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Mittwoch, 20. Oktober 2021

Beethoven, Ludwig van - Klaviersonaten

Wenig Erleuchtetes


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Paavali Jumppanen erkundet in Folge 4 seiner Gesamtaufnahme der Klaviersonaten Beethovens zum einen dessen 'neuen Weg' um 1802 in den drei Sonaten Opus 31, zum anderen vier spätere, eher empfindsame Werke um die Sonate 'Les Adieux' herum.

Wer sich unter die Vielzahl der Gesamtaufnahmen und in die Strömungen der Interpretationsgeschichte der Sonaten Beethovens einreiht, muss über ein unbestreitbar souveränes pianistisches Rüstzeug verfügen, aber inzwischen auch über signifikante persönliche oder historische Sichtweisen. Mit seinen selbstverfassten Booklet-Texten (English und Finnisch) zeigt sich Paavali Jumppanen gezielt in verbal differenzierten Werkdiagnosen als u.a. in Harvard ausgebildeter, analytisch und ästhetisch den Stand des aktuellen Interpretationsdiskurses reflektierender Musikhistoriker. Seiner musikalischen Interpretation ist somit zunächst ein entsprechender intellektueller Reflexionsgrad zu unterstellen, der jedoch hinter einer manuell recht eindrucksvollen, eigene Strategien und Momente der emotionalen Durchdringung präsentierenden Umsetzung nur mittelbar Wirkung entfaltet.

Das wird schon in den ersten beiden Sonaten von Opus 31 deutlich, die (nicht nur) Jumppanens verbaler Deutung entsprechend im Verhältnis einer Komödie (op. 31/1) zu einer Tragödie (op. 31/2, traditioneller Überlieferung gemäß programmatisch Shakespeares ‚The Tempest‘) zueinander stehen. Somit stellt sich gleich zu Beginn der ersten CD mit den drei Sonaten op. 31 Jumppanen das Problem, mit rein musikalischen Mitteln so etwas wie musikalischen Humor zu verdeutlichen: Natürlich liegen die Verschiebungen zwischen rechter und linker Hand, der Effekt des oftmals Asynchronen, das immer wieder zueinander finden muss, bereits als kompositorische Idee auf der Hand. Jumppanen spielt den Kopfsatz von op. 31/1 aber ganz ohne jenes leicht nervöse innere Beben, welches die humoristisch-ambivalente Ausgangssituation in vielen anderen Aufnahmen kennzeichnet: Den internen Konflikt im Bereich des Hauptthemas reduziert er vor allem auf einen der Lautstärke, und auch das zweite, lyrische Thema, die volkstümlich heile (Neben-)Welt des Nebensatzes erfährt kein wirklich dezidiert sangliches Aufgehen im Melodischen, es gibt trotz einiger schöner, im Rubato-Einsatz geschmackvoller Einzelmomente keine scheinbare Erlösung im Gesang – auch weil Jumppanen dazu einfach ein passenderer, leuchtender Klavierton in seiner Anschlagspalette zu fehlen scheint.

Nahezu alle langsamen Sätze und durchwegs auch die vier romantisch-empfindsam ausgerichteten Sonaten – Nr. 24 bis 27 – der zweiten CD weisen eben diese Limitation im Bereich des Sanglichen, des tragfähigen runden Legato-Tons auf. Das Klangbild dieser Ondine-Aufnahme ist allerdings auch sehr mitten- bis basslastig; das Spektrum des modernen Konzertflügels wirkt nicht sehr differenziert, und das ist in der Regel gleichermaßen der finalen Aussteuerung der Aufnahme wie ebenso der ja darin ebenfalls eingehenden Klangvorstellung des Interpreten zuschreibbar. Manche klanglichen Verklebungen etwa im 'Adagio grazioso' von op. 31/1 oder in der 'Les-Adieux'-Sonate op. 81a sind da auch direkt Resultate eines manchmal (wohl bewusst) übermäßigen Pedal-Einsatz. Jumppanen legt nicht immer Wert auf eine differenzierte Phrasierung, wenig kohärent erscheinen hier etwa die Gestaltung des Hauptgedankens im finalen Rondo von Opus 31/1 oder der zugleich bereits im Grundtempo zu sehr schwankende Kopfsatz der kleinen, feinen G-Dur-Sonate op. 55.

Opus 31: Strategien des Knalleffekts

Fraglos gelingen eben die Schlusssätze der Sonaten Opus 31 ansatzweise hinreichend ekstatisch, wenngleich die gegenpolarisierenden kontemplativen Momente gegen Satzende wiederum zu wenig Anschlagsfarbe besitzen. Und der Kopfsatz der ‚Sturmsonate‘ op. 31/2, neben der – noch für Folge 5 aufgesparten – 'Sonata Pathétique' Prototyp eines kaum auszuhaltenden satzinternen Gegenübers von Resignation und Kraftausbrüchen, funktioniert primär über die Inszenierung der Lautstärken, also des Knall-Effekts. Jumppanen spielt in der Sonaten-Trias Opus 31 konsequent ungemütlich und damit auch spannend: Tatsächlich zielt Beethoven ja – wie ästhetisch vergleichbar hundert Jahre später erst Rainer Maria Rilke in der Lyrik – auf Reflektion und Destruktion der Form, auf ein programmatisches Abdriften ins Unerhörte, und doch reichen Jumppanens Mittel angesichts der großartigen Konkurrenz-Aufnahmen nicht völlig aus. Vieles, auch das Widerständige, hat man schon andernorts viel raffinierter gehört. Glenn Gould oder – unter ähnlichen aufnahmetechnischen Limitationen – Gerhard Oppitz vermitteln das Unbequeme ungleich eindrucksvoller und erinnerbarer, von der emotionalen Überwältigung in den diversen ‚Sturmsonaten‘-Aufnahmen Svjatoslav Richters ganz zu schweigen. Bei Jumppanen hingegen teilt sich – zumindest in dieser vierten Folge und Präsentation zweier ästhetisch konträrer Schaffensphasen Beethovens – die werkimmanent jeweils bereits kompositorisch evidente poetische Idee zwar hinreichend, aber ohne genügend klanglichen Zauber und performativen ‚Kommentar‘ mit. Für mich sind deshalb diese schon zwischen 2010 und 2012 entstandenen Einspielungen eher im hinteren Mittelfeld einzuordnen, und zwar nicht nur alphabetisch hinter der trotz kleiner technischer Schwächen doch über mehrere großartige Momente verfügenden Gesamtaufnahme von Jenö Jando. Jumppanens Zyklus wird wahrscheinlich – womöglich jenseits dieser Doppel-CD – eher partiell zu empfehlen sein (vgl. die Besprechung der dritten Folge bei klassik.com), befindet sich damit aber angesichts der jüngeren Gesamtschauen von Kodama oder Korstick in guter Gesellschaft.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: Klaviersonaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
2
29.04.2016
Medium:
EAN:

CD
761195129029


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Beethoven, Ludwig van


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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