> > > Dvorak, Antonin und Schumann, Robert: Klavierkonzerte
Samstag, 30. Mai 2020

Dvorak, Antonin und Schumann, Robert - Klavierkonzerte

Doppelkopf


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Es muss nicht immer Grieg sein. Das Klavierkonzert von Antonín Dvořák macht als neuer Doppelpartner des Schumann-Konzerts auf Tonräger Karriere. Zudem tritt jetzt mit Stephen Hough und Andris Nelsons auch interpretatorisch ein interessant gemischtes Weltklasse-Doppel an.

Das jüngere g-Moll-Konzert von Dvořák (komponiert 1876) hat den ersten Aufschlag. Andris Nelsons folgt anfangs einer schon von Altmeister Carlos Kleiber vorgegebenen Strategie: starke dynamische Schwellung hin zum dritten Akkord vor der thematisch den ersten Satz, ja das ganze Konzert so dominierenden lyrischen Schleifenbewegung des Hauptthemas. Mit der bekanntesten, fulminanten, von Kleiber und Svjatoslav Richter durchgängig befeuerten, hochnervösen, kämpferisch-rasanten Referenzaufnahme aus dem Jahre 1976 sind Nelsons und Stephen Hough aber im Kopfsatz dann doch signifikante hundert Sekunden mehr an Spieldauer entfernt: Nelsons setzt in der recht herkömmlich komponierten, thematisch einnehmend schönen und farbig instrumentierten Tutti-Exposition zwar wie Kleiber weiter expressive Impulse durch starke Akzent-Drücker, und es gibt vergleichbar feine Beschleunigungen schon innerhalb der gemäß Václav Talich ‚naturalistisch‘ statt vordergründig virtuos ausgerichteten Thematik, jedoch ohne den melancholischen Druck der Phrasierung auch in Richtung Tempo zu leiten. Und auch Stephen Hough reitet nicht wie Richter oder (gleich in mehreren Aufnahmen) Rudolf Firkušný virtuose Attacken, sondern spürt ganz gelassen – später im finalen 'Allegro con fuoco' allerdings stellenweise fast schon zu lethargisch – der motivischen Rhetorik, wechselnden Klangfarben und durchaus raffinierten rhythmischen Konsistenzen im Klavierpart nach. Das ist wahrlich keine leidenschaftliche, sondern eine ganz überlegte, das Konzert in seiner symphonischen und nicht der virtuosen Dimension ernst nehmende Interpretation.

Geruhsamkeit und sorgfältige Phrasierung als Prinzip

Im Kopfsatz – nach dem Talich-Zitat im Booklet-Essay von Steven Isserlis (!) durchaus als eine Art Pastorale verstehbar – geht das auf, vor allem Nelsons setzt hier im Orchestralen die Bonmots, kontrolliert im Rahmen einer fast meditativen Expressivität einen Fluss, dessen stetige Bewegung die reflektierten Gedanken auf Stephen Houghs in aller charakteristischer Tiefe hervorragend aufgenommenen Flügel sicher umfließt und trägt (man höre z.B. die Pizzicati-Momente im Solo-Seitensatz). Auch die sehr sorgfältig in Charakter und instrumentaler Faktur abgestimmten Variationen im 'Andante sostenuto' schüren die Tendenz, diese Dvořák-Aufnahme dem Doppel Richter-Kleiber als recht konträre Referenz gegenüberzustellen. Nach dem allerdings viel zu gebremsten, alles Volkstümliche durch vor allem im Klavier zu starke Aufbröselungen fast negierenden Finale verspüre ich fast ein wenig Enttäuschung über die vergebene Chance dieses vorher weitgehend interessanten ‚pastoralen‘ Ansatzes, an anderen Spitzenformationen wie Aimard und Harnoncourt vorbeizuziehen.

Opulenter Schumann mit viel Gespür für den Klang

Die hervorragende Aufnahmetechnik und der in seiner neo-expressiven Ausrichtung kaum mehr an die Rattle-Ära erinnernde Nelsons-spezifische Sound des City of Birmingham Symphony Orchestra beeindrucken gleichwohl in Schumanns fantastisch-individuellem a-Moll-Konzert. Abermals wählen Nelsons und Hough durchgehend ein eher behutsames Tempo, die Steigerung im Finalsatz hin zu offener Spielfreude aller Beteiligten gelingt diesmal aber ganz mühelos. Auch dieses Werk, Ende der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Blick auf Clara Schumann noch viel stärker im Virtuosenwettbewerb, erfährt eine äußerst geistreiche, luzide, in der Zeichnung aller Stimmen nahezu perfekt wirkende Darstellung. Nelsons liefert eine beeindruckende Orchesterszenerie, die vielleicht im Ansatz der herausragenden Begleitarbeit von Claudio Abbado in den Aufnahmen mit Maurizio Pollini und (mehr noch) Alfred Brendel ähnelt und noch detailorientierter und moderner wirkt. Das CBSO bietet einen aufregend detaillierten symphonischen Part, in den Stephen Houghs hier gelöster schmetternde und modellierende Pranken wunderbar eingebettet sind. Das Ende des ersten Satzes – die tempodramaturgisch großartig gestaltete ‚Solokadenz‘ und die anschließend von Nelsons orchestral ganz feinsinnig mit wunderbar spitzen Bläsern begleitete Stretta – stellen wahrlich einen Höhepunkt dar. Im inzwischen auch bei Dvořák diskographisch recht ansehnlichen Tonträger-Feld gebührt dieser Koppelung zweier mit Kopf spielender Interpreten und zweier ‚Herz-Zehnen‘, höchster Trümpfe des romantischen Konzertrepertoires, auf jeden Fall eine vordere Platzierung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dvorak, Antonin und Schumann, Robert: Klavierkonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hyperion
1
08.04.2016
Medium:
EAN:

CD
034571280998


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Dvorák, Antonín
Schumann, Robert


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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