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Mittwoch, 12. Dezember 2018

Legrenzi, Giovanni - Sonate & Ballett

Repräsentatives Instrumentalschaffen


Label/Verlag: Ricercar
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Ensemble Clematis widmet sich dem Instrumentalschaffen Giovanni Legrenzis anhand einer ebenso repräsentativen wie abwechslungsreichen Auswahl aus den fünf entsprechenden Drucken des Komponisten.

Als Autor von Opern, Oratorien und geistlicher Musik nahm Giovanni Legrenzi (1626–1690) zu Lebzeiten eine Vorrangstellung unter den zahlreichen italienischen Komponisten seiner Zeit ein. Die außerordentliche Modernität seiner Arbeit kommt vor allem in Legrenzis instrumentaler Kammermusik zum Vorschein, die auch im Fokus dieser überzeugend konzipierten CD des Labels Ricercar steht. Aus den zwischen 1655 und 1691 erschienenen fünf Sammlungen mit Instrumentalmusik – den 'Sonate a due e tre Libro Primo' op. 2 (1655), den 'Suonate da chiesa e da camera a tre, doi violini e violone Libro Secondo' op. 4 (1656), den 'Sonate a due, tre, cinque e sei Libro Terzo' op. 8 (1671), der Sammlung 'La Cetra, Sonate a due, tre e quattro Libro Quarto' op. 10 (1673) sowie den posthum erschienenen 'Balletti e Correnti a cinque strumenti con il basso continuo per il cembalo Libro Quinto' op. 16 (1691) – haben die Mitglieder des Ensemble Clematis eine repräsentative Auswahl zusammengestellt und zu einem abwechslungsreichen Panorama der frühen Kunst instrumentalen Komponierens zusammengestellt.

Der Eröffnungsabschnitt der 'Sonata prima a 4 violini' aus op. 10 kann gleich zu Beginn der CD als Beispiel dafür dienen, wie gekonnt der Komponist in seiner Kammermusik Abschnitte von großer Klangpracht schuf, um sie unmittelbar darauf gegen geringstimmigere kontrapunktische Werkteile mit einander alternierenden Duos auszubalancieren. Die Wahl dieses Werkes als Eingangsstück unterstreicht daher nicht nur von der ersten Minute an die Besonderheiten von Legrenzis Komponieren, sondern lässt sofort auch die Qualität der Einspielung zu Tage treten. Wie hier bleibt die Umsetzung immer klar und stellt sich in den Dienst einer Darstellung satztechnischer Fakturen. Für klangliche Abwechslung sorgen dabei nicht nur die kontrastreiche Verwendung von Instrumenten der Viola da braccio- und Viola da gamba-Familie, sondern beispielsweise auch der Einsatz eines Fagotts sowie – immer noch eher selten in entsprechenden Einspielungen zu hören – der Einsatz einer fagottähnlich klingenden Viola da spalla, während die Gruppe der harmonietragenden Instrumente sich durch unterschiedliche Kombinationen aus Orgel, Cembalo, Harfe, Theorbe und Gitarre auszeichnet.

Besonders erwähnenswert ist auch die Entscheidung des Ensembles, zwei unterschiedliche, auf die Art der Werke abgestimmte Aufnahmeorte zu nutzen, da sie von den genauen Überlegungen im Umgang mit den klanglichen Dimensionen zeugt: Die Chiesa di San Bernardino in Molfetta (Apulien) verfügt nicht nur über einen starken Widerhall und eine Orgel aus dem frühen 18. Jahrhundert mit klangvollem Principal-Register, sondern lässt aufgrund ihrer räumlichen Disposition nur im Stehen zu spielende Bassinstrumente (Fagott und Viola da spalla) zu, sodass sich die vier dort entstandenen Aufnahmen zumeist durch aparte Instrumentationswirkungen und volltönendes Klangbild auszeichnen. Demgegenüber zeichnen sich die Aufnahmen, entstanden in der kleineren Église Notre-Dame de Centeille in Siran (Languedoc-Roussillon), durch größere klangliche Nähe zu den Instrumenten aus, wodurch die Raumakustik in den Hintergrund tritt und – gerade dort, wo Legrenzis Sonaten mit gewissen Freiheiten musiziert sind – die Detailgestaltung wichtiger wird.

Exemplarisch hierfür ist beispielsweise die abwechslungs- und affektreiche 'Sonata terza a 2 violini' aus op. 10, die zudem als exzellentes Beispiel für Legrenzis Kunst im Umgang mit dem von ihm wesentlich mitgeprägten Stil der Triosonate gelten kann. Überzeugend geraten aber auch die in vielen Abschnitten von den Musikern ausgesprochen rhetorisch aufgefasste Sonate 'La Pezzoli a 3' aus op. 4 und die im Hinblick auf den musikalischen Dialog zwischen Violine und Viola da spalla besonders herausragende 'Sonata quarta a 2' aus op. 10. Und schließlich sind auch die insgesamt vier Tanzsätze aus den 'Balletti e Correnti' hervorzuheben, die von einem energischen, aber doch auch elastischen Umgang mit den rhythmischen Elementen der Musik zeugen. Insgesamt bereitet dieser ebenso kenntnis- wie variantenreiche Umgang mit Legrenzis Sonatendrucken große Freude, zumal er selbst nach 77 Minuten Spielzeit nichts von seiner Überzeugungskraft verloren hat.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Legrenzi, Giovanni: Sonate & Ballett

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ricercar
1
06.05.2016
EAN:

5400439003569


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Legrenzi, Giovanni


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Ricercar

Von Haus aus Musikwissenschaftler und Gambist (und hier immerhin Schüler von Wieland Kuijken), gründete der Belgier Jérôme Lejeune 1980 sein Label RICERCAR, das schnell zu einem der wichtigsten im Bereich der Alten Musik wurde. Das war nicht nur durch die musikwissenschaftliche Arbeit Lejeunes nahe liegend, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass Belgien von je her zu den führenden Nationen im Bereich der historischen Aufführungspraxis gehörte. Die Künstler, die für RICERCAR aufnehmen bzw. aufgenommen haben, lesen sich ohne Übertreibung wie das Who-is-Who der Alten Musik-Szene: Hier machte zum Beispiel Philippe Herreweghe genauso seine allerersten Aufnahmen wie das Ricercar Consort, Jos van Immerseel oder Mark Minkowski (sowohl als Fagottist als auch als Dirigent). Zu den Künstlern und Ensembles, die derzeit dem Label verbunden sind, gehören so prominente Namen wie der Organist Bernard Foccroulle, die Sopranistin Sophie Karthäuser sowie die Ensemble La Fenice und Continens Paradisi. Nach wie vor bietet Lejeune dabei jungen Künstlern und Ensembles eine künstlerische Plattform und er beweist dabei stets ein besonders glückliches Händchen. Viele der nicht weniger als 250 Aufnahmen, die hier veröffentlicht wurden, waren klingende Lektionen in Musikgeschichte, die in mehrteiligen Reihen solche Themen wie Bach und seine Vorgänger, die franko-flämische Polyphonie oder Instrumentenkunde behandelten und so etwas wie zu einem Markenzeichen des Labels wurden. Das erstaunliche dabei war auch, dass nahezu alle Produktionen des Labels von Lejeune sowohl wissenschaftlich als künstlerisch und technisch betreut wurden.


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