> > > Britische Cellokonzerte: Werke von Finzi, Bax, Bliss, u.a.
Freitag, 24. März 2023

Britische Cellokonzerte - Werke von Finzi, Bax, Bliss, u.a.

Im Schatten Elgars


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Raphael Wallfisch stellt hier zusammen mit verschiedenen Orchestern fünf Cellokonzerte von den britischen Inseln vor, die allesamt eine Chance im schmalen Repertoire verdient hätten.

Edward Elgars Cellokonzert aus dem Jahr 1919 ist so populär, dass es alle anderen Gattungsbeiträge von den britischen Inseln in den Schatten stellt. Weder Benjamin Brittens 'Cello Symphony' noch das Konzert von Frederick Delius konnten es je an Beliebtheit mit Elgars Geniestreich aufnehmen. Noch schwerer haben es die fünf auf diesen beiden CDs versammelten Werke, die Raphael Wallfisch in den Jahren 1986 bis 1991 aufgenommen hat. Von der ganz der Romantik verpflichteten 'Irish Rhapsody' Nr. 3, die Charles Villiers Stanford 1913 komponierte, bis zum 1970 entstandenen Konzert von Arthur Bliss decken die Konzerte ein breites zeitliches Spektrum ab – vom Vorabend des Ersten Weltkrieges bis fast in die Gegenwart. Der stilistische Unterschied ist dabei aber nicht so groß, wie man nach Kenntnisnahme des zeitlichen Rahmens vermuten könnte. Selbst das unüberhörbar mit Dissonanzen und schroffen Klangballungen angereicherte Bliss-Konzert greift sowohl formal als auch in seinem Duktus auf die dreisätzige Tradition zurück. Die drei anderen Werke von Gerald Finzi, Arnold Bax und Ernest John Moeran entstammen der Mitte des 20. Jahrhunderts und zeigen die britischen Tondichter im Spannungsfeld zwischen später Romantik und früher Moderne – jedoch mit einer gewissen Neigung zur erstgenannten Epoche. Schönbergs radikalen Weg über die Atonalität zur Dodekaphonie wollte keiner der hier zu hörenden Komponisten mitgehen.

Das (einzige) Cellokonzert aus der Feder von Gerald Finzi (1901–1956) ist das längste und in mancher Hinsicht auch das überraschendste der hier versammelten Stücke. Finzi schrieb das Konzert in den Jahren 1951 bis 1955, uraufgeführt wurde es im Sommer 1955 von Christopher Bunting. Der schroffe, blechlastige Kopfsatz steht im starken Kontrast zur friedlichen Lyrik des 'Andante quieto' – Finzi verlangt den Ausführenden während des fast 40 Minuten dauernden Werkes ein beachtliches Ausdrucksspektrum ab.

Wallfisch, der in diesem Stück vom Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter Vernon Handley begleitet wird, ist dem Konzert technisch vollauf gewachsen – doch im Kopfsatz gibt es gewisse Balance-Probleme. So sehr sich der Cellist auch nach Kräften bemüht, bisweilen kann er sich kaum gegen das Orchester durchsetzen, was man wohl eher der Partitur selbst als Handleys Dirigat ankreiden kann. Im Finale (und nur hier) blitzt auch ein bisweilen heiterer Tonfall auf, der von den Musikern gut eingefangen wird, zumal in der einleitenden Pizzicato-Kadenz des Solisten. Insgesamt dominiert in diesem Konzert aber die Melancholie, was man biographisch deuten kann (Finzi wusste zum Kompositionszeitpunkt bereits um seine tödliche Krankheit). So oder so, das Cellokonzert hätte eine Chance im Repertoire verdient, trotz gewisser Längen.

