckung.

Man kann es immer wieder nur beklagen: Komponisten, die vor 1933 erfolgreich und anerkannt waren, aber von den Nazis verboten oder gar verfolgt wurden, haben es auch heute noch schwer, aus dieser künstlerischen Verbannung zurückgeholt zu werden. Das ist ungerecht und tragisch. Im Fall von Walter Braunfels werden hin und wieder Versuche unternommen, insbesondere seine Oper 'Die Vögel' ins Bühnenrepertoire zu holen, aber seine übrigen Werke tauchen so gut wie nie im Konzertleben auf. Dabei hat Walter Braunfels nicht einmal zur umstrittenen Avantgarde nach dem Ersten Weltkrieg gehört, sondern fußt stilistisch eher auf den Komponisten des späten 19. Jahrhunderts. Dazu passen die Orchesterlieder – eine Kunstform, zu der uns heute vor allem die entsprechenden Werke von Gustav Mahler einfallen oder die des von Braunfels sehr bewunderten Hector Berlioz. Braunfels hat zu dieser Kunstform einiges beizutragen, so viel, dass es einer zweite Folge in dieser Braunfels-Reihe von Oehms bedarf, um alle Lieder zu veröffentlichen (erscheint im Herbst dieses Jahres).

Ein wenig allerdings kommt diese erste CD als Mogelpackung daher, denn die Lieder werden ergänzt durch die rein orchestralen 'Don Juan-Variationen', die immerhin die Hälfte der CD in Anspruch nehmen. Aber das macht nichts, denn dieser 'Don Juan' ist hochinteressant. Das Stück wird von Braunfels als ‚klassisch-romantische Phantasmagorie‘ bezeichnet und hat als Ausgangsmaterial die ‚Champagner-Arie‘ des 'Don Giovanni'. Nach einem eher mozartisch anmutenden Beginn geht es dann zur Sache: großes Orchester, viel Posaunen- und Hörnerdramatik, Dunkelheit und Bedrohung, aber dazwischen immer wieder zart Melodisches, ein Fugato und im Hintergrund ab und an als Menetekel die Molltonleiter des Komtur. Es ist nicht zu überhören, dass Braunfels, als er diese Musik schrieb (1922-1924), bereits drei Opern verfasst und erfolgreich uraufgeführt hatte. Wenigstens endet das Variationen-Abenteuer versöhnlich in einer schäumenden Tarantella, in die bezeichnenderweise auch noch 'Reich mir die Hand, mein Leben' eingebaut wird. Das Stück macht Eindruck, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Weimarer Staatskapelle unter Hansjörg Albrecht alles herausholt, was in der Musik steckt. Es wird großes Theater aufgeführt, unterstützt durch eine Aufnahmetechnik, die nichts unter den Tisch fallen lässt, was dem Komponisten und mit ihm schließlich dem Dirigenten alles einfällt. Dieses Werk so kennenzulernen, ist ein großer Gewinn für denjenigen, der sich für die Epoche des künstlerischen Umbruchs vor und nach dem Ersten Weltkrieg interessiert.

Das gleiche gilt auch für die Orchesterlieder. Die beiden Gesänge auf Hölderlin-Gedichte und das 'Soldatengrab' von Hesse schrieb Braunfels als Soldat während des Ersten Weltkriegs. Die Texte passen zu dieser schrecklichen Zeit und werden durch die dramatische Musik noch emotional erhöht – große Oper für den Bariton Michael Volle. Die beiden übrigen Orchesterlieder sind Teil der 'Vögel'. Braunfels schrieb sie tatsächlich zunächst als reine Orchesterlieder und fügte sie erst später in die Oper ein. 1913 geschrieben, atmen sie eine ganz andere Luft – heller Koloratursopran in der 'Nachtigall' und wehmütig, nachdenklich der Tenor im 'Abschied vom Walde'. Auch hier passen die Sänger wunderbar zu dieser 'Rosenkavalier'-Musik, der zarte, leichte Koloratursopran der Valentina Farcas und der klare, zurückhaltende Tenor des Klaus Florian Vogt.

Diese CD ist ein vollauf gelungener Einstieg für alle, die Braunfels’sche Musik kennenlernen wollen und eine wunderbare Ergänzung für Liebhaber von Opern und der Musik um 1900.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Braunfels, Walter: Orchesterlieder Vol.1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
13.05.2016
Medium:
EAN:

CD
4260330918468


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Braunfels, Walter


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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