> > > Draeseke, Felix: Symphony No.3
Dienstag, 25. Juni 2019

Draeseke, Felix - Symphony No.3

Kuss der ganzen Welt!


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Farbigkeit der Instrumentation wird ebenso Rechnung getragen wie der plastischen Modellierung im Detail.

Die Nazis mochten ihn. Und das ist vielleicht das größte Problem. Unter Hitler wurde Felix Draeseke (1835-1913) zum musikalischen Nationalheroen stilisiert, zur "Galleonsfigur germanischen Komponierens" (Christoph Schlüren). Die braune Kulturpolitik ehrte ihn mit Draeseke-Festen, und Erich Roeder - Musikreferent des "Angriff" - beschrieb in zwei Bänden den "Lebens- und Leidensweg eines deutschen Meisters". Ganz ungeeignet für solche Vereinnahmung war Draeseke nicht. Schon die Titel mancher seiner Werke wie "Frithjof", "König Sigurd" oder "Gudrun" versprühen wenig mediterrane Lässigkeit. Und aus dem ehedem als "Zukunftsmusiker" Verschrienen war im Alter ein Konservativer geworden, der neben einem Kontrapunkt-Lehrbuch auch eine Polemik gegen die "Die Konfusion in der Musik" verfasste.

Dass man nach 1945 besseres zu tun hatte, als Draeseke schleunigst zu rehabilitieren, verwundert kaum; bestand doch genügend Nachholbedarf bei einst verfemten "Neutönern" wie Hindemith, Schönberg und Strawinsky. Und so wurde denn die einzige bisher erschienene Schallplatten-Einspielung mit Draesekes dritter Sinfonie - 1955 Mono, 1979 in einer schlechten Stereo-Fassung veröffentlicht - nicht etwa von Wilhelm Furtwängler geleitet, der das Werk hochschätzte, aber unter den Nazis von Aufführungen absah. Vielmehr stand ein ‚Hermann Desser' am Pult eines ‚Berlin Symphony Orchestra'. Bei letzterem handelte es sich in Wirklichkeit um das Orchester des ‚Reichssenders Berlin'. Und der Dirigent der vermutlich 1942 entstandenen Aufnahme war niemand anders als dessen Generalintendant Heinz Dewes; nebenbei Leiter der Abteilung Musik in Goebbels' Propaganda-Ministerium. Alles furchtbar ungerecht? Das findet wenigstens Christoph Schlüren; Musik-Kritiker sowie Autor des Booklet-Textes der vorliegenden CD und - dem Informationsreichtum seiner Einführung nach zu urteilen - ein Kenner und Verehrer der Musik Draesekes. Da sieht man ihm gern nach, wenn er seine Einführung mit reichlich vollmundigem Pathos einleitet: Es sei der ‚vorläufige Endpunkt eines bemerkenswerten Irrweges der Musikgeschichte', wenn nun, ‚im Jahr 2000' Draesekes ‚symphonisches Hauptwerk', die Symphonia tragica, ‚eine der gewaltigsten Leistungen deutscher Symphonik' dem ‚interessierten Publikum in aller Welt' zugänglich gemacht werde. Diesen Kuß der ganzen Welt! Immerhin: Zum hochmögenden Ton der ‚Symphonia tragica' paßt diese Wortwahl recht gut. Was nicht heißt, dass der Spätromantiker neudeutscher Prägung uns in diesem Werk vierschrötig schwiemeliges Pathos auftischt. Im Gegenteil: Draeseke neigte - was feine Nuancierungen anlangt - offenbar fast zur Pingeligkeit, wie man an manchen Tempovorschriften sieht: ‚un pochettino piú lento' soll etwa der Mittelteil des Scherzo gespielt werden - ein klitzekleines bisschen langsamer. Es ist nicht zuletzt diese Differenziertheit, die an der ‚Symphonia tragica' fasziniert, der Facettenreichtum der Instrumentation, der die Dichte der komplex gewobenen Partitur licht und durchsichtig macht. Sie geht Hand in Hand mit einem Zug ins Großartige, einem langen Atem, der sich am eindrücklichsten in jenem Prinzip zyklischer Geschlossenheit äußert, das für die Neudeutschen so charakteristisch wurde: Wenn das schaurig-fahle Kopfmotiv der langsamen Einleitung des ersten Satzes im Finale triumphal wieder die Bühne betritt, dann darf sich auch der Hörer ruhig ein bisschen erhaben fühlen.

Dankenswerterweise sind all diese und andere motivisch-thematische Verschlingungen in Schlürens Text eingehend beschrieben. Dergestalt kundig gemacht, hat man noch mehr Genuss mit dieser Aufnahme als ohnehin.

Die NDR-Radiophilharmonie Hannover legt sich unter Jörg-Peter Weigle mächtig ins Zeug, um dieses sinfonische Schwergewicht zu stemmen. Der Farbigkeit der Instrumentation wird ebenso Rechnung getragen wie der plastischen Modellierung im Detail, ohne dass dabei die Kontrolle über die Architektur des Ganzen verlorenginge. Transparenz ist oberstes Gebot; wenn auch an einigen Tutti-Stellen kaum vollends zu realisieren.

Die Klangqualität der Aufnahme ist überdies hervorragend. Ein angemessenes Comeback also für ein Werk, das Arthur Nikisch immerhin für ‚ebenbürtig unseren klassischen Symphonien' hielt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Kritik von Christian Möller,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Draeseke, Felix: Symphony No.3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.04.2000
54:58
1997
2000
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0761203958122
cpo999581-2

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Draeseke, Felix


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Dirigent(en):Weigle, Jörg-Peter
Orchester/Ensemble:NDR RPO Hannover


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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