Vom Bax-Konzert (1932) möchte ich das nicht behaupten, obwohl die kompositorische Souveränität seiner Urhebers hier keineswegs verloren gegangen ist. Die in allen drei Sätzen wahrnehmbare Problematik, dass Bax häufig einfach zu dick instrumentierte und deshalb der Solist immer wieder forcieren muss, bleibt jedoch unüberhörbar. Noch am annehmbarsten ist der Nocturne-Mittelsatz, doch in den Ecksätzen hilft Wallfisch auch seine erstklassige Technik nicht viel – streckenweise geht er einfach unter. Da kann der beste Dirigent (in diesem Fall Bryden Thomson, der das London Philharmonic Orchestra leitet) nicht viel retten. Bax, als Symphoniker eine international respektierte Instanz, hatte im Schreiben von Konzerten einfach kein so glückliches Händchen´; auch seine Werke für Klavier und Orchester leiden unter einem überfrachteten Satzbild. Was bleibt, ist der Eindruck eines sich heroisch gegen die Orchestermassen stemmenden Solisten und eine musikalische Sprache von zumindest stellenweise großer suggestiver Kraft – zugespitzt formuliert, wäre Bax´ Komposition womöglich ein Meisterwerk geworden, wenn er sie nicht gerade als Cellokonzert angelegt hätte.

Das Bliss-Konzert entstand wie so viele andere im Auftrag von Cello-Legende Rostropowitsch, der es 1970 auch uraufführte (Dirigent war kein Geringerer als Benjamin Britten). Ein unbestreitbarer Vorzug des Konzertes liegt in seiner Kompaktheit, es dauert insgesamt nur gut 27 Minuten. Der moderat moderne Stil des Tondichters ist für Hörer und die Orchestermusiker dankbar, für den Solisten höchst anspruchsvoll – Wallfisch bleibt den technischen Hürden nichts schuldig und und bringt die rhythmischen Pointierungen des Kopfsatzes ebenso auf den Punkt wie die zarte Lyrik des 'Larghetto'-Mittelabschnitts. Das Finale wirkt dann allerdings kompositorisch wie interpretatorisch etwas blass, gewisse Längen sind nicht zu überhören. Mit dem Ulster Orchestra hat Wallfisch hier auch kein so erstklassiges Ensemble wie in den anderen Werken zur Seite, was man hin und wieder an einzelnen minimalen Unsauberkeiten merkt. Gut gelungen sind allerdings die Violinsoli in den ersten beiden Sätzen.

Musikalisch wirklich erstrangig präsentiert sich Stanfords irische Rhapsodie, ein wahrer Edelstein unter den Cellokonzerten des frühen 20. Jahrhunderts. Zwar folgt das Werk ganz den Bahnen von Brahms (und, in geringerem Maße, Schumann), kann durch seine melodische Erfindungskraft aber vollauf überzeugen. Diese Steilvorlage für eine weniger virtuose, eher melodiöse Entfaltung des Cellos lässt sich Wallfisch nicht entgehen und lässt den Hörer rätselnd zurück, warum beispielsweise Schumanns Konzert so häufig, Stanfords (keineswegs viel schlechteres) Werk praktisch nie im Konzertsaal zu hören ist. Aber diese Frage stellt man sich bei fast allen hier zu hörenden Konzerten, auch beim tragisch-düsteren Moeran-Konzert. Das gegen Ende des Zweiten Weltkrieges entstandene Stück kennt kaum heitere Momente, sondern zeichnet ein insgesamt sehr pessimistisches Tonbild, was von der vorbildlich begleitenden Bournemouth Sinfonietta ebenso präzise umgesetzt wird wie von Wallfisch. Insgesamt rundet das Konzert die Doppel-CD vorbildlich ab. Da von den fünf Werken nur eines (das von Bax) etwas aus der Reihe fällt, ist die Anschaffung für alle Cello-Freunde höchst empfehlenswert. Wallfischs überragendes Spiel steht klar im Mittelpunkt, doch auch die Orchester können sich hören lassen. Die Aufnahmen sind klanglich nicht mehr taufrisch, aber doch gut. Vor allem angesichts der Cello-Edelsteine von Finzi und Stanford hat die Veröffentlichung zudem einen hohen Repertoirewert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Britische Cellokonzerte: Werke von Finzi, Bax, Bliss, u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
2
06.05.2016
Medium:
EAN:

CD
095115245620


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Bax, Sir Arnold
Bliss, Sir Arthur
Finzi, Gerald
Moeran, Ernest John
Stanford, Sir Charles Villiers


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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