> > > Costanzi, Giovanni Battista: Sonate für Violoncello
Montag, 24. September 2018

Costanzi, Giovanni Battista - Sonate für Violoncello

Barocke Spielfreude


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die umwerfende Entdecker- und Spielfreude des sizilianische Cellisten Giovanni Sollima hebt hier einen Schatz von Sonaten ans Tageslicht, der dem Hörer deutlich macht, warum Giovanni Costanzi eine Größe im Musikleben Roms Mitte des 18. Jahrhunderts war.

Es immer wieder spannend, unbekannte Komponisten zu entdecken. Und wenn dann die Ausführung ihrer Musik so mitreißend ist wie in diesem Fall, dann ist die Entdeckerfreude doppelt groß. Es geht hier zum einen um den römischen Komponisten Giovanni Battista Costanzi (1704-1778) und zum anderen um den Cellisten Giovanni Sollima aus Palermo.

Giovanni B. Costanzi war Komponist und Cellovirtuose von hohen Graden. Er nahm schon früh eine führende Rolle im Musikleben Roms ein, begünstigt dadurch, dass der musikbegeisterte Kardinal Pietro Ottoboni, der schon Arcangelo Corelli entscheidend gefördert hatte, ihn in seine Dienste nahm, ihm aber auch offensichtlich die nötigen Freiheiten ließ, die ein Genie braucht, um sich ganz entfalten zu können. Nach dem Tod Ottobonis fand er einen neuen ‚Chef‘ und Förderer in Kardinal Acquaviva de Aragón, der spanische Gesandte beim Papst und gleichzeitige Präsident der Kongregation Santa Cecilia, der Musikergilde Roms. Als auch dieser starb, folgten für Costanzi einige Jahre als freier Musiker, bevor er vom neuen Präsidenten der Santa Cecilia wieder angestellt wurde. In der Kongregation erlangte er schließlich den höchsten Posten, nämlich den des Vorstehers der instrumentalen Abteilung.

Costanzi war zu seiner Zeit einer der angesehensten Musiker in Rom. Er war befreundet mit so mancher Persönlichkeit aus dem europäischen Hochadel, schrieb für viele dieser Mächtigen und deren Feste Opern, Oratorien und Kirchenmusik. Bewundert wurde er aber nicht nur als Komponist, sondern nicht zuletzt auch wegen seiner virtuosen Fähigkeiten auf dem Violoncello. Für dieses Instrument hat er tatsächlich Außerordentliches geleistet, was man sofort merkt, wenn man die hier aufgenommenen Sonaten anhört. Insbesondere fällt auf, mit welcher atemraubenden Geschwindigkeit sehr hohe Lagen zu spielen sind. Das lässt sich nur mit Hilfe der sogenannten Daumenlage bewältigen, bei der der Daumen der linken Hand in einer Art Barrégriff wie beim Gitarrenspiel über die Saiten gelegt wird. Diese Technik war damals völlig neu und reizte Costanzi offensichtlich, seine artistischen Fähigkeiten weit über das damals Übliche auszudehnen. Damit war das Cello endgültig aus seiner Rolle als reines Continuoinstrument herausgewachsen.

Auch bei der Bogentechnik stellen seine Sonaten höchste Ansprüche an den Interpreten. Die Werke selbst bleiben allerdings weitgehend im barocken Stil verhaftet. Sie bestehen in der Regel aus vier Sätzen – langsam, schnell, langsam,schnell –, wobei jeder Satz wieder zweiteilig ist und jeder der beiden Teile wiederholt wird. Diese Form ist in Zeiten des galanten Stils bereits ein wenig altmodisch, hat aber enorme Vorteile für den Solisten: Er hat die in der Barockzeit noch üblichen Freiheiten der freien Interpretation, indem er Verzierungen anbringen, Rhythmen verändern, Kadenzen einfügen und oktavierte Lagen verwenden kann, wie es damals vor allem in den Opern für die Sänger unbedingt erforderlich war, um zu zeigen, wie (um eine Mozart-Formulierung aufzugreifen) geläufig ihre Gurgel sei.

Giovanni Sollima ist genau der richtige Solist für solche Kabinettsstücke. Mit sizilianischem Temperament stürzt er sich in die Sonaten seines Landsmanns, evoziert Rührung in den langsamen Sätzen, um anschließend davonzustürmen, wie ein junges Pferd, das nicht mehr zu bremsen ist. Überschäumende Lebensfreude kommt dabei auf, gepaart mit Staunen und Bewunderung über die Zirkusstückchen, die dieser Künstler vollbringt. Sollima ist ein genialer Musiker, der das Technische famos meistert und trotzdem die Balance nie verliert. So gelingt es ihm, dass wir beim Zuhören das so pulsierende Musikleben Roms in Zeiten des Umbruchs aus der Barockzeit heraus unmittelbar vor Auge und Ohr geführt bekommen.

Sollima ist aber nicht nur ein begnadeter Cellist, sondern weiß auch selbst, Musik zu schreiben – wie ein umfassend tätiger Musiker aus der Zeit des Giovanni Costanzi eben: Das letzte Stück auf dieser CD ist eine selbstgeschriebene und -gespielte Hommage an den armen ‚Mandatario‘, der als Bote bei Wind und Wetter durch Rom hetzte, um die Musiker zusammenzubekommen, die für eine geplante Aufführung in Theater oder Palast benötigt wurden.

Das Begleitheft zur CD vermittelt sehr anschaulich das Wesentliche, was man zu Costanzi weiß. Schön auch, wie die Hülle zudem mit wenigen graphischen Mitteln dazu einlädt, sich die Kulissen einer Opernaufführung zu Costanzis Zeiten vorzustellen – eine hübsche Idee. Schade nur, dass man bei soviel Sorgfalt nichts darüber erfährt, wo denn die Manuskripte zu den Sonaten zu finden sind. Ich habe nur die Sonate in c-Moll auffinden können; sie liegt in der Staatsbibliothek in Berlin.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Costanzi, Giovanni Battista: Sonate für Violoncello

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Glossa
1
06.05.2016
EAN:

8424562238015


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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