> > > brahms & bridge: Klaviertrios
Mittwoch, 20. März 2019

brahms & bridge - Klaviertrios

Wenn das Schöne verhallt


Label/Verlag: Paladino
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Drei Musiker spielten einst das erste Brahms-Trio und das rhapsodische Phantasie Piano Trio von Frank Bridge (1907) mit gewaltiger Ausdruckskraft. Es war aber leider gerade nur ein alter Kassettenrekorder zur Hand?

Pianist Hyung-ki Joo ist ein Allround-Talent: ein ganz hervorragender Pianist, Absolvent der Yehudi Menuhin School (wie auch beide Mitstreiter dieser Aufnahme) und Internet-Musik-Comedian im Duo (auch in Deutschland als Igudesman & Joo recht populär). Ähnlich ambitioniert hinsichtlich der Vermittlung klassischer Musik im Zeitalter der Popkultur ist auch sein Schaffen als Komponist, und dass er schreiben kann, zeigt seine Beteiligung an den Booklettexten (die Anteile im Verein mit Margaret Pierce sind allerdings nicht offensichtlich gemacht worden). Hinsichtlich Aufmachung der CD mit vielen schönen Fotografien der Künstler arbeitet das Wiener Label Paladino professionell, und auch die drei Musiker genügen höchsten Ansprüchen: Statt Aleksei Igudesman wirkt mit Rafal Zambrzycki-Payne ein Spitzengeiger höchsten Ranges mit, dessen wohlbekannte EMI-Debüt-Platte mit Werken für Violine und Klavier von Grieg und Britten ziemlich neugierig macht auf diese ähnlich ausgerichtete Koppelung deutscher Trio-Wucht mit britischer Gattungsreflektion im Übergang zur Moderne.

Gemeinsam besuchte Yehudi Menuhin School als erstes Bindeglied des Trios

Über welchen Witz, welches Einfühlungsvermögen Hyung-ki Joo verfügt, wird spätestens im Scherzo ohrenfällig, dem zweiten Satz des Brahms-Trios (gespielt in der revidierten Fassung von 1889): Der Pianist, wuchtet und passagiert, gibt die Impulse, spielt ebenso hochvirtuos wie gekonnt leger. Thomas Carroll und Rafal Zambrzycki-Payne agieren fast durchweg mit viel Druck, viel Vibrato, möglichst sanglich, oft ganz wunderbar in der Tiefe formulierend und repetierend das Cello, was in der Geigenstimme leuchtet und schwingt.

Das ebenfalls überraschend in mehreren Konkurrenzaufnahmen vorliegende Bridge-Trio – jenseits eines Jugendwerks ist es als 'No. 1' dem u.a. von Rostropovich und Britten live eingespielten 'Piano Trio No. 2' (1928/29) hinsichtlich Konzertaufführungen, aber auch seiner dem Anspruch des Phantastischen nicht immer gerecht werdenden Konventionalität wohl unterlegen – kann sich gleichwohl eines äußerst leidenschaftlichen Vortrags aller vier Teile erfreuen; hier gelingt besonders der wahrlich ‚brahmsianische‘ Einstieg in den dann brillant gesteigerten finalen 'Allegro moderato'-Abschnitt höchst eindrucksvoll, der womöglich aktuell prominentesten Aufnahme der Bridge-Trios mit Ashley Wass (Naxos, 2009) auf der emotionalen und spieltechnisch-virtuosen Ebene weit überlegen.

Weniger gelungen erscheint mir in der schon 2007 entstandenen Brahms-Aufnahme aus der Recital Hall der Menuhin School einzig das 'Adagio': Das Klavier oft dynamisch viel zu flächig, die Basslinie verschwimmend – und das ist ein Manko gerade auch einer fragwürdigen Aufnahmetechnik mit allzu viel Hall, dumpfen Bassregionen trotz der nötigen Trennschärfe hin zum voluminösen, aber auch etwas aufgepumpt erscheinenden Cello-Klang. Je lauter die schnellen Passagen der anderen Sätze werden, umso mehr rauschen auch die Höhenlinien von Klavier und Geige klirrend ineinander. Manches ist offenbar Opfer wohl eines späteren ‚Masterings‘ (Philipp Treiber) seitens des Labels – allerdings würde bereits das Aufnahme-Equipment 2007 in London und auch in Moskau interessieren (Bridge aus dem Tschaikowsky-Konservatorium, im Booklet noch kryptisch in die Tracks 4-7 aufgespalten?). Professionell klingt das nämlich überhaupt nicht, eher wie ein einst mitgelaufenes digitales Diktiergerät, mit dem das Trio flugs – nicht live, sondern eher unter Studio- oder vielmehr Proben-Bedingungen – seinen durchaus beeindruckenden Arbeitsstand festhielt. Über einen aufschlussreichen, der Edition leider fehlenden Kommentar seitens der Verantwortlichen würde ich mich freuen.

Wie im Parkhaus der Kölner Philharmonie eingespielt

Welchen Absichten die kaum etwas klanglich wirklich rettende Nachbearbeitung und Veröffentlichung dieser Aufnahmen im Jahr 2016 auch folgt und wie hörenswert, ja stellenweise hervorragend die Interpretation tatsächlich auch ist – als Visitenkarte taugt eine solches Gesamtprodukt kaum. Man braucht ganz gute Nerven, um die Schönheit einer ganzen Reihe von Momenten jenseits der mangelhaften technischen Reproduktion würdigen zu können. Spaß macht diese CD deshalb kaum. Was hat nur die drei Musiker geritten? Natürlich hat besonders die Bridge-Aufnahme als großes Momentum das Zeug zur absoluten Referenzaufnahme, warum aber gab es kein Vertrauen in eine Neuaufnahme mit besserem Klangresultat? Die Schönheit und der berauschende Geist der Interpretation werden in den Wermutstropfen der mangelhaften Klangqualität geradezu aufgelöst oder ertränkt.


