> > > Geminiani, Francesco Saverio: Violinsonaten op.4 Vol.2
Donnerstag, 21. November 2019

Geminiani, Francesco Saverio - Violinsonaten op.4 Vol.2

Unerhörtes


Label/Verlag: Stradivarius
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Schleudern und taumeln: Der zweite Teil von Francesco Geminianis Violinsonaten op. 4 mit Liana Mosca, Luca Pianca und anderen.

Was ist das? – Kann die Geigerin den Takt nicht halten? – Eine barocke Solosonate für Violine und Basso continuo, soweit ist alles in Ordnung – aber manchmal scheint die Musik ins Schleudern zu geraten, taumelt, verzögert, beschleunigt … Was soll das?

Schiebt man diese CD mit Violinsonaten von Francesco Geminiani ins Abspielgerät, sollte man sich auf Unerhörtes einstellen. Und zwar im Wortsinn, denn es handelt sich um den zweiten Teil der ersten (!) Gesamteinspielung der Sonaten Opus 4 dieses keineswegs unbekannten Komponisten, die der CD-Markt anzubieten hat. Unerhört dürfte auch Geminianis eigenartige Klangsprache sein: keine abgezirkelten Perioden, sondern ein freies, um Symmetrie und Regelmäßigkeit weitgehend unbekümmertes Fort- und Aneinanderspinnen von Phrasen. Auch Geminianis Vortragsstil scheint eigenwillig gewesen zu sein – man warf ihm vor, er könne den Takt nicht halten. Womit wir wieder bei der aktuellen CD wären: Die Freiheiten, die die Geigerin Liana Mosca und ihre Mitstreiter sich bei der Interpretation von Geminianis Sonaten nehmen, sind also durchaus im Sinne des Erfinders.

Schmissig

Der Zugriff der Interpreten ist bissig und expressiv. Interpretatorisch ragt diese Aufnahme wohl nicht über die meisten anderen guten Einspielungen barocker Kammermusik hinaus, aber sie verlebendigt Geminianis lange zu Unrecht vernachlässigte Musik effektvoll. Musterhaft ist der zweite Satz der d-moll-Sonate op. 4,8: knackige Mehrfachgriffe der Violine, scharf gestochene Sechzehntelläufe, fließende Akkordbrechungen, präzise Bogenführung bei den riesigen Tonsprüngen, die die Oktave mühelos überbieten. Schön, wie frei Mosca die kadenzartige Unterbrechung kurz vor Schluss auffasst – und bei der Wiederholung den expressiven Wert noch schärfer herausstreicht. Vielleicht mag es ihrem Spiel für einige Hörer etwas an Klangschönheit und Abrundung fehlen – die Tonbildung wirkt manchmal dünn, zugleich kratzig (z.B. bei den Vorhaltbildungen eingangs der zweiten Sonate), während nicht wenige Akkorde gerade in den schnellen Sätzen durchaus etwas mehr Zeit zum Klingen hätten vertragen können.

Moscas Mitstreiter sind gleich präsent, kontrastieren die Akrobatik der Geige wirkungsvoll mit wuchtigen Bass-Noten, geben Drive mit schmissig akzentuierten Synkopen. Die Erzlaute wird dabei von keinem geringeren als Luca Pianca zum Tönen gebracht, der perkussive Akzente ebenso wie improvisatorische Miniatur-Eingänge beisteuert. Antonio Mosca (Violoncello) und Giorgio Paronuzzi (Cembalo) agieren auf Augenhöhe.

Mäßige Klangqualität, gehaltvolles Beiheft

Deutlich mehr hätte man von der klangtechnischen Seite der CD erwarten können. Die ist grundsätzlich solide, aber es fehlt an Volumen und Wärme, zudem scheint die Fokussierung eigenwillig gehandhabt: Passagenweise treten einzelne Begleitinstrumente plötzlich in den Vordergrund (etwa die Laute mit einem Triller in besagtem Satz der achten Sonate), so dass eine diffuse, schwer durchschaubare Räumlichkeit entsteht. Nachhaltig positiv fällt demgegenüber das Beiheft auf, das – auf Italienisch und Englisch – nicht nur einen aussagekräftigen Auszug aus einem von Geminianis theoretischen Traktaten enthält, sondern auch einen informativen Kommentar des um die Geminiani-Forschung hochverdienten Enrico Careri.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Geminiani, Francesco Saverio: Violinsonaten op.4 Vol.2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Stradivarius
1
05.02.2016
Medium:
EAN:

CD
8011570339379


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Geminiani, Francesco


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Stradivarius

Das 1988 gegründete Label STRADIVARIUS hat sich auf dem internationalen Markt als unabhängige Schallplattenfirma durchgesetzt, die vor allem auf zwei musikalische Gattungen spezialisiert ist: klassisch - aus der Renaissance und dem Barock - (mit der Reihe Dulcimer) und zeitgenössisch (mit der Reihe Times Future). Diese programmatische Entscheidung kommt aus dem Willen, eine ganz bestimmte und bezeichnende Rolle im heutigen Schallplattenumfeld zu spielen. Insbesondere hat STRADIVARIUS immer das Ziel verfolgt, den Vorrang italienischen Komponisten und Interpreten zu geben, um die bemerkenswertesten italienischen Kulturdarsteller auf aller Welt kennenlernen zu lassen.

In einem weiten Bereich ist STRADIVARIUS tätig: geistige, säkulare, Vokal-, Instrumental-, Solo-, Kammer- und Orchestermusik. Es gibt viele Beispiele seltener Registrieren, die als außerordentliche Kunstwerke weltweit betrachtet werden, wie zum Beispiel die Serie Un homme de concert, die die Zusammenarbeit mit dem berühmten Sviatoslav Richter offiziell festgelegt hat.

Was das zeitgenössische Repertoire betrifft, ist STRADIVARIUS im Laufe der Jahre, dank der Reihe Times Future, ein Bezugspunkt geworden, indem sie Werke von Franco Donatoni, Salvatore Sciarrino, Bruno Maderna, Goffredo Petrassi, Ivan Fedele, Luis De Pablo, Toshio Hosokawa und viele andere veröffentlicht hat.

Bruno Canino, René Clemencic, Alan Curtis, Emilia Fadini, Monica Huggett, Lucas Pfaff, Arturo Tamayo, Maggio Musicale Fiorentino, Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI, Orchestra Verdi di Milano, Orchestre Philarmonique de Radio France, Orquesta y Coro de Madrid: Sie sind nur einige der Musiker und Formationen, die CDs für STRADIVARIUS aufgenommen haben.

Mit der Zeit ist das Bedürfnis entstanden, den Verlegervorschlag weiter zu diversifizieren; dadurch sind wichtige Reihen geboren, und zwar Guitar Collection (unter der Leitung von Frédéric Zigante), Ricordi Oggi (Ergebnis der Zusammenarbeit unter Stradivarius, dem Ricordi Universal Verlag und den Erben des Malers Emilio Tadini) und Milano Musica Festival (in Zusammenarbeit mit Milano Musica und RAI Radio3). Letzte in zeitlicher Reihenfolge ist die Landscape Serie, mit der STRADIVARIUS ihre Bereitschaft beweist, innovative Projekte zu verwirklichen.


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