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Freitag, 23. August 2019

Eötvös, Peter - Cellokonzert

Kommunikationen


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine neue CD-Veröffentlichung von Alpha Classics stellt in erstklassigen Einspielungen drei Solokonzerte des Dirigenten und Komponisten Péter Eötvös in den Mittelpunkt.

Anhand dreier Beispiele dokumentiert diese CD von Alpha Classics das jüngste Konzertschaffen des Dirigenten und Komponisten Péter Eötvös. Den Beginn macht das Violinkonzert Nr. 2 'DoReMi' (2012), das Eötvös der Geigerin Midori auf den Leib geschrieben hat. Die thematische Substanz, eine einfache, dreiteilige Tonfolge, die sich aus einer leicht veränderten Permutation der Silben von Midoris Namens ergibt, bildet den thematischen Ausgangspunkt, der raffiniert erweitert und klangfarblich ausgedeutet wird. Als Solistin der Aufnahme vollzieht Midori die Musik mit der ihr eigenen Perfektion nach: Sie setzt die Nuancen genau um, formt Kantilenen mit sinnlicher Tongebung aus und nimmt den Violinpart dort zurück, wo sie in ein dialogisches Verhältnis mit einzelnen oder mehreren Orchesterinstrumenten tritt. Dann wiederum lässt sie aus dieser Haltung heraus auch virtuosere Momente wachsen, die sie mit kaskadenartigen Ausbrüchen des Orchesters zu verknüpfen weiß. Wie bei den übrigen Werken dieser Produktion hat Eötvös selbst als Dirigent des Orchestre Philharmonique de Radio France keinen geringen Anteil am Gelingen am Ergebnis des Muszierens. Besonders die ruhigen Momente des Werkes beeindrucken, denn sie entfalten sich in Gestalt zarter, von Midori raffiniert gezeichneter Kantilenen, die durch behutsamen Einsatz solistischer Orchesterinstrumente verändert und in mit Klangschatten eingehüllt werden.

Zwar kommt der kommunikative Aspekt, also die Konzeption der Musik als eine Art ‚instrumentales Sprechen‘ – ein Kennzeichen, auf das Max Nyffeler in seinem kenntnisreichen, aber leider viel zu kurzen Booklettext dezidiert hinweist –, auch im Violinkonzert zur Geltung, doch tritt er weitaus deutlicher im 'Cello Concerto Grosso' (2010–11), entstanden für den Cellisten Miklós Perényi und hier von Jean-Guihen Queyras dargeboten, als zentrales Gestaltungselement hervor: Bereits der Beginn, vom Solisten in sprachnaher Diktion angestimmt, ist als kurzer, fetzenhafter Dialog zwischen Violoncello und anderen solistischen Streichern angelegt. Dieses Prinzip spielt im Verlauf der drei Sätze immer wieder eine wichtige Rolle, wobei die gedankliche Orientierung an der Gattung des Concerto grosso sehr deutlich wird, weil der Solist immer wieder auch mit anderen solistischen Stimmen verknüpft wird. Queyras legt seinen Part zwischen den beiden Polen von starker Erregtheit und fast sphärischer Ruhe an und begreift ihn immer wieder als eine Art ‚Rede‘, die er abrupt abreißen lässt, in ein die gestischen Elemente hervorhebendes Deklamieren überführt oder zu Momenten des Zwiegesprächs mit einzelnen Orchestergruppen formt – nicht ohne auch immer wieder in kurze Phasen eines instrumentalen Singens zu finden.

Mit dem Titel seines Schlagzeugkonzerts 'Talking Drums' (2012–13) weist Eötvös am deutlichsten auf das für seine konzertanten Werke maßgebliche Redeprinzip hin. Tatsächlich tritt dieser Aspekt in dem für den Perkussionisten Martin Grubinger entstandenen Werk noch weitaus stärker hervor: Dies merkt man gleich im solistisch vorgetragenen Eingangsteil, in dem klangfarblich differente Schlaginstrumente zusammenführt und mit vokalen Äußerungen durchmischt zu einem rhythmischen Gerüst geformt werden, das dann vom Orchester aufgegriffen wird. Die Ausweitung des körperlich herausfordernden Schlagzeugparts auf den ebenso anspruchsvollen Einsatz der Stimme – Eötvös legt den Sprachäußerungen der ersten beiden Sätzen Worte des ungarischen Dichters Sándor Weöres und dem dritten ein Gedicht des indischen Poeten Jayadeva in der Originalsprache Sanskrit zugrunde – führt zu einer Erscheinungsweise, die bewusst an die Praxis von Perkussionisten aus anderen Kulturkreisen samt ihrer Verbindung von Sprechsilben und Rhythmen erinnert. Zwar ist das Ergebnis stellenweise frappierend, doch fehlt hier eindeutig die visuelle Komponente des Konzertierens, weil ein zentrales Moment der Komposition – nämlich die ausgefeilten, fast schon tänzerisch angelegten Bewegungsverläufe des Schlagzeugers – dem Hörer leider völlig verborgen bleiben.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Eötvös, Peter: Cellokonzert

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
06.05.2016
Medium:
EAN:

CD
3760014192081


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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