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Sonntag, 22. September 2019

Strauß Jr., Johann - Der Zigeunerbaron

Opernhafte Operettenwucht


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser neue NDR-'Zigeunerbaron' gestaltet sich als klangvolle und zeitgemäße Alternative zu gängigen älteren Aufnahmen.

Es ist lange her, dass der Straußsche 'Zigeunerbaron' in einer Neueinspielung auf dem Plattenmarkt erschienen ist. Um in den Genuss der mitreißenden Musik von Johann Strauß zu gelangen, musste man bislang zu den Referenzaufnahmen von Heinrich Hollreiser, Robert Stolz und Franz Allers, allesamt aus den 1950er und 1960er Jahren, greifen. Geschmacksache bleiben zudem die vielgelobten Aufnahmen von Nikolaus Harnoncourt oder die in manchen Kreisen als legendär geltende Ackermann-Einspielung. Nun liegt also ein zeitgemäßer Mitschnitt vom NDR aus dem Jahr 2015 beim Label Pentatone auf zwei SACDs vor – zeitgemäß, weil er klangtechnisch kaum Wünsche offen lässt und weil die mitgeschnittene Aufführung in ihrer weitgehend starken Besetzung mit namhaften Künstlern von heute die Operette im Hier und Jetzt neu verankert und dadurch Identifikationspotenzial schafft. Da macht es in der Wahrnehmung eben doch einen Unterschied, ob junge, vielversprechende, aber eben noch unbekannte Sängerinnen und Sänger in einem Mitschnitt aus Bad Ischl den CD-Markt eher unbemerkt bereichern, oder ob der NDR mit international renommierten Solisten wie Claudia Barainsky, Jochen Schmeckenbecher, Heinz Zednik und dem im Heldenfach gefragten Nikolai Schukoff auftrumpfen kann.

Grundlage für den vorliegenden Konzertmitschnitt ist das 'Zigeunerbaron'-Notenmaterial der Neuen Johann Strauß Gesamtausgabe, das den von Traditionen überlagerten Operetten-Dauerbrenner von Altlasten befreit und der vermuteten Originalgestalt wohl besonders nahe kommt. Angeblich ist diese Fassung weniger chauvinistisch und weniger kriegsverherrlichend. Im Beiheft liest man von der "Aufwertung der Zigeuner" und einer "scharfen Kritik an der Lächerlichkeit des Militärs". Doch bei aller musik- und theaterwissenschaftlichen Auseinandersetzung haftet dem 'Zigeunerbaron' auch in dieser Lesart ein unangenehmer Beigeschmack an, der von seinem Libretto ausgeht. Parodie und Karikatur sind dem 'Zigeunerbaron' fremd, kritische Zwischentöne muss man dezidiert suchen wollen, um sie zu finden.

Große Namen, große Stimmen

Auf der musikalischen Seite ist diese Veröffentlichung aber durchaus ein Gewinn. Gerade mit Nikolai Schukoff steht ein Sándor Barinkay an der Spitze des Ensembles, der mit prachtvollem Heldentenor und kernig maskulinem Timbre die Ohren spitzen lässt. Gleichzeitig verfügt er über die ansprechende Mischung aus opernhaftem Tonfall und operettigem Schwung, den speziell der 'Zigeunerbaron' braucht, um glaubhaft zu sein. Die dunkle Stimmfärbung Schukoffs passt zudem wunderbar zum brüchigen Charakter des Barinkay, der eben nicht nur ein strahlender Held, sondern ein ebenso zweifelhafter Patriarch ist. Von Nikolai Schukoff stammt im Übrigen auch die Einrichtung der Dialoge, die hier kurz, knapp und prägnant zum Zuge kommen, ohne freilich den Sprechtext qualitativ zu verbessern.

Die Sprechpassagen sind, wie so oft, auch bei dieser Operetten-Aufnahme ein Wermutstropfen. Sie tönen in klischeehafter Sängermanier, dass man mit den Ohren schlackern möchte. Unzählige Gags werden plattgedrückt, weil man sich mit vollem Gewicht auf ihnen niederlässt, und der scheinbar obligatorische ungarische Akzent bei Jochen Schmeckenbecher als Kálmán Zsupán ist weder komisch noch bereichernd.

Dafür singt Jochen Schmeckenbecher seine Partie zum Niederknien gut. So edel und - im Gegensatz zu seinen Dialogen - frei von Traditions-Mätzchen hat man den Zsupán schon lange nicht mehr gehört. Großartig ist auch die Arsena von Jasmina Sakr, die mit ihrem koloratursicheren Sopran ein junges Mädchen von strahlender Attraktivität klanglich erfahrbar macht und ihre Arsena zugleich mit einem wunderbar zickigen Unterton ausstattet. Als Graf Homonay ist der mit einem prachtvollen Bariton gesegnete Markus Brück eine wahre Luxusbesetzung und mit Heinz Zednik als Conte Carnero ist dem NDR ein regelrechter Besetzungscoup geglückt. Zednik, der sowohl in der Oper als auch in der Operette als Altmeister gelten darf, veredelt seine Partie mit hörbar viel Erfahrung und großer Ernsthaftigkeit, auch wenn ihm keine großen stimmlichen Mittel mehr zur Verfügung stehen.

Rollendeckend ist der schwärmerische Ottokar mit Paul Kaufmann besetzt, während die Czipra von Khatuna Mikaberidze vor allem durch ihre ebenmäßige Stimmschönheit auffällt. Für diese Partie fehlt es der Mezzosopranistin allerdings ein wenig an abgründig orgelnder Tiefe und Charakterprofil. Mikhaberidze singt die Czipra fraglos wunderschön, bleibt dadurch in ihrer Gestaltung aber zu vorsichtig, um nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Eben diesen hinterlässt Renate Pitscheider als Mirabella im Überfluss. Ihr steht vielleicht nicht die saftige Mittellage zur Verfügung, die eine Mezzosopranistin dieser Rolle ausspielen könnte, aber die Sängerin macht es mit ihrer ungeheuren Stimmpräsenz und ungebremsten Energie wieder wett. Ihre Mirabella wird im Handumdrehen zum greifbaren Charakter und rechtfertig das Erklingen ihres leider viel zu oft gestrichenen "Kanonen-Couplets" im ersten Akt.

Zwiespältige Saffi

Die Saffi von Claudia Barainsky macht auf Tonträger leider nicht wirklich glücklich. Zu ausladend und teilweise störend ist ihr unkontrolliertes Vibrato. Die teils tiefe Lage der Partie bereitet Barainsky trotz dramatischer Attitüde hörbare Probleme, immer wieder spricht die Stimme nicht an, wackelt im Tonansatz. Eine stimmlich faszinierende und strahlende Saffi klingt anders. Dennoch zeichnet sich Claudia Barainsky als kluge und versierte Künstlerin aus, die aus ihren vokalen Einschränkungen größtmöglichen Effekt zaubert, indem sie sich furchtlos und mit völliger Hingabe in die Musik wirft, dynamische Raffinesse, tadellose Artikulation und Temperament so zu verbinden weiß, dass ein glaubwürdiges Rollenporträt entsteht. Außerdem ist die Sängerin als einzige in der Lage, ihre Dialogpassagen natürlich und geradeaus zu sprechen.

Am Pult der NDR Radiophilharmonie und des hervorragenden NDR Chors setzt Lawrence Foster eher auf opernhafte Größe als auf scharfe Konturen und operettige Leichtigkeit. Trotz weitgehend langsamer Tempi und einer gewissen Schwere überzeugt dieser Zugang als Gesamtpaket durchaus, denn Foster weiß um die süffige Melancholie und den strammen Charme der Straußschen Walzer und Märsche.

Dieser neue NDR-'Zigeunerbaron' gestaltet sich als klangvolle Alternative zu gängigen älteren Aufnahmen. Der Griff zu Hollreiser und Allers lässt sich aber im Hinblick auf Charme, Lust und unverwechselbare Sängerpersönlichkeiten nicht dauerhaft unterdrücken.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strauß Jr., Johann: Der Zigeunerbaron

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pentatone Classics
2
08.04.2016
Medium:
EAN:

SACD
827949048265


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Strauß, jun., Johann


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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