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Dienstag, 21. Mai 2019

Palestrina, Giovanni Pierluigi da - How Fair Thou Art

Geistliche Kammermusik


Label/Verlag: signum classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine sehr schöne Palestrina-Platte, die einmal mehr zeigt, wie ausdauernd sich die King's Singers Repertoire widmen, das keine Wirkung des ersten Blicks erzielt und dem wahrlich keine affektive Leichtigkeit eignet.

Die King’s Singers haben in den vergangenen Jahrzehnten immer im schönen Wechsel Programme mit seriösem Anspruch und solche mit eher unterhaltendem Charakter abgewechselt. In den letzten Jahren gab es einen Akzent deutlich ins ‚ernsthafte Fach‘, ohne die andere Sphäre ganz zu vernachlässigen. Nach etlichen Personalwechseln liegt nun unter dem Titel ‚How Fair Thou Art‘ eine Platte mit zwölf der 1584 gedruckten Hohelied-Motetten von Giovanni Pierluigi da Palestrina vor, gerahmt von vier Marien-Motetten des großen Meisters klassischer Vokalpolyphonie.

Diese Kompositionen zählen zu einem sehr speziellen Teil im Werk Palestrinas, sind so etwas wie geistliche Kammermusik, jedenfalls deutlich entfernt vom liturgischen Geschehen, eher eindringliche Miniaturen, die subtil den ambivalenten Texten des Hohelieds in all ihren Deutungsmöglichkeiten nachspüren. Eine zutreffende Entscheidung, diese Musik als solistisch besetztes Vokalensemble zu interpretieren, jedenfalls keine überraschende – hat doch schon das Hilliard Ensemble vor 30 Jahren diese Musik aufgenommen, damals freilich den gesamten Corpus der 29 Motetten.

Der Klang entwickelt sich weiter

Die King’s Singers nehmen bei Palestrina mit ihrem überaus noblen Ensembleklang für sich ein, agieren harmonisch und ausgewogen, wie man es gewohnt ist. Das spricht einmal mehr für seit Jahrzehnten betriebene Politik des Ensembles, sich schrittweise zu erneuern und nicht mit einer ursprünglichen oder Stammbesetzung an einen Punkt zu kommen, an dem es nur noch den kompletten Neustart unter Preisgabe des Vertrauten, Gewohnten oder die Auflösung geben kann.

Freilich verändert sich der Klang bei jeder Änderung graduell; in den vergangenen Jahren sind vier der sechs Mitglieder neu hinzugekommen. Heute klingt das Ensemble deutlich heller als früher, schlanker, eher konzentrierter als zuvor. Das liegt sicher maßgeblich am Wechsel im Bass, wo Stephen Connolly eine über beinahe ein Vierteljahrhundert prägende Größe mit üppigem Volumen und stupender Tiefenpräsenz war. Jonathan Howard ist seit 2010 zweifellos ein würdiger Nachfolger, doch eben einer von deutlich anderem Charakter, schlanker, nasaler. Erster Bariton ist Christopher Bruerton, eine Stimme von wunderbarem Potenzial, schon mehrfach in anderen Programmen auch solistisch erprobt, als Nachfolger von Philip Lawson auf keinen Fall eine Verschlechterung. Das gilt auch für Timothy Wayne-Wright, der 2009 als zweiter Countertenor Robin Tyson nachgefolgt war, dessen Timbre stets etwas unruhig wirkte. Und nun ist im aktuellen Programm erstmals Julian Gregory im Tenor zu hören, der Paul Phoenix nachgefolgt ist, der über eine Stimme von unbedingter Ensemblefähigkeit und zugleich von üppigem solistischem Potenzial verfügte, den Klang der Mittelstimmen unverwechselbar prägte. Gregory ist in dieser Hinsicht deutlich weniger auffällig, fügt sich gleichwohl nahtlos ein. Angemerkt sei, dass der erste Counter, David Hurley, seit 1990 brillante Diskantkrone des Ensembles, an Substanz, auch an unwiderstehlichem Glanz eingebüßt zu haben scheint – jedenfalls verströmt er sich in dieser Musik nicht wie sonst. Natürlich ist es keine ‚Oberstimmenmusik‘, doch scheint die Stimme etwas weniger zu leuchten als früher.

Die Deutung insgesamt siedelt auf hohem Niveau, in frei fließenden Tempi, die mit sicherem Gespür den edlen Satz explizieren. Intoniert wird perfekt, da ändern auch die vielen Wechsel nichts; die selbst formulierten Ansprüche sind in dieser Hinsicht allerdings auch die allerhöchsten. Sehr schön zu hören, mit welch traumwandlerischer Leichtigkeit das gewohnt hohe Niveau erreicht wird.

Die klangliche Realisierung wirkt klar, wie stets sehr direkt, bietet zugleich einen kompakten Eindruck der Kunst des Ensembles, getragen von einem fein räumlichen Impuls. Im Booklet geht es gewohnt karg zu: Warum hier mehr auf Verknappung denn auf Augenhöhe mit den künstlerischen Leistungen gesetzt wird, bleibt ein Rätsel. Immerhin wird diese Sphäre mit großer Konsequenz vernachlässigt.

Eine sehr schöne Palestrina-Platte, die einmal mehr zeigt, wie ausdauernd sich die King’s Singers Repertoire widmen, das keine Wirkung des ersten Blicks erzielt und dem wahrlich keine affektive Leichtigkeit eignet.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Palestrina, Giovanni Pierluigi da: How Fair Thou Art

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
signum classics
1
08.04.2016
EAN:

635212045022


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Palestrina, Giovanni Pierluigi


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