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    brahms & bridge: Klaviertrios

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Paladino
1
08.04.2016
EAN:

9120040730765


Cover vergössern

Paladino

Das CD-Label paladino music wurde 2009 von dem Cellisten Martin Rummel gegründet und ist sozusagen die Keimzelle von paladino media, wozu mittlerweile neben paladino music auch Orlando Records, KAIROS und Austrian Gramophone gehören. Inzwischen bei einem Durchschnitt von 15 Veröffentlichungen pro Jahr angekommen, hat paladino music sich zu einem anerkannten Boutique-Independentlabel entwickelt. Die Veröffentlichungen sind zumeist auf einen Komponisten fokussiert, aber auch Rezitalprogramme und aufsehenerregende Debütaufnahmen sind neben Ersteinspielungen von Komponisten wie Franz Krommer, David Popper, Johann Joachim Quantz, Thomas Daniel Schlee, Robert Stark und Johann Wenzel Tomaschek entstanden. Herausragende Interpreten aller Generationen, von jungen Künstlern bis hin zu internationalen Stars wie Vladimir Ashkenazy garantieren, dass die künstlerische Qualität der Einspielungen außer Frage steht. Ursprünglich auf Kammermusik fokussiert, veröffentlicht paladino music in jüngster Zeit auch zunehmend Solokonzert- und andere Orchesteraufnahmen.

Zahlreiche Veröffentlichungen haben Auszeichnungen bekommen oder sind zumindest dafür nominiert worden, und Kritiker in internationalen Medien loben nicht nur die Aufnahmen und das Repertoire selbst, sondern auch die strikt durchgezogene Eleganz des Designs, dass aus dem Firmendesign von paladino media entwickelt ist. paladino music wird von Martin Rummel kuratiert, der von einem kleinen Team an Fachleuten in der Umsetzung, Fabrikation und Distribution unterstützt wird. Das Lager wird von Naxos Global Logistics verwaltet, und ein Netzwerk von über 50 internationalen Vertrieben garantieren, dass jede Aufnahme weltweit über den Fach- und Internethandel sowie über alle wesentlichen Streaming- und Downloadplattformen verfügbar ist.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Paladino:

  • Zur Kritik... Ernste Erbin: Mit ihrer späteren Kammermusik besticht Johanna Senfter noch stärker als mit ihren musikalisch reichen Violinsonaten, wie diese Doppel-CD zeigt. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Ausdrucksmusik von höchster Intensität: Faszinierend wie seine beiden Vorläufer ist auch das dritte Poulenc-Album der Münchner Pianistin Eva-Maria-May: Ihr einfühlsames Klavierspiel und fünf weitere ausgezeichnete Instrumentalisten zeigen die wunderbaren Duo-Werke des Franzosen in bestem Licht. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Passion für das 21. Jahrhundert: In Guido Mancusis Johannes-Passion beeindruckt das glänzende Ensemble mit Dramatik und Glaubwürdigkeit. Weiter...
    (Simon Haasis, )
blättern

Alle Kritiken von Paladino...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Hartmut Hein:

  • Zur Kritik... Galanterien statt Sturm und Drang: Ganz dem Zeitgeschmack um 1780 entspricht Carl Philipp Emanuel Bachs dritte Sammlung für Kenner und Liebhaber. Miklos Spanyi spielt sie in der 33. Folge seiner Gesamtaufnahme der Tastenmusik des Bach-Sohns ganz entspannt auf einem Tangentenflügel. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Perlen unter Gemischtwaren: Aus der nicht geringen klingenden Hinterlassenschaft des faszinierenden Pianisten Shura Cherkassky sind in dieser 10-CD-Auswahl viele hervorragende neben einigen fragwürdigen Taten dokumentiert. Fragwürdig ist aber letztlich auch die Präsentationsweise. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Gehaltvoller Bläser-Kosmos: Kennen Sie Holst? Jenseits unseres gewohnten Sonnensystems der 'Planeten'? Wenn Sie Brahms lieben, werden Ihnen auch diese großbesetzen Ensemble-Werke mit diversen Bläserstimmen gefallen. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Hartmut Hein...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Instrumentaler Gesang: Es ist sehr spannendes Projekt, aus den vielen Vertonungen von Metastasios 'Demofoonte' ein Album zu machen. Die Interpretation zollt den Kompositionen Respekt, bleibt aber einseitig. Weiter...
    (Silke Meier-Künzel, )
  • Zur Kritik... Ernste Erbin: Mit ihrer späteren Kammermusik besticht Johanna Senfter noch stärker als mit ihren musikalisch reichen Violinsonaten, wie diese Doppel-CD zeigt. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Lyrik und Drama: Johannes Moser und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin bestechen mit Interpretationen von zwei Cello-Konzerten, die einst für Mstislaw Rostropowitsch entstanden. Weiter...
    (Elisabeth Deckers, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (3/2019) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Carl Reinecke: String Quartet No.1 op.16 in E flat major - Finale. Molto vivace

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich