> > > Corigliano, John und Hoffman, William M.: The Ghosts of Versaille
Sonntag, 15. September 2019

Corigliano, John und Hoffman, William M. - The Ghosts of Versaille

Anrührendes Spektakel


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Neuerscheinung ist eine wahre Freude für alle Opernfans und Sammler!

John Coriglianos Oper 'The Ghosts of Versailles' ist alles in einem: Große Oper, Opera buffa, Spektakel, anrührende Tragödie, intimes Kammerstück, furchtlose Parodie und gleichzeitig eine tiefe Liebeserklärung an das Musiktheater. Und das Werk ist noch etwas: ein ungeheurer Kraftaufwand für ein Opernhaus. Die Besetzung fordert unzählige kleine bis mittlere Partien, viele große Rollen und nebenbei auch groß dimensionierte Chorpassagen und Ballett. Hier wird fraglos deutlich, für welches Opernhaus John Corigliano seine "Grand Opera buffa" konzipiert hat – für die Metropolitan Opera in New York. Die Uraufführung 1991 war ein gigantischer Erfolg, seither sind die Neuinszenierungen mehr als spärlich. Das ist schade, denn 'The Ghosts of Versailles' bietet umfassende Unterhaltung auf hohem Niveau und hält äußerst dankbare Rollen für die Solisten bereit.

Abstruse Handlung

Die Handlung von Coriglianos Oper ist in ihren Einzelheiten kompliziert und lässt sich kaum nacherzählen: Die Geister von Versailles, Marie-Antoinette, König Louis XVI., der Dichter Beaumarchais und viele andere treffen in einem Theaterraum zusammen. Viele Opfer der französischen Revolution haben sich mit ihrem Schicksal abgefunden – nicht aber Marie-Antoinette, die am verlorenen Leben verzweifelt. Beaumarchais, der Marie-Antoinette liebt, will ihr Schicksal nachträglich ändern. Zu diesem Zweck lässt er die Figuren seiner 'Figaro'-Trilogie in einem neuen Stück auftreten, das die bekannten Konsequenzen der Revolution ändern soll. Die Gräfin Almaviva und Cherubino haben einen Sohn, Susanna und Figaro sind in die Jahre gekommen, eine Halskette Marie-Antoinettes soll in der Oper-in-der-Oper ihr Leben retten. Schließlich vermischen sich die Realitäten und es geschieht das Unvermeidliche: Marie-Antoinettes Hinrichtung wiederholt sich und Beaumarchais ist mit seiner Geliebten im Paradies vereint.

Das klingt abstruser als es sich im Fortgang der Oper darstellt. Es sind die an Situationskomik und musikalischem Witz reichen Episoden, die den Zuschauer oder Zuhörer gefangen nehmen, und es ist die emotionale Tiefe der Rahmenhandlung, die Betroffenheit verursacht. Corigliano spielt mit den Stilen, webt Zitate in seine Musik, entwirft effektvolle Klangräume für die jeweiligen Ebenen. So existieren traditionelle Nummern wie Arien, Duette, Quartette und schnurrende Buffa-Finali ganz selbstverständlich neben der tonal gestörten Klangwelt der Geister. Die Musik bleibt dabei stets selbsterklärend und barrierefrei, kein intellektuell überfrachtetes Musiktheater-Konstrukt, sondern repertoirefähige Oper mit zahlreichen Anspielungen und überraschender Leichtigkeit. Vielleicht ist es diese "Gefälligkeit", die neben der technischen Schwierigkeiten einer weiteren Verbreitung der 'Ghosts of Versailles' in Europa im Wege steht. Coriglianos Werk ist zweifellos sehr amerikanisch: Es bündelt die Einflüsse europäischer Oper, versetzt sie mit amerikanischem Traditionalismus und streut darüber eine Prise Broadway-Flair.

