> > > Widmann, Jörg: Fünf Bruchstücke
Montag, 6. Dezember 2021

Widmann, Jörg - Fünf Bruchstücke

Nachtstücke und Fieberträume


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wenn man sich Jörg Widmanns Geburtsjahr 1973 vor Augen hält und im selben Moment bedenkt, dass dieser junge Mensch sich bislang nicht nur als Komponist einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet hat, sondern auch als international gefragter Klarinettist (und zwar sowohl in der neuen Musik wie im klassischen Bereich) und Professor an der Freiburger Musikhochschule wirkt, so darf man wohl berechtigterweise erwarten, dass von ihm noch viel zu hören sein wird. Der Komponisten-Förderpreis der Ernst von Siemens Stiftung, den Widmann im Mai dieses Jahres erhielt, ist sicher ein deutlicher Zeuge seines Erfolgs. Die vorliegende CD versteht sich als kleine Werkschau des Komponisten innerhalb einer Serie vieler Porträts, die das auf neue Musik spezialisierte Label WERGO seit einigen Jahren herausgibt. So sind vor allem kurze kammermusikalische Stücke zu finden, um wirkliche Vielfalt gewährleisten zu können.

Die vier enthaltenen Werke entstanden im Zeitraum von 1997 bis 2002. Das früheste sind die ‚Fünf Bruchstücke’ für Klarinette und Klavier, die vom Komponisten selbst unter Begleitung von Silke Avenhaus eingespielt wurden – Miniaturen von großem Kontrastreichtum, die eine Wende in Widmanns Schaffen markieren. Er entdeckte in diesem Duo alternative Möglichkeiten der instrumentalen Klangerzeugung für sich. So spielt beispielsweise der Pianist zum Teil im Innenraum des Instruments. Besonders auffällig wird hier Widmanns instrumentale Fähigkeit decrescendi tatsächlich bis zur Unhörbarkeit durchzuführen.
Die ‚Étude III’ für Violine solo (2001/02) scheint eine Auseinandersetzung mit virtuoser Violinliteratur seit J.S. Bach zu sein. Arpeggierte Akkorde und schnelle Läufe werden bis hin zu lückenlosen Glissandi gesteigert – höchste Anforderungen für die Solisten Carolin Widmann, die sie meisterhaft bewältigt.

Den größten Teil der CD nehmen die ‚Freien Stücke’ für Ensemble (2002) ein, hier wiedergegeben in einer hervorragenden Interpretation des Ensemble Modern unter Leitung von Dominique My. Die zehn Sätze von sehr unterschiedlicher Länge bewegen sich (mit Ausnahme des vorletzten Satzes, der wie ein groteskes Scherzo in der Nachfolge Schostakowitschs anmutet) im Spannungsfeld zwischen bedrohlich-quälender Ruhe, aggressiver Dissonanz und aufgebrachter Hektik. Lyrische Passagen, wie sie in den ‚Fünf Bruchstücken’ zu finden sind, sucht man vergebens; das ganze Werk strahlt eine unheimliche beeindruckende Düsterheit aus. Diese Wirkung erzielt Widmann vor allem durch sehr starke Kontraste in den verwendeten Klangfarben: bis in extrem hohe bzw. tiefe Lagen haben die Instrumentalisten vorzudringen, manche Klänge scheinen, als seien elektronisch erzeugt worden. Überhaupt beweist sich Jörg Widmann vor allem in diesem Stück als Meister der Instrumentation.

Im abschließenden Werk ‚Fieberphantasie’ für Klavier, Streichquartett und Klarinette (1999) ist der Komponist wieder als Interpret zu hören. Es thematisiert die Zustände eines im Fieber halluzinierenden Menschen, was sich musikalisch z.B. in unbarmherzig pulsierenden Repetitionen oder immer wieder anschwellenden Klanggebäuden, die auf ihrem Höhepunkt zusammenbrechen, äußert. Zeiten der Ruhe, des Traums wechseln mit wahnhaft wüsten Passagen ab.

Der von der renommierten Musikwissenschaftlerin Helga de la Motte verfasste Einführungstext im Booklet der CD gibt einen sehr detaillierten Einblick in manche Aspekte der Kompositionstechnik Widmanns, ist allerdings so präzise, dass er ohne die – für moderne Werke leider meist recht schwer zugängliche – Partitur nur bedingt verständlich ist. Nichtsdestotrotz stellt er einen sehr hilfreichen und besonders für Einspielungen zeitgenössischer Werke wünschenswerten Kommentar dar. Aber bei aller Theorie ist an dieser großartigen CD vor allem der klangsinnliche, ja fast schon klangsentimentale Eindruck von hervortretender Bedeutung. Wer Jörg Widmann kennt, wird diese Einspielung ohnehin mögen; und wer ihn nicht kennt, wird ihn mit dieser Aufnahme lieben lernen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Kritik von Oliver John,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Widmann, Jörg: Fünf Bruchstücke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
WERGO
1
02.06.2003
57:00
2002
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
4010228655520
WER 6555 2

Cover vergössern

Widmann, Jörg


Cover vergössern

Dirigent(en):My, Dominique
Interpret(en):Avenhaus, Silke (Klavier)
Widmann, Carolin (Violine)
Ensemble Modern,


Cover vergössern

WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag WERGO:

blättern

Alle Kritiken von WERGO...

Weitere CD-Besprechungen von Oliver John:

blättern

Alle Kritiken von Oliver John...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Bach mit Herz und Seele: Claire Huangci empfiehlt sich mit ihrem neuen Album für weitere Bach-Aufgaben. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Nebenschauplatz: Als Klavierkomponist hat Edward Gregson nur bedingt nachhaltige Bedeutung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Brahms ohne Schrei – aber als Trost im Lockdown: Emmanuel Despax realisiert mit engen Vertrauten seinen Jugendtraum, Brahms' 1. Klavierkonzert aufzunehmen. Und liefert eine im Lockdown entstandene Interpretation von 16 vierhändigen Walzern mit Ehefrau Miho Kawashima hinterher. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

IMMA

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2021) herunterladen (3500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich