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Donnerstag, 24. Mai 2018

Scheidemann, Heinrich - The Art of Heinrich Scheidemann

Verbindungsmann


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Heinrich Scheidemann wird als wichtiges Bindeglied musikhistorisch prägender Sphären porträtiert. Le Concert Brisé findet wie erwartet zu einem überaus feinsinnigen Plädoyer für diese Musik.

In der Biografie Heinrich Scheidemanns spiegelt sich große Musikgeschichte: Geboren 1596, wurde er vor allem als gelehriger Schüler Jan Pieterszoon Sweelincks geprägt, bevor er ab 1629 bis zu seinem Tod 1663 als Organist an der Hamburger Katharinenkirche zur seinerseits prägenden Größe wurde – als Lehrer unter anderem von Matthias Weckmann und Johann Adam Reincken. Scheidemann hatte also eine wichtige Scharnierfunktion von der niederländischen Orgelschule in den norddeutschen Orgelbarock hinein, und damit auch zu Dietrich Buxtehude und über Reincken auch zu Johann Sebastian Bach.

Mithin: Scheidemann ist schwerlich zu unterschätzen, auch wenn sein hinterlassenes Werk das typische eines Organisten der Zeit ist – also in der musikalischen Ästhetik der gelegentlichen Fixierung vergänglicher improvisatorischer Ideen verankert. Ein Großteil seines schöpferischen Werks ist demnach verloren. Das Überlieferte ist weitgehend der Sphäre der Diminution zuzuordnen. Diese Sätze wirken wie im Moment des Spiels entstanden, oft italienische Traditionen aufgreifend, zum Beispiel in Vorlagen von Hassler, Bassano oder di Lasso, dazu kommen lutherische Choräle, die Scheidemann im Kontrast zur Gemeindeversion mit kunstfertigen Umspielungen versah; auch eine englische, vermutlich von Sweelinck tradierte Linie ist zu beobachten, etwa mit einer Ausdeutung der ‚Pavane lachrymae‘ von John Dowland.

Interpretatorische Feingeister

Diese Art der Musik fordert jeden Instrumentalisten, jedes Ensemble der Gegenwart dazu heraus, klingende Kunst neu zu schaffen, eine Fülle von Entscheidungen zu treffen, Besetzung und Organisation der Musik betreffend. Le Concert Brisé, für die Anforderungen des jeweiligen Programms immer wieder neu zusammengestellt vom Zinkenisten William Dongois, ist so eine hocherfahrene Formation: Stilistisch, technisch, in Sachen Repertoirekunde ist das überaus souverän, was Dongois auf verschiedenen Zinken, Alice Julien-Laferrière auf der Violine, Odile Bernard auf der Blockflöte und Jean-Christophe Leclere auf der Orgel da bieten. Auch das virtuos Fordernde wird mit beiläufiger Gelassenheit gespielt, in einer Präsentation ohne Überdruck, die das Bewegte bei aller Intensität der kleinteiligen Bewegung nicht in den Vordergrund stellt, sondern in den musikalischen Kontext großer Bögen einbindet, es zwingend aus der Substanz heraus entwickelt. Diminution wirkt schlüssig entfaltet, ist nie eitler Selbstzweck. Das kommt der Ästhetik dieser Musik sehr nah.

Eine herausragende Rolle spielt die durchgehend präsente Orgel, die im französischen Talanges steht und 2003 von Rudi Jacques nach italienischen Vorbildern der Zeit um 1600 gebaut wurde. Ein Instrument, das das Geschehen sehr gelungen prägt, mit feiner Zeichnung und einem nie zu dichten Grundklang, eine Orgel, die auch erfreulich behände wirkt – nicht unwichtig, angesichts ihrer intensiven Beteiligung am diminutiven Geschehen.

Im relativ großen Raum werden die Instrumente sehr präzis verortet, wirkt das Gesamtbild reich an Struktur und Tiefe, betont die technische Realisierung überzeugend das Lichte der instrumentalen Konstellation, ist eine fast kammermusikalische Interaktion das klingende Ergebnis.

Heinrich Scheidemann wird als wichtiges Bindeglied musikhistorisch prägender Sphären porträtiert. Er mag mit seinem Werk etwas im Schatten stehen, was auch am gattungsmäßig beschränkten Repertoire liegen kann. Le Concert Brisé findet wie erwartet zu einem überaus feinsinnigen Plädoyer für diese Musik, für deren gelegentlich auch spröden Schönheiten man sich hörenderweise vermutlich den geduldigen zweiten Blick gönnen sollte.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Scheidemann, Heinrich: The Art of Heinrich Scheidemann

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Accent
1
08.04.2016
EAN:

4015023243026


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Scheidemann, Heinrich


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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