> > > Schumann, Robert und Heine, Heinrich: Dichter.Liebe
Mittwoch, 23. Oktober 2019

Schumann, Robert und Heine, Heinrich - Dichter.Liebe

Kontemplationen über die Dichterliebe


Label/Verlag: Gramola
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Braucht es noch eine weitere Aufnahme der 'Dichterliebe'? Wenn wie hier ein durchdachtes Konzept dahintersteht, gibt es nur eine Antwort: ja!

Ich gebe zu: Anfangs war ich skeptisch. Mir schien Cornelia Horak nach Anhören der ersten Lieder nicht die Richtige für diese Musik zu sein. Horak scheint häufig wie unbeteiligt, sie bleibt auf Distanz. Dahinter steht jedoch Kalkül; es entspricht dem Gesamtkonzept der CD, die schon allein durch Aufnahme der zweiten und dritten Vorrede Heines die Unmittelbarkeit des Werkes aufbricht und eine reflexive Ebene ansteuert. Die 'Dichterliebe' tritt uns nicht als fertiges Werk, sondern als gewordenes entgegen. Zum Anfang und zum Ende kommen sowohl Dichter als auch Komponist zu Wort, wobei für Schumann die Instrumentalmusik spricht ('Arabeske' op. 18 und 'Der Dichter spricht' aus den 'Kinderszenen' op. 15).

Hat man sich erst einmal eingehört, wandeln sich die vermeintlichen Schwächen in Stärken. Die Lieder erscheinen in neuem Licht. 'Ich grolle nicht' wirkt durch die distanzierte Betrachtung abgeklärt-melancholisch, und das herzzerreißende 'Ich hab im Traum geweinet' wirkt gerade durch die Distanz besonders schmerzlich. Auch penibel befolgte Vortragsanweisungen lassen des Öfteren aufhorchen. 'Ein Jüngling liebt ein Mädchen' erhält eine ernsthafte Note, wenn man die beiden Ritardandi beachtet. 'Die alten, bösen Lieder' gewinnt durch das sehr gemessene Tempo ('Ziemlich langsam') an Eindringlichkeit, ebenso wie 'Am leuchtenden Sommermorgen', das man etwas flüssiger gewohnt ist.

Die Rezitationen der Heine-Texte gelingen Christoph Wagner-Trenkwitz sehr gut. Seiner angenehmen Stimme lauscht man gern. Er gestaltet die Texte behutsam, ist ausdrucksvoll bei sparsamen Mitteln. Bei den Gedichten, die Schumann nicht vertonte, ist man versucht sich vorzustellen, wie sie wohl von ihm vertont geklungen hätten. Dabei kann man einen Blick in die Komponierwerkstatt erhaschen. Es ist aufschlussreich zu sehen, welche Gedichte Schumann zur Vertonung wählte und welche er ausließ. Von den unmittelbar aufeinander bezogenen Gedichten 'Ich grolle nicht, und wenn das Herz auch bricht' und 'Ja, du bist elend, und ich grolle nicht' wählte Schumann nur ersteres. Andere wie 'Nacht lag auf meinen Augen' hätten der Schlussnummer ihr Gewicht genommen. Die nicht vertonten Texte geben den vertonten (buchstäblich) einen neuen Kontext, die erzählte Geschichte wird um einige Episoden ergänzt.

Das Booklet bietet alle Texte zum Nachlesen, bis auf die Vorrede zur zweiten Auflage, die offenbar vergessen wurde. Der informative Begleittext von Christian Heindl fokussiert Sinn und Zweck von Schumanns Textauswahl. Ihn hätte man sich ein wenig ausführlicher gewünscht. Die CD lädt jedenfalls zur erneuten Auseinandersetzung mit dem bekannten Werk ein, und das Konzept ist durchaus geeignet, den interessierten Hörer, wie es im Booklet heißt, "neue poetische, ironische und emotionale Farben" entdecken zu lassen.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schumann, Robert und Heine, Heinrich: Dichter.Liebe

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Gramola
1
08.04.2016
Medium:
EAN:

CD
9003643990593


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Schumann, Robert


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Gramola

Gramola wurde im Jahr 1924 als Detailgeschäft und Vertrieb der beiden englischen Plattenlabels „Gramola“ und „His Master’s Voice“ gegründet. Durch den damaligen Vertrieb dieser Labels ist eines der ganz wenigen, weltweit noch existierenden Originalbilder des legendären, der Stimme seines Herrn lauschenden Hundes „Nipper“ noch heute im Geschäft zu besichtigen. Das Unternehmen ist heute das älteste Tonträgergeschäft Österreichs und arbeitet inzwischen als Familienbetrieb in der fünften Generation. In internationalen Rankings um das beste Klassikfachgeschäft der Welt nahm Gramola mehrmals Spitzenränge ein. Das denkmalgeschützte Geschäftslokal in Wien am Graben wurde nach einem Jugendstilentwurf von Dagobert Peche in den frühen Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts erbaut.

Vor etwa 10 Jahren wurde bei Gramola die Produktion von Klassik-CDs wieder aufgenommen und konnte seither durch seine international vielfach ausgezeichneten Produktionen den allerhöchsten Qualitätsstandard österreichischer Musikschaffender nachdrücklich unter Beweis stellen. Gramola-CDs sind inzwischen in allen klassikinteressierten Ländern zwischen Tokyo und New York zu haben. Ergänzt wird das Gramola-Angebot durch ein Webshop, das rund um den Kalender bereitsteht, Kundenwünsche auch außerhalb regulärer Ladenöffnungszeiten zu erfüllen.


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