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Mittwoch, 21. November 2018

Mendelssohn Bartholdy, Felix - Lieder ohne Worte

Fundamental neue Flügel-Farben


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mehr als drei Jahre nach seiner ersten Folge der 'Lieder ohne Worte' hat Ronald Brautigam jetzt auch die noch fehlenden Hefte eingespielt. Ihm gelingt eine pianistisch ebenso brillante wie poetisch durchdachte neue Referenz-Interpretation.

Eigentlich stellt die historisierende Aufführungspraxis gerade der 'Lieder ohne Worte' Mendelssohns (und verwandter ‚lyrischer‘ Klavierstücke des 19. Jahrhunderts) den Präzedenzfall einer ambivalenten Auslegbarkeit des ‚Werktreue‘-Begriffs dar. Folgt man dem ästhetischen Ideal eines plastischen instrumentalen Singens, erlauben die progressiven Klangmöglichkeiten neuerer Instrumente, wie sie erst nach Mendelssohns Tod und in fast allen bisherigen Aufnahmen zu hören sind, eine womöglich sogar angemessenere Annährung an die musikalisch-poetische Idee. Die Klaviere der Mendelssohnzeit hingegen scheinen aufgrund der hörbar geringeren ‚Leuchtkraft‘ höherer Lagen gegenüber dem sonoren Bassbereich und der bestimmenden Mittellage schon rein materiell die Strategie zu konterkarieren, der Oberstimme ihr liedgemäßes Recht auf lyrisch-melodische Dominanz zu verleihen.

Zu Recht wird deshalb bereits im – auch in die Werke gut einführenden – Booklet in der Beschreibung des Nachbaus eines Pleyel-Flügels von Paul McNulty (1830 / 2010) darauf hingewiesen, dass laut Chopin Pleyels Instrumente eben nicht mit einer ‚vorgefertigten‘ Toncharakteristik ausgestattet sind (wie sie ihrerzeit offenbar die Instrumente von Érard und heute etwa die in der Sopranlage recht durchdringend, aber auch ziemlich monochrom ausgestatteten Steinways aufweisen). Dass der genutzte Pleyel trotz der kürzeren Nachklangdauer viel Tonformung und Abschattierung (auch mittels Pedalisierungen) erlaubt, macht Ronald Brautigams äußerst charaktergemäß den Klang von Stück zu Stück variierendes Spiel sehr deutlich.

Natürlich stellt ein – für Mendelssohn als ausführenden Musiker bezeugtes – oft recht schnell gewähltes Grundtempo eine erste Kompensationsmöglichkeit dar: Unglaublich rasant umgesetzte Akkordrepetitionen in der Mittellage, etwa wie im Es-Dur-'Presto' op. 85/3 oder dem 'Allegro con fuoco' op. 62/2, beeindrucken in ihrer trennscharfen, höchst virtuosen Ausführung und erlauben durch Tempo der Melodie, sich in rechtem Legato zu entfalten. Brautigam nutzt auch die Vorteile, das Verhältnis der Stimmlagen über die Darstellungsmöglichkeiten des Instruments neu zu bestimmen, und nähert sich im 'Allegro leggiero' op. 67/2 in seiner schön trocken (secco) klingenden Mixtur der in gehenden Bass und motorisch prägnante Bewegungs-Pattern unterteilten Begleitung mit einer wirklich singenden Rechten der Auffassung dieser Klaviermusik als regelrecht moderner Materialstudie, wie sie jüngst auch Khatia Buniatishvili hochspannend auf ihrem Sampler ‚Motherland‘ in Nachbarschaft Ligetis gezeichnet hat.

Mit überzeugender Rhetorik die Farbpallette des historischen Flügels genutzt

Im Hinblick auf nahezu alle hier versammelten ‚Lieder‘ darf wie bei der ersten Folge von Referenz-Aufnahmen gesprochen werden, und das nicht nur im Hinblick auf die historische Ausrichtung des Instruments. Dass der Dirigent Mendelssohn bereits als Vorreiter eines neuen, sachlich-eleganten Vortragsstils galt, kommt Brautigams interpretatorischer Ausrichtung sehr entgegen: Sein historisch berechtigtes leichtes Rubato-Spiel in der Artikulation der schönen melodischen Phrasen ist schon in der Eingangsnummer der CD und des fünften Hefts, dem 'Andante espressivo', zu bewundern. Die an Ohrwürmern nicht armen Hefte 5 und 6 gelingen auch im Vergleich mit der inzwischen starken, nicht historisierenden Konkurrenz überragend: Die Penetranz der Arpeggien im eigentlich fast totgespielten 'Frühlingslied' wird ganz in Klangfarbe und Bewegung umgemünzt, man hört das Stück ganz anders, entkitscht und neu. Brautigam kennt die vokalen und orchestralen Idiome, die aus den Versatzstücken des 'Trauermarschs' (op. 62/3) eine plastische kleine Klaviererzählung machen, er lässt in der Reprise des Hauptteils von op. 67/1 zum sentimentalen Liedgedanken das ferne Glöckchen als Ankerpunkt klingen.

Das ‚Tempo rubato‘, die feine Verzögerung zwischen Hauptstimme und bis zu einem Schlag verschobener Begleitung., setzt er ebenso sicher ein wie einst noch ganz selbstverständlich in der Tradition des 19. Jahrhundert Ignaz Friedman um 1930. Hoch virtuos das 'Spinnerlied' op. 67/4 mit seiner feingesponnenen Motorik nach dem sehr choralhaft-kontemplativ angelegten und emotional gesteigerten 'Andante tranquillo' (op. 67/3). Und als Zugabe zu den zweiten vier Heften – die Nummern 7 und 8 erschienen ja bereits posthum vom Verleger Simrock zusammengestellt – fünf weitere einzelne 'Lieder ohne Worte' ohne Opus, darunter ein von R. L. Todd ergänztes Fragment ('Allegro molto' Es-Dur MWV U82). In punkto Vollständigkeit rangieren die beiden BIS-Produktionen vor fast allen ‚Gesamtaufnahmen‘ zumeist nur der acht Hefte, und Brautigam findet hier in Folge 2 sogar noch Platz und Motivation für die verwandten 'Sechs Kinderstücke' op. 72 aus dem Todesjahr 1847 und zwei Stücke aus dem in England entstandenen Notenalbum für Eduard Benecke.

Wer die klangliche Opulenz des modernen Flügels bevorzugt, ist mit der wegen ihrer Verbreitung, Eleganz und Empathie geradezu klassischen ‚Gesamtaufnahme‘ von Daniel Barenboim (DGG 1974) immer noch gut aufgehoben, zu der es u.a. hinsichtlich lyrisch-sanglicher Qualitäten und emotionaler Eindringlich auch Alternativen etwa in Form der Auswahl mit Javier Perianes gibt (HMF 2014). Als Gesamtpaket mit einer überragenden Leistung eines unbestrittenen Weltklassepianisten mit Faible für historische Instrumente dürften die beiden BIS-Folgen Brautigams aber unschlagbar sein, nicht zuletzt auch wegen ihrer hervorragenden Klangqualität.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mendelssohn Bartholdy, Felix: Lieder ohne Worte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
06.04.2016
EAN:

7318599919836


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Mendelssohn Bartholdy, Felix


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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