Erster kommerzieller Audiomitschnitt

'The Ghosts of Versailles' sind in jeder Hinsicht ein beeindruckendes Stück amerikanischer Operngeschichte, die gepflegt werden sollte. Das beweist der erste kommerzielle Mitschnitt der Oper auf SACD, der kürzlich beim Label Pentatone erschienen ist. Es handelt sich um eine Livemontage vom Februar und März 2015 in der Los Angeles Opera unter der Leitung von James Conlon. Die Besetzung ist bei weitem nicht so inflationär mit großen Stars geschmückt, wie die Uraufführungsproduktion in New York, aber die Solisten dieser Neuinszenierung können sich durchweg hören lassen.

Allen voran glänzt Christopher Maltman als Beaumarchais mit seinem sonoren Bariton, der nach wie vor jenen besonderen Don-Giovanni-Sexappeal ausstrahlt. Kein Wunder, dass ihm Marie-Antoinette verfallen ist, die hier von Patricia Racette verkörpert wird. Sie klingt nicht so zerbrechlich und charaktervoll wie einst Teresa Stratas, aber sie erfüllt ihre Partie mit klangvollem und vibratobehaftetem Primadonnenton und viel Herz. Eine Idealbesetzung für den Figaro ist Lucas Meachem, der neben einer prachtvollen Stimme auch mit Eleganz und Charme aufwarten kann. Seine große Arie im ersten Akt schwankt wunderbar zwischen blankem Entertainment und existenzieller Verzweiflung.

Bei den Damen überzeugen vor allem Stacey Tappan als jugendlich unbeschwerte Florestine mit Nachtigallen-Qualitäten, Lucy Schaufer als mütterlich bodenständige Mezzo-Susanna und Guanqun Yu als attraktive und im zweiten Akt zunehmend tiefschürfende Rosina. Als Cherubino schlägt sich Renée Rapier tadellos, wenngleich ihr Mezzosopran für die Partie deutlich zu alt und unruhig klingt. Der Almaviva ist bei Joshua Guerrero in den besten Tenorhänden und Brenton Ryan ist ein beglückend lyrischer Léon, der mit Feuer und Leidenschaft zu Werke geht.

Wahre Kabinettstückchen liefern Altmeister Robert Brubaker als gefährlich abgründiger Bégearss und Joel Sorensen als Wilhelm mit herrlich komischem deutschem Akzent. Während sich Philip Cokorinos als Pasha eher über die vokale Komik hinwegrettet, beeindruckt Kristinn Sigmundsson als Louis XVI. noch immer mit stattlichen Basstönen.

Mutiger Besetzungs-Coup

Die Liste der Mitwirkenden ist lang, aber unbedingt erwähnenswert ist der Besetzungs-Coup, der der LA Opera mit der Rolle der Samira gelungen ist. Wo einst Marilyn Horne die Zuhörer mit den Ohren schlackern ließ, setzt nun der Broadway-Star Patti LuPone Akzente. Die Künstlerin ist in Samiras absurder Shownummer eine wahre Wucht. Doch kann sie die Widmungsträgerin der Partie nicht ganz vergessen lassen. Speziell in der extremen Höhe stößt Patti LuPone an ihre natürlichen Grenzen. Aber mal ehrlich: Wer soll diese extreme Partie nach Marilyn Horne überhaupt noch mit diesem ungewöhnlichen Stimmumfang bewältigen? Somit kann LuPone den heutigen Hörer fraglos begeistern – Marilyn Horne bleibt dennoch eine Klasse für sich.

Am Pult des Los Angeles Opera Orchestra steht mit James Conlon der Chef selbst. Und er hat hörbare Freude am Stilmix von Coriglianos Partitur, an zündenden Rhythmen und gespenstischen Klangteppichen.

Diese Neuerscheinung ist eine wahre Freude für alle Opernfans und Sammler. Und im Gegensatz zum Mitschnitt der Uraufführungsserie, der in den USA auf DVD erschienen ist, ist diese SACD-Box auch in Europa erhältlich. Und im Beiheft ist das komplette Libretto abgedruckt. So macht das Entdecken Freude!



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Corigliano, John und Hoffman, William M.: The Ghosts of Versaille

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pentatone Classics
2
08.04.2016
Medium:
EAN:

SACD
827949053863


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Corigliano, John